Beflügelt vom Olympiasieg und umsorgt von der Familie braucht der Deutsche im Halbfinale der US Open Novak Djokovic nicht zu fürchten.
New York/Stuttgart - Alexander Zverev packt schon mal mit an. Das hat er mit dem Rennfahrer Sebastian Vettel gemeinsam. Der wurde vor wenigen Wochen auf einer Formel-1-Tribüne dabei erwischt, wie er löblich den Müll der Zuschauer aufsammelte. Zverev kann das auch. Als bei den US Open sein Viertelfinalgegner Lloyd Harris vor Wut mit Wasserflaschen um sich warf, sah der deutsche Tennisspieler seinen Moment gekommen. Gemeinsam mit den Ballkindern rieb er den Boden wieder trocken.
Eine große Geste, die Sympathie-Punkte einbringt. Wie viel Berechnung dahintersteckt, lässt sich nur vermuten, doch in Summe mit anderen Szenen ist festzustellen: Alexander Zverev präsentiert sich zurzeit auffallend freundlich, hilfsbereit und geduldig. Da war die Putzszene nur ein Mosaikstein im Gesamtbild, das der gebürtige Hamburger im Prinzip schon seit Wochen abgibt. Was ist da los?
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Nachdem er ein Match gewonnen hat, tröstet er seine Gegner am Netz. Den großen Rivalen Novak Djokovic drückte Zverev nach seinem Halbfinalerfolg bei den Olympischen Spielen sogar ganz fest an sich. In Interviews zeigt sich Zverev in New York dieser Tage auskunftsbereit, ist locker drauf und auch zu Späßen bereit. Der spürbare Reifeprozess, in dem er sich befindet, hat durch den Olympiasieg einen weiteren Schub bekommen. Nach solch einem Erfolg können sich mentale Anspannungen schon einmal lösen. Bei Zverev scheint dies der Fall zu sein.
Schwerer Gegner
In der Nacht auf Samstag (MESZ) kommt es bei den US Open zum erneuten Duell der Top-Favoriten Zverev und Djokovic – wie schon in Tokio im Halbfinale. Da reden die Experten vom vorweggenommenen Endspiel, was es nicht ist, doch auf dieses Match wartet die Tenniswelt seit Tagen. Gelingt Djokovic die Revanche? Oder befindet sich Zverev seit Tokio auf Augenhöhe? Für die Buchmacher steht fest: Djokovic ist Favorit, Zverev der Außenseiter. Der Deutsche hat großen Respekt vor dem Serben. „Man muss gegen ihn perfekt spielen, ich weiß, dass er Revanche will“, sagt Zverev. Es sei extrem schwierig, gegen Djokovic über vier oder fünf Stunden einen Weg zu finden, um besser zu spielen als dieser. Aber: „Ich werde es versuchen“, meint Zverev augenzwinkernd.
Ein weiteres Mal wird sich Djokovic die Tour von ihm nicht vermasseln lassen. Gewinnt er die US Open, hat er den Grand Slam 2021 geholt und mit dann 21 Major-Siegen einen mehr als seine beiden Mitrekordhalter Roger Federer und Rafael Nadal. Bereits in Tokio zerstörte Zverev dem Serben die Chance, den Golden Slam zu gewinnen, also alle vier Major-Wettbewerbe plus Olympia. Das schaffte bislang nur Steffi Graf 1988. Und man muss sagen: einmal abgesehen von der Niederlage gegen den 24 Jahre alten Deutschen bei Olympia, agiert Djokovic mit seinen 34 Lenzen immer noch wie eine Maschine. Er ist mental stark, spielt seine Bälle meist unglaublich präzise und dominiert seine Matches nach Belieben.
Respekt vor Zverev
Doch er wird auch Respekt haben vor Alexander Zverev – und das ist auch gut so. Der startet als Olympiasieger mit breiter Brust in dieses Halbfinale. Wie man den Djokovic-Code knackt, hat er ja in Tokio gezeigt. Die Entwicklung des hochgewachsenen Tennisspielers offenbart ja auch, dass er gefestigter wirkt, stabiler und seriöser.
Das war mal anders. Im Sommer 2020 geriet Zverev noch mächtig in Kritik, weil er an der später abgebrochenen Adria Tour 2020 teilnahm, die aufgrund fehlender Schutzmaßnahmen während der Pandemie umstritten war, auch weil am Abend haltlos gefeiert wurde. Zverev entschuldigte sich und kündigte eine Selbstquarantäne an. Dennoch wurde er wenige Tage später auf einer Privatparty des Modedesigners Philipp Plein an der Côte d’Azur gesichtet. Bei den Australian Open zertrümmerte er Anfang 2021 seinen Schläger, und mit den Medienschaffenden hatte er auch so seine Probleme. Seit seine Ex-Freundin Brenda Patea jedoch im März 2021 eine gemeinsame Tochter zur Welt brachte, scheint der Tennisspieler geerdeter zu sein.
Die Familie stärkt
Es tut ihm auch gut, dass ihn seit Jahresanfang sein zehn Jahre älterer Bruder Mischa Zverev als Manager flankiert. Für seinen Bruder sei es extrem wichtig, dass jemand dabei ist, der ihn auch außerhalb des Platzes betreut, sagt Mischa Zverev. Und über allem wacht Vater Alexander. „Es ist essenziell für mich, Menschen um mich zu haben, denen ich rückhaltlos vertraue“, sagt der Tennisspieler Zverev. Aus dieser familiären Umgebung ist ein Mann hervorgegangen, den Novak Djokovic mehr fürchten muss denn je.