Naomi Osaka denkt bei ihrem Protest auch an Philando Castile. Foto: AP/Seth Wenig

Die Japanerin Naomi Osaka hat zwar bei den US Open das Finale erreicht, aber das steht bei ihr in diesem Jahr nicht nur im Vordergrund. Sie nutzt die große Bühne, um ein Zeichen zu setzen gegen Rassismus und Polizeigewalt.

Stuttgart - Wie gut, dass Naomi Osaka in das Finale der US Open eingezogen ist. Die maximale Anzahl ihrer Spiele erlaubt es ihr, so vielen Rassismus-Opfern wie möglich die Würde zu geben, an ihr Schicksal zu erinnern und die Welt wachzurütteln. Sie möchte ein Zeichen setzen gegen Rassismus und Polizeigewalt. Deshalb zeigte sie den Fernsehkameras an jedem ihrer Spieltage einen Mundschutz mit einem anderen aufgedruckten Namen. Breonna Taylor, Elijah McClain, Ahmaud Arbery, Trayvon Martin und George Floyd waren schon vertreten – alles Opfer widerlicher, rassistischer Gewalt. Die Maskenpflicht nutzt Naomi Osaka für ihren Protest.

Zwei Familien der Todesopfer haben bereits mit emotionalen Videobotschaften im Internet auf die große Geste der Tennisspielerin reagiert. Die erst 22 Jahre alte Nummer neun der Weltrangliste war von den Reaktionen der Angehörigen beeindruckt. „Es ist extrem ergreifend, dass sie von dem, was ich mache, gerührt sind“, sagte die Japanerin. „Für mich ist das, was ich tue, nichts. Es ist nur ein Fünkchen von dem, was ich machen könnte.“

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Wie schlimm Ausgrenzung und Rassismus sein können, hat die Tennisspielerin in der eigenen Familie erlebt, die dadurch sogar entzweit wurde. Osakas Vater Leonard François kommt aus dem Karibikstaat Haiti, ihre Mutter Tamaki Osaka ist Japanerin. Der Großvater hatte ihre Mutter verstoßen, weil sie einen Schwarzen heiratete, deshalb zog die Familie auch in die USA. Naomi Osaka war damals drei Jahre alt. Dort wuchs sie in Long Island im Bundesstaat New York auf – und entwickelte sich zu einer der besten Tennisspielerinnen der Welt. Zwei Grand-Slam-Turniere gewann sie, 2018 das in New York und 2019 das in Melbourne. An diesem Samstag könnte sie bei den US Open ihren dritten Erfolg feiern. Im Finale trifft sie auf Viktoria Azarenka, 31, ehemalige Weltranglistenerste aus Belarus.

Sie wird weitermachen

Azarenka wird auf der US-Open-Bühne wohl nicht gegen das zweifelhafte Lukaschenko-Regime in ihrer Heimat demonstrieren. Osaka aber wird weitermachen – so wie der Formel-1-Star Lewis Hamilton nicht müde wird, öffentlich ein Zeichen zu setzen gegen Rassenhass und Gewalt. Er selbst war oft schon Opfer rassistischer Tiraden, vor allem in der Jugend. Er und Osaka sind derzeit sehr prominente Sprachrohre aus der Welt des Sports, die sich öffentlich gegen Fremdenhass positionieren.

Auf wen sonst würden die Menschen hören – die Profis nutzen ihre Popularität. Das weiß auch Naomi Osaka, die sich keine Sekunde die Frage stellt, ob Sportler politisch sein dürfen oder nicht. „Ich hasse es, wenn Menschen sagen, Sportler sollten sich nur unterhalten und sich nicht in die Politik einmischen“, sagte sie bereits zu Beginn der US Open mit fester Stimme, es gehe schließlich um Menschenrechte. Und im Hinblick auf ihre Biografie meinte sie noch: „Wer hat mehr Recht, sich zu äußern, als ich?“

Lewis Hamilton sieht sich aus exakt diesem Grund auch in der Pflicht, etwas zu tun: Wenn nicht er, wer dann? Man konnte den Eindruck gewinnen, dem einen oder anderen Formel-1-Kollegen werde es langsam ein bisschen zu viel, sich bei jeder Fahrerparade hinzuknien, am Ende machten immer weniger mit. Aber das störte den sechsmaligen Champion überhaupt nicht. Er zieht seinen Protest durch, weil es ihm ernst ist. Nicht anders verfährt auch Osaka. „Ich werde immer wieder gefragt, ob ich mich stärker unter Druck fühle, seit ich begonnen habe, zu sagen, was ich denke. Aber so ist es nicht. Falls es Menschen gibt, die mich deswegen weniger mögen, dann ist es halt so.“

Nicht nur Athletin

Beeindruckend war bereits Osakas Auftritt beim von Cincinnati nach New York verlegten WTA-Turnier im Vorfeld der US Open, bei dem sie zu ihrer Halbfinalpartie nicht angetreten war. Die Organisatoren mussten den Spielbetrieb ruhen lassen. Osaka hatte sich Ende August einer Protestwelle amerikanischer Sportstars und Vereine angeschlossen und war vorübergehend in den Streik gegangen. Weshalb? Jacob Blake, ein 29-jähriger Familienvater und Afroamerikaner hatte versucht, bei einem Streit zu vermitteln, wurde dabei von Polizisten in den Rücken geschossen, sieben Patronen wurden auf ihn abgefeuert. Blake wird für immer gelähmt bleiben.

Für Naomi Osaka stand unweigerlich fest: Es gibt wichtigere Themen als ein Tennismatch – außerdem sei es ja auch so: „Noch bevor ich eine Athletin bin, bin ich eine schwarze Frau.“

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