Der Arzt kann per Videokonferenz zugeschaltet werden. Foto: dpa

In Spiegelberg wird im Herbst ein Fernbehandlungs- und Diagnosezentrum eröffnet. Die Behandlung entscheidet der digital verbundene Hausarzt im Nachbarort Oppenweiler.

Spiegelberg - Jahrelang mussteSpiegelberg ohne Hausarztpraxisauskommen. Alle Bemühungen des Bürgermeisters Uwe Bossert, einen Allgemeinmediziner für ein längerfristiges Engagement in der Gemeinde im Schwäbischen Wald zu begeistern, schlugen fehl. Von Oktober an soll sich das ändern. In der gut 2100 Einwohner starken Kommune mit einer Bevölkerungsdichte von gerade einmal 75 Bürgern pro Quadratkilometer wird wieder eine Praxis eingerichtet und betrieben – allerdings ohne Arzt.

Bundesweit neben Zweiflingen die einzige Ohne-Arzt-Praxis

Spiegelberg wird damit bundesweit neben Zweiflingen im Hohenlohekreis die erste und vorerst einzige Gemeinde sein, in der ein ländliches Fernbehandlungs- und Diagnostikzentrum getestet wird. Es wird von einer medizinischen Fachangestellten geleitet und von einem Arzt aus der Region betreut, der bei Untersuchung und Diagnose live per Videokonferenz zugeschaltet ist.

Jens Steinat, Allgemeinmedizin, der zusammen mit seiner Frau eine Praxis im knapp zehn Kilometer entfernten Oppenweiler betreibt, wird dieser Hausarzt sein. Ein Grund, dass er sich für das Projekt entschieden habe, sei, dass seine Praxis ohnehin bereits Nachbargemeinden mit geringer Arztdichte mit versorge, sagt Steinat. Spiegelberg gehöre dazu. Dort eine Zweigpraxis zu eröffnen, wie es der Bürgermeister gern gehabt hätte, sei ihm aus Kapazitätsgründen nicht möglich, so der Arzt.

Das kam dem Heidelberger Unternehmen Philon-Med entgegen. Dessen Gründer Tobias Ganter, selbst Arzt und noch Jurist sowie Gesundheitsökonom, bemüht sich schon seit einiger Zeit um die Erlaubnis, eine solche Ferndiagnosepraxis betreiben zu dürfen. Nun hat er nicht nur die Möglichkeit erhalten, das Konzept an zwei Standorten zu entwickeln und zu erproben, das Vorhaben wird auch noch mit Mitteln des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft gefördert.

Auch die Gemeinde Spiegelberg unterstützt das Projekt. Sie stellt die Räumlichkeiten zur Verfügung, sie sollen in eine bestehende Hautarztpraxis im Ort integriert werden. Der Bürgermeister hofft nun, dass das Angebot von Ferndiagnosen angenommen wird, denn natürlich entscheidet auch die Resonanz über den Erfolg der neuen Praxisart.

PhilonMed: Technisch kein Problem

Rein technisch sieht Florian Burg, der Projektleiter bei Philon-Med, in der Telemedizin kaum ein Problem. Der Arzt sei per Videokonferenz live bei der Untersuchung dabei. Und die Geräte seien so weit entwickelt, dass viele Untersuchungen gar keinen persönlichen Kontakt mehr benötigten. So übertrügen Stethoskope bereits heute Herz- und Lungentöne über sichere Kommunikationsleitungen an entfernte Standorte, wo sie ein Arzt dann auswerten könne, erläutert er.

Dennoch sei allen Beteiligten wichtig gewesen, dass der Arzt nicht etwa in Hamburg oder gar Indien sitze, sondern im Zweifelsfall auch persönlich eingreifen könne. Das bestätigt auch Jens Steinat: „Das direkte Patientenverhältnis ist mir ein zentrales Anliegen.“ Andererseits mache die Digitalisierung auch vor Hausärzten nicht Halt, und dieser sollte man sich nicht verschließen. Gleichwohl sieht der Mediziner die Ohne-Arzt-Praxis auch als einen Lernprozess an. Man werde erst im praktischen Tun sehen, welche Problemfelder sich ergeben.

Eines kann er wohl bereits jetzt ausschließen. In der Kommunikation mit der Arzthelferin, die von Philon-Med in der Diagnosepraxis angestellt wird, erwartet er keine Probleme. Er kenne sie seit vielen Jahren und habe schon sehr gut mit ihr zusammengearbeitet.

Konzept hört bei der Diagnose nicht auf

Das Heidelberger Unternehmen ist auch darüber hinaus optimistisch. Dort geht man davon aus, die Diagnosepraxis nach einem erfolgreichen Start noch mit weiteren Fachärzten – ebenfalls aus der Region – vernetzen zu können. Und man denkt noch einen Schritt weiter. „Unser Konzept hört bei der Diagnose nicht auf“, sagt Florian Burg. Denkbar sei etwa, dass ein vom Arzt elektronisch erstelltes Rezept gleich an eine Apotheke weitergeleitet werde, die das Medikament dem Patienten nach Hause liefere, ohne dass sich dieser darum kümmern müsse. Nicht alles Denkbare allerdings sei möglich – zumindest bei den derzeitig gültigen gesetzlichen und politischen Rahmenbedingungen. Doch diese könnten sich bei einem erfolgreichen Pilotprojekt ja möglicherweise etwas verschieben.

Die Kassenärztliche Vereinigung (KV), über welche die Leistungen erstmals auch abgerechnet werden können, steht dem Feldversuch grundsätzlich positiv gegenüber: „Ein tolles Projekt“, sagt der KV-Sprecher Kai Sonntag, „wir werden sehen, was dabei herauskommt.“ Gleichzeitig lässt er aber durchblicken, dass er nicht glaubt, dass allein die Telemedizin das Problem fehlender Hausarztpraxen in ländlichen Gebieten lösen wird. Denn es sei auch ein Kapazitätsproblem: Es gebe schlicht zu wenige Allgemeinmediziner.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: