Michael Berrer: Gedankenspiele mit einem Job beim Deutschen Tennis-Bund (DTB). Foto: EPA

Bis in die Weltspitze hat es Michael Berrer nie ganz geschafft. Jetzt neigt sich die Karriere des Stuttgarter Tennisprofis ihrem Ende zu. Aber die nächste Etappe ist schon in Planung.

Indian Wells - Noch einmal Kalifornien? Michael Berrer war sich nicht sicher, ob er sich die lange Reise in seinem letzten Jahr als Tennisprofi antun sollte. Mehr als 9000 Kilometer für vielleicht ein einziges Spiel in der Qualifikation? Aber die Vorfreude auf das besondere Turnier in der kalifornischen Wüste überwog, und außerdem gibt es ja noch einiges zu tun. Mit einem Sieg gegen den Franzosen Richard Gasquet, der beim Stand von 6:7, 6:4, 1:3 aufgeben musste, landete der Stuttgarter noch einmal in Runde drei eines Turniers der sogenannten Masters-1000er-Serie. „Tolle Sache“, sagt er, „ich genieße hier jeden Tag.“

Vor ein paar Monaten hatte Berrer die Entscheidung getroffen, dies solle sein letztes Jahr auf der Tour als Tennisprofi sein. Eine Wahl für die Familie, für seine Frau und die beiden Kinder. Einen besseren Grund kann es kaum geben, dennoch gibt er zu, das sei die schwerste Entscheidung seines Lebens gewesen. „Ich hatte eine sooo schöne Zeit, es ist einfach ein Traum. Ich stehe jeden Tag gern auf und gehe zum Training, es macht mir einfach so viel Spaß, mich mit 15 Jahre Jüngeren zu messen. Aber irgendwann muss man ja aufhören.“

Geht man nach Art der Buchhalter vor, dann stehen auf der Gewinnseite nach 16 Jahren als Profi rund 80 Siege im Einzel, zwei Finals auf der ATP-Tour im Einzel und ein Titel im Doppel mit Rainer Schüttler bei den BMW Open des Jahres 2008, ein Sieg gegen Rafael Nadal, ein gewonnener Satz gegen Roger Federer, zwei Spiele für Deutschland im Daviscup, und in der Weltrangliste gehörte er ein paar Monate lang zu den besten 50. Aber das alles ist nicht halb so viel wert wie die erlebte Zeit, wie die Begegnungen und die tägliche Herausforderung.

"In Deutschland haben viele keine Ahnung, wie man einen Profi aufbaut"

War es so, wie er sich das vorgestellt hatte als junger Kerl? „Wenn ich es noch einmal machen könnte, würde ich weggehen aus Deutschland, vielleicht auf ein College in den USA, auf jeden Fall in ein professionelleres Umfeld. In Deutschland haben viele Leute keine Ahnung, wie man einen Profi aufbaut. Ich hab’ viel investiert, der Verband hat mir auch geholfen, aber ich hätte viel, viel mehr machen können. Ich habe bestimmt einige Jahre verschwendet.“

Es ist eine nüchterne Bestandsaufnahme in der letzten Phase einer Karriere. Aber es geht ihm weniger darum, über Fehler zu klagen, als darum, die richtigen Schlüsse zu ziehen. Und die Zinsen dieser Schlüsse an junge Spieler weiterzugeben, sie als zukünftige Profis vernünftig aufzubauen.

Je länger er über die Zukunft, über Reformen, Veränderungen und neue Möglichkeiten redet, desto mehr ahnt man, dass er nicht einfach so von der Tennisbühne verschwinden wird, wenn der letzte Ball irgendwann gespielt sein wird, entweder Ende dieses Jahres oder nach den Australian Open des kommenden. Nach dem Abschluss seines Studiums in Sportpsychologie würde er gern irgendwie weitermachen, sagt Berrer, und es gebe schon eine Sache, die ziemlich konkret sei.

Nächste Station: Deutscher Tennis-Bund?

Und dann hebt er zu einem Vortrag an, der wie eine Bewerbung auf einen Posten in der Führung des Deutschen Tennis-Bundes (DTB) klingt. „Der DTB wird in den nächsten Jahren einiges dafür tun, dass wir unseren Nachwuchsspielern mehr bieten können, das kann ich mit gutem Gewissen sagen. Ich glaube, dass wir noch einen langen Weg vor uns haben, weil wir in den nächsten fünf Jahren keinen Top-5-Spieler haben. Es wird länger dauern, und wir werden sicher auf Akademien setzen müssen, aber der DTB wird eine Strategie entwickeln. Ich bin überzeugt, dass da jetzt Leute am Werk sind, bei denen was passieren wird.“

Kann es sein, dass er sich womöglich in der Rolle des nächsten Präsidenten sieht? Irgendwas in der Art könne er sich sehr gut vorstellen, sagt Berrer, das sei doch der erstrebenswerteste Job, den es gebe. Das hat schon lange keiner mehr behauptet, aber jetzt geht es erst mal darum, eine ganz normale, aber gleichwohl traumhaft schöne Karriere angemessen zu beenden. In Indian Wells wird er an diesem Dienstag gegen den Franzosen Gilles Simon spielen, der Plan für die nächsten Wochen und Monate steht fest, und jeder letzte Besuch eines Turniers wird eine besondere Bedeutung haben. Die Zukunft nimmt immer deutlicher Gestalt an, aber noch zählt die Gegenwart.

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