Tennis als Rollstuhl-Sport Pedro Krümmel - Der Globetrotter

Von Michael Bosch 

Boris Beckers Wimbledonsieg 1985 gab für Krümmel den Anstoß, trotz Querschnittslähmung selbst zum Tennisschläger zu greifen Foto: StN
Boris Beckers Wimbledonsieg 1985 gab für Krümmel den Anstoß, trotz Querschnittslähmung selbst zum Tennisschläger zu greifen Foto: StN

Während sich Deutschlands Tenniselite bei den deutschen Meisterschaften in Biberach trifft, gehen an diesem Wochenende zeitgleich die deutschen Meisterschaften der Rollstuhl-Tennisspieler über die Bühne. Mit dabei: Pedro Krümmel vom VfL Sindelfingen.

Stuttgart - Australien, Asien, Afrika, Nord- und Südamerika: Die wenigsten Menschen schaffen es in ihrem Leben überall hin. Pedro Krümmel hingegen hat als Sportler schon alle Kontinente bereist. Krümmel spielt Rollstuhl-Tennis beim VfL Sindelfingen – bereits seit seiner Jugend. „Mein Sport hat mir viel ermöglicht. Ich habe durchs Tennis die ganze Welt gesehen“, sagt der 44-Jährige, der wegen einer Querschnittslähmung bereits seit seiner Geburt im Rollstuhl sitzt.

Zwar betont der Stuttgarter, dass Rollstuhl-Tennis nur ein Hobby sei, Turniere spielt er aber auch im fortgeschrittenen Alter auf der ganzen Welt. An Silvester geht es nach Neuseeland – von der deutschen Kälte in die Hitze Ozeaniens. In Auckland tritt Krümmel bei den Neuseeland-Open an, anschließend reist er weiter nach Australien – dort spielte er 2002 erstmals ein Turnier. In Brisbane findet parallel zum Wettkampf der Rollstuhl-Fahrer ein Turnier mit Krümmels Lieblingsspieler Roger Federer und Serena Williams statt.

Für Krümmel, der schon viele Stars der Tennis-Szene getroffen hat, immer noch ein besonderes Erlebnis. „Ich genieße es, die großen Spieler zu treffen“, sagt Krümmel, „mit ihnen im gleichen Restaurant zu essen und mit ihnen die Players-Lounge zu teilen, ist schon eine tolle Sache.“ Bei seinem letzten Stopp in Down Under wird er dann aber nicht mehr selbst den Schläger schwingen – auch wenn in Melbourne ein weiteres Rollstuhl-Tennisturnier stattfindet. „Ich gucke mir dort lieber die Australian Open an“, meint Krümmel und grinst. Denn der 44 Jahre alte Stuttgarter ist in erster Linie eins: ein großer Tennis-Fan.

So ist er überhaupt erst zum Sport gekommen. Die Liebe zur gelben Filzkugel entbrannte 1985: Als der 17-jährige Boris Becker im Finale von Wimbledon Kevin Curren bezwang, beschloss Krümmel, sich selbst einmal am Schläger zu versuchen, und wandte sich mit einigen anderen Rollstuhlfahrern an seiner Schule an einen Sportlehrer; der besorgte Anschauungsmaterial in Form von Videos, eine kleine AG war geboren. Später trat Krümmel dem VfL Sindelfingen bei.

Auch wenn Krümmel beteuert, der Sport sei immer nur ein Hobby gewesen: Vereinzelte Turniersiege in seiner Leistungsklasse hat er über die Jahre trotzdem gefeiert; in der Weltrangliste schaffte er es immerhin auf Platz 140 im Einzel und auf Platz 80 im ­Doppel.

Bei der deutschen Meisterschaft der Rollstuhl-Tennisspieler ist Krümmel ebenfalls am Start. Die Vorrunde des Turniers findet an diesem Donnerstag und Freitag (jeweils ab 9.30 Uhr) im Bundesstützpunkt des Deutschen Tennis-Bunds (DTB) in Stuttgart-Stammheim statt. Die Finalspiele im Bezirksstützpunkt des Württembergischen Tennis-Bundes finden an diesem Samstag (10.30 Uhr) erstmals parallel zur Meisterschaft der Nichtbehinderten statt. Für Krümmel ist dieser Umstand eine Aufwertung des Turniers. Er wünscht sich allgemein etwas mehr Aufmerksamkeit für den Behindertensport. „Behinderte Sportler bekommen einmal alle vier Jahre, wenn die Paralympics stattfinden, riesige Aufmerksamkeit“, betont Krümmel, „das war’s dann aber auch.“ Auch der DTB hat dieses Problem erkannt. „Wir haben es uns zum Ziel gemacht, das Rollstuhl-Tennis mittelfristig stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken“, betont DTB-Vizepräsidentin Eva-Maria Schneider. „Die Meisterschaftswettbewerbe parallel auszutragen ist ein wichtiger Schritt auf diesem langen Weg.“

Andere Nationen sind im Rollstuhl-Tennis schon ein ganzes Stück weiter, meint Krümmel. In den Niederlanden werden Men­schen, die nach einem Unfall im Rollstuhl sitzen, früh an den Behindertensport herangeführt. „Denen wird ein Rollstuhl ans Krankenbett gefahren“, witzelt Krümmel. Auch die Japaner, die die Nummer eins der Welt bei den Frauen und bei den Männern stellen, sind Vorreiter beim Rollstuhl-Tennis.

Für Krümmel, der bei der deutschen Meisterschaft auch im Doppel zusammen mit der Nummer eins der Setzliste, Steffen Sommerfeld, antritt, verknüpft mit dem Turnier keine sportlichen Ziele. „Für mich geht es darum, eine gute Zeit zu haben und alte Freunde zu treffen“, meint der 44-Jährige. Das ist dann auch ein paar Wochen später in Melbourne wieder der Fall. Dann sind Stars wie Roger Federer und Andrea Petkovic die „alten Bekannten“.

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