Auch der Regen hat Tradition in Wimbledon. Foto: AFP

Seit der Premiere 1877 haben sich beim Rasenturnier in London viele Gepflogenheiten entwickelt. Das führt auch zu Problemen.

London - Für ungeduldige Zeitgenossen ist das Gelände rund um die Church Road im Londoner Stadtteil Wimbledon nicht das beste Pflaster. Denn die All England Championships haben seit ihrer Premiere 1877 eine Menge Traditionen entwickelt – „The Queue“ (die Warteschlange) ist eine davon. Und so stehen die Massen jeden Morgen geduldig und amüsiert in einem Park stundenlang diszipliniert an, bedienen sich aus dem Picknick-Korb und werden entlang des Weges von Sponsoren bespaßt. Am Ende der Reihe hoffen sie, ein begehrtes Ground-Ticket zu ergattern.

Das ist für die Matches auf den Außencourts gültig. Oder man macht es sich auf dem Henman-Hill, einer Erhebung vor Court Number one, mit Blick auf die große Videowand bequem und lässt sich von der speziellen Atmosphäre des Clubs einfangen, die geprägt ist von einem Blumenmeer aus Geranien in Violett und Weiß.

Auf Henman-Hill die Atmosphäre genießen

Am Manic Monday, dem verrückten Montag mit allen Matches im Achtelfinale, ist es auf Henman-Hill allerdings zu mehreren schweren Gefühlsbeben der sonst so geduldigen Fans gekommen. Es war derart heftig, dass sich Richard Lewis, der Chairman des ruhmreichsten Tennisclubs der Welt, zu einem Statement gezwungen sah.

„Es geht nicht um Frauen gegen Männer, sondern darum, ein Gefühl dafür zu haben, was das Publikum und die übertragenden TV-Sender sehen wollen“, erklärte Lewis zu dem Umstand, dass man auf der Videotafel hinüber schaltete auf den Centre-Court und das beginnende Spiel des zweifachen Wimbledon-Siegers Andy Murray aus Schottland. Und das, obwohl das Match der aufstrebenden Johanna Konta gerade in einer kritischen Phase war. Letztlich zog Konta als erste Britin seit Virginia Wade 1977 in das Viertelfinale der Championships ein.

Die ewige Diskussion um die Gleichberechtigung

Doch da war die Diskussion um die Gleichberechtigung der Tennis-Geschlechter im All England Club bereits in vollem Gange. Dass sich Frauen und Männer am Manic Monday überhaupt in die Quere kommen, liegt daran, dass in Wimbledon anders als bei anderen Grand Slams am Mittleren Sonntag traditionell nicht gespielt wird. Zwar ist ein Auftritt an der Church Road für Fans und Profis weiterhin das größte, das es im weltweiten Tenniszirkus zu erleben wird. Denn nirgendwo anders herrscht ein vergleichbares Flair, mit Spielern in Weiß, mit Tenniscourts ohne Werbung, mit einem Glas Pimm’s, einem sommerfrischen Likör, oder den Honorary Stewards, den ehrenamtlichen Helfern im dunklen Blazer im Stile britischer Gentlemen. Doch geht der Spagat zwischen Tradition und Moderne schief, dann wirkt die Königin aller Tennisturniere angestaubt.

Kritik von den Spielerinnen

„In Sachen Gleichberechtigung ist Wimbledon das schlimmste aller Grand-Slam-Turniere“, sagt die Dänin Caroline Woszniacki, eine ehemalige Nummer eins: „Bereits seit zehn Jahren sprechen wir diese Probleme an.“ Tatsächlich zeigte sich auch Angelique Kerber, immerhin noch die Nummer eins der Tenniswelt, „sehr überrascht“, dass sie nur auf Court Number two spielte. Lediglich die fünffache Wimbledon-Siegerin Venus Williams schaffte es mit ihrer Partie auf den Heiligen Rasen. Allerdings nicht zur besten Sendezeit. „Ich finde, ich hätte einen besseren Platz verdient“, schimpfte auch die French-Open-Siegerin Jelena Ostapenko, die ihr Achtelfinale gar auf Platz Nummer zwölf bestritt.

Für den Turnierchef Richard Lewis und sein Team hielten die Gepflogenheiten aber noch weitere Stolperstein bereit. Denn die Tradition, die den 375 Members of the Club (fast) über alles geht, gebietet es, dass auf den beiden größten Courts nicht vor 13 Uhr gespielt wird. Das schafft gerade am Manic Monday Probleme. Etwa dann, wenn sich Siege wie der des Luxemburgers Gilles Müller im Marathonmatch gegen Rafael Nadal, das 15:13 im fünften Satz endete, über 4:48 Stunden hinziehen.

30 000 schwer frustrierte Fans

30 000 Fans waren daher schwer frustriert, weil das anschließende Match mit Novak Djokovic trotz der nahenden Dämmerung nicht auf den freien Centre-Court verlegt, sondern auf den nächsten Tag verschoben wurde. „Die Massen in Bewegung zu setzen, hätte zu großen Sicherheitsproblemen geführt“, argumentiert die Turnierleitung. Früher anzufangen, das ist aber weiter keine Option. Den Fans aus der Queue blieb daher nur, sich etwa mit einem Schälchen Strawberries with Cream zu trösten. Mindestens zehn Erdbeeren, stets am Vortag geerntet, sind in jeder Schale. Bei der Cream allerdings, so ist das in Wimbledon Sitte, handelt es sich nicht um Schlag-, sondern um flüssige Sahne.

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