Hat in New York ein Kämpferherz entdeckt: Alexander Zverev Foto: AP/Frank Franklin II

Der Hamburger Alexander Zverev will die Gunst der Stunde nutzen und vielleicht sogar die US Open gewinnen.

Stuttgart - Es war wirklich nicht die feine englische Art, wie ein Fernsehreporter dem Tennisprofi Alexander Zverev nach seinem Einzug ins Halbfinale der US Open begegnete. Da hatte der hochgewachsene Hamburger es geschafft, dass nach Boris Becker vor 25 Jahren erstmals wieder ein Deutscher so weit gekommen war in Flushing Meadows – und schon musste er eine unangenehme Frage beantworten. Was er, Zverev, denn von Martina Navratilovas Kritik an seiner Person halte, die sagte, er würde mit seinem „Larifari-Tennis“ die großen Stars niemals schlagen und auch keine Major-Titel gewinnen?

Das saß! Im letzten Moment schien Zverev aber zu realisieren, dass man sich in New York nicht mit einer 63 Jahre alten US-Ikone des Tennissports anlegt – und so wählte er den Ton eines kultivierten, abgeklärten Hanseaten. „Sie ist eine mehrfache Grand-Slam-Siegerin und respektiert. Aber ihre Meinung spielt in diesem Moment keine Rolle für mich“, antwortete Zverev erstaunlich lässig.

So wie er sich in dieser Szene gab, so spielte er zuvor auch sein Viertelfinale gegen den unbequemen Kroaten Borna Coric. Im ersten Satz ging Zverev mit 1:6 unter, es gab also Gründe, zu fluchen, zu schimpfen und den Tennisschläger zu zerstören – auch diese Seiten kennt man von ihm. Stattdessen verrichtete er nach dem verbockten Start ruhig und konzentriert seine Arbeit, rang Coric mit 1:6, 7:6 (7:5), 7:6 (7:1), 6:3 doch noch irgendwie nieder – und belohnte sich mit der Halbfinalteilnahme. Am Freitag trifft die Nummer sieben der Welt auf den Spanier Pablo Carreno Busta. Der ist die Nummer 27 – und der Deutsche damit Favorit.

Fortschritte gemacht

Edwin Weindorfer vermarktet unter anderem das Weissenhof-Turnier in Stuttgart, und er ist begeistert von Zverevs Erfolg. „Zu Alexander kann ich nur eines sagen: Super, dass er im Semifinale ist, und wir wünschen uns alle, dass er erstmals ein Grand-Slam-Turnier gewinnt“, sagt der Österreicher, der dem Teenager Zverev in Stuttgart die Tür auf zur großen Bühne aufgestoßen hatte. „Er hat einige Wildcards von uns bekommen, sowohl im Einzel als auch im Doppel, er hat aber leider Gottes in Stuttgart nie super gespielt. Sein Talent aber hatten nicht nur wir erkannt, sondern andere Veranstalter auch.“

Ist Alexander Zverev mit seinen 23 Jahren jetzt gereift? Eine gute Frage ist das, zumal er sich noch vor wenigen Monaten den Zorn der Öffentlichkeit zugezogen hatte mit seinem Verhalten bei der Adria-Tour. Dort hatte er mit Novak Djokovic und anderen Akteuren eine wilde, nicht den Corona-Vorschriften entsprechende Tennisparty gefeiert. „Ich glaube, dass das Thema vorbei ist und dass er sich jetzt an die Grundsätze hält – jetzt muss man einfach das Sportliche sehen“, sagt Weindorfer, für den bei der Adria-Tour „einige Dinge falsch gelaufen“ seien. Zverev indes sieht echte Fortschritte in seinem persönlichen Reifeprozess. „Ich musste lernen, mit dem Druck und den Erwartungen an mich umzugehen. Das hat etwas gedauert, aber jetzt bin ich im Halbfinale der US Open – und es soll hier definitiv nicht enden.“

Nicht enden, es bedeutet: Finale erreichen, den Pokal abholen und sich in die Geschichtsbücher des deutschen Tennis’ eintragen lassen. Nie, Zverev spürt es, war die Chance für seinen ersten Grand-Slam-Titel so gut wie dieser Tage in New York. Rafael Nadal, Roger Federer und andere Tennisgrößen haben vor allem wegen der Corona-Pandemie das Turnier links liegen gelassen. Und der Topmann Djokovic eliminierte sich selbst, indem er unabsichtlich, aber flegelhaft eine Linienrichterin abgeschossen hatte und abreisen musste.

Unwirkliche Zeiten

Was ein US-Open-Titel in diesen unwirklichen Zeiten wert ist, werden die Experten beurteilen. Tendenziell negative Bewertungen wird der Sieger, der in diesem Jahr ohne die großen der Szene mal ein ganz anderer sein wird, tatsächlich verschmerzen können. In ein paar Jahren wird es kaum interessieren, dass der Erfolg bei einem dürftig besetzten Ausnahme-Turnier eingefahren wurde gegen Leute der B-Kategorie. Doch Titel ist Titel. Der steht in der Liste der Erfolge – unwiederbringlich und für die Ewigkeit.

Alexander Zverev befindet sich deshalb auch im Finalsieg-Modus, seine Lust auf den größten Erfolg seiner Karriere ist spürbar – er sagt: „Grand-Slam-Turniere sind der Grund, weswegen ich mit dem Tennis angefangen habe.“ Allerdings wird es ihm nicht in den Schoß fallen. Wackelig startete er in das Turnier, steigerte sich, aber selbst sein Viertelfinalsieg gegen Coric war nicht geprägt vom besten Tennis, das Zverev zu spielen vermag, sondern von harter Arbeit. Doch hat er gezeigt, dass er sich aus Krisen befreien kann und auf das Wesentliche konzentrieren kann. „Du musst, wenn es zählt, die entscheidenden Punkte machen“, sagte Boris Becker bei „Eurosport“, und so habe er bei Zverev eine mentale Stärke gesehen wie zuvor noch nie in Spielen dieser Bedeutung. Vielleicht kommt Martina Navratilova ja bald zu einem ähnlichen Urteil.

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