Telent tüftelt an Smart-City in Backnang Schlaue Mülleimer helfen dem Bauhof

Von Frank Rodenhausen 

Ein Ultraschallsensor unter dem Deckel misst, wie voll der Mülleimer ist. Foto: Gottfried Stoppel
Ein Ultraschallsensor unter dem Deckel misst, wie voll der Mülleimer ist. Foto: Gottfried Stoppel

An dem Stammsitz von Telent soll jetzt ein ausgeklügeltes Abfuhrsystem für die öffentlichen Papierkörbe eingeführt werden, das Geld sparen und helfen kann, den Schadstoffausstoß zu reduzieren. Aber die Backnanger Firma hat noch viel mehr Ideen für eine Smart-City.

Backnang - Sich selbst überwachende Mülleimer, die kurz vor dem Vollwerden Alarm schlagen, den Mitarbeitern vom städtischen Bauhof die optimale Route für die Leerung zusammenstellen und das für die Gesamtmenge geeignetste Fahrzeug auswählen. Eine Feuerwehrzufahrt, die das Ordnungsamt informiert, wenn sie zugestellt ist. Wasser- und Stromzähler, die den Stadtwerken zum Stichtag die exakten Zählerstände der Haushalte durchgeben und daraus automatisch die Rechnungen an die Haushalte generieren. Eine Mausefalle, die das Handy des Kammerjägers vibrieren lässt, wenn sie zuschnappt. All das ist längst keine Zukunftsvision mehr, eine Firma aus Backnang tüftelt an der Smart-City.

Sammelstrecke direkt auf das Navi

Das „Internet der Dinge“ auch im kommunalen Bereich einzusetzen sei eigentlich kein technisches Hexenwerk, sagt Victor Kostic, der bei dem Backnanger Vernetzungsspezialisten Telent für die strategische und operative Weiterentwicklung verantwortlich ist. Der Sensor, den seine Firma etwa bei ihrem aktuellen Feldversuch mit fünf Backnanger Mülleimern verwende, basiere auf „herkömmlicher“ Ultraschallmessung: Erkennt das Gerät, das unter dem Eimerdeckel montiert ist, dass ein vorab definierter Abstand zum Eimerboden unterschritten ist, wird das an ein Computerprogramm in einem zentralen Rechner gemeldet, der daraus andere Schritte einleitet – bei einer ausreichenden kumulierten Menge etwa eine Leerung veranlasst, die Fahrstrecke ausrechnet und das dem zuständigen Bauhofmitarbeiter auf sein Navigationsgerät schickt.

Victor Kostic Foto: Gottfried Stoppel

„Schwierigkeiten sind allerdings die Energieversorgung und die verlässliche Übertragung“, sagt Kostic. Überprüft nämlich der Ultraschallsensor ständig, wie voll der jeweilige Mülleimer ist, geht das auf die Batterie. Und eine Weiterleitung via Mobilfunk wäre zu teuer. Telent hingegen habe ein eigenes Übertragungsnetz entwickelt, das zwar nicht so große Datenmengen transportieren könne und so schnell sei wie Mobilfunk, aber völlig ausreichend für die jeweiligen Anwendungen und zudem auch entlegene Winkel erreiche, in denen Mobilfunk dauerhaft Sendepause habe.

Der Sensor wiederum sei so programmiert, dass er seine Daten nur in festgelegten Intervallen abrufe und sich ansonsten in einen stromsparenden Schlafmodus begebe. Der Mülleimerstand wird dreimal pro Tag kontrolliert. Das steigert die Lebensdauer der Batterie auf sechs bis zehn Jahre.

Automatisierter Schutz vor Hochwasser

Das Prinzip lasse sich auf alle möglichen anderen Behälter übertragen – Wasser- oder Öltanks, Silos, Behälter für Streusalz oder Sand – und mit allen denkbaren weiterführenden Anwendungen verknüpfen. Meist müssten nur zwei unterschiedliche Zustände verglichen oder das Erreichen einer kritischen Marke kontrolliert werden. Die Einsatzgebiete sind vielfältig und bisweilen essenziell. Die Kontrolle von Pegelständen etwa ermögliche ein automatisiertes Hochwassermanagement mit einer passgenauen Flutung von Überlaufbecken und zielgerichteten Alarmierungen. Auch eine vorausschauende Wartung sei möglich, weil Sensoren sofort darauf hinwiesen, wenn sich an einem gewünschten Zustand etwas ändere, sich etwa das Anzugsmoment einer Schraubverbindung lockere.

Es muss nicht gleich das Parkraummanagement einer ganzen Stadt sein, manchmal kann auch der Überblick, wo in einem Großgebäude welche Fenster geschlossen sind, dem Einzelnen viel bringen: dem Hausmeister nämlich, der nicht mehr alle Räume einzeln ablaufen muss. Auch Track and Trace – Suchen und Finden – sei mit einfacher Sensorik und ausgeklügelter Übertragung kein Problem, sagt Kostic: „Das fängt beim Kind an und hört bei großen Fahrzeugherstellern, die die Abstellplätze ihrer Autos suchen, oder riesigen Inventurbeständen nicht auf.“

Optimierte Mülltour spart Zeit, Sprit, Aufwand und CO2

Die Vorteile lägen auf der Hand, sagt Kostic und kommt auf das Abfallmanagement in Backnang zurück: Bisher machten sich die Bauhofmitarbeiter auf festgelegten Routen und zu immer gleichen Leerungsterminen auf den Weg. Egal, ob die Mülleimer voll seien, alle Behälter würden erst einmal angefahren. „Optimiert und automatisiert spart man Zeit, Sprit, Aufwand und reduziert den CO2-Ausstoß“, sagt Kostic, der verspricht, dass sich die Anschaffung in wenigen Monate refinanziert.

In Backnang will man den Feldversuch demnächst auf alle öffentlichen Mülleimer ausweiten. Die Kommune warte nur noch auf einen Förderbescheid. Weil das Müllmanagement nämlich zur Verbesserung der Luftqualität beitrage, könnten dafür Zuschüsse geltend gemacht werden.

Auch in anderen Bereichen könnte der Stammsitz von Telent zur Smart-City-Modellkommune werden. Doch darüber will Kostic erst reden, wenn die Aufträge wirklich spruchreif sind.

Nur eine Anwendung hat die Firma erst einmal vorübergehend aus dem Programm genommen: die überwachte Mausefalle, die bereits in der Kläranlage der Nachbarkommune Aspach zum Einsatz gekommen war. Diese nämlich muss wegen einer neuen EU-Verordnung erst noch auf Lebendfallen umgestellt werden.

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