Dr. Google weiß zwar viel, aber nicht alles. Foto: Thaspol Sangsee/Shutterstock.com

In Zeiten der Corona-Krise holen sich einige Beratung rund um die Gesundheit im Internet. Wann ergibt das Sinn - und wann sollte man lieber zum Arzt gehen?

Kontakte vermeiden ist das A und O im Kampf gegen eine Ausbreitung des Coronavirus. Deshalb holen sich viele Gesundheits-Tipps im Netz. Doch ergibt das Sinn? Dr. med. Iris Hauth, Chefärztin und Ärztliche Direktorin des Alexianer St. Joseph-Krankenhauses in Berlin-Weißensee und Autorin von "Keine Angst!" (Piper) findet: bis zu einem gewissen Maße schon. Vor allem beim Googeln nach psychischen Krankheiten sei jedoch höchste Vorsicht von Nöten, appelliert sie im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news.

"Wer nach seinen Symptomen googelt und dabei den Verdacht schöpft, unter einer Depression zu leiden, sollte unbedingt einen Arzt aufsuchen." Denn möglicherweise handle es sich nicht um eine Depression, sondern eine Angststörung, eine andere psychische Erkrankung oder gar eine körperliche Erkrankung. Deshalb warnt die Expertin: "Was bei physischen Problemen gilt, gilt auch für psychische: Je früher man sich Hilfe holt, desto besser."

Wie Internetprogramme den Gang zum Arzt ersetzen können

Wer am liebsten komplett auf einen Arzt verzichten, aber dennoch eine Therapie machen möchte, kann es mit einer internetbasierten Psychotherapie probieren, schlägt Dr. Hauth vor. "Das sind Programme, die gegen Depressionen und gegen Angststörungen entwickelt worden sind", erklärt sie. Die Programme würden Übungen anbieten, um aus negativen Gedankenschleifen herauszukommen und lösungsorientiertes Denken zu lernen.

"Diese digitalen Anwendungen können helfen", weiß die Expertin - und warnt gleichzeitig: "Wer ein solches Programm nutzt, sollte allerdings vorher überprüfen, ob es vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) zugelassen wurde." Fachärzte und Psychologen könnten digitale Anwendungen mittlerweile sogar verordnen, erklärt Dr. Hauth. "Einige davon übernehmen die Krankenkassen."

Wann sich Telemedizin lohnt

Dr. med. Martin Marianowicz, Facharzt für Orthopädie, Chirotherapie und Sportmedizin und Autor von "Die Gesundheitslüge" (GRÄFE UND UNZER) empfiehlt bei physischen Problemen, nicht auf "Dr. Google" zu setzen: "Patienten kennen viele medizinische Zusammenhänge nicht und ein einzelnes Symptom kann natürlich auf die unterschiedlichsten Krankheiten hinweisen. Rückenschmerzen können beispielsweise von einem Nierenleiden oder einer Infektion ausgelöst werden, aber auch seltene Tumore, rheumatische Erkrankungen oder psychische Ursachen sind denkbar." Deshalb empfiehlt er, immer einen Arzt zu konsultieren.

Marianowicz plädiert im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news für die Telemedizin - vor allem in Zeiten der Corona-Pandemie. "Anstatt sich physisch in der Praxis gegenüber zu sitzen, konsultiert der Patient seinen Arzt in einer Videosprechstunde, zum Beispiel um leichte Erkrankungen abzuklären, Rezepte zu beantragen oder um Therapieresultate zu besprechen", erklärt er. Doch nicht nur das sei ein Vorteil, sondern auch der Austausch von Ärzten untereinander, vor allem verschiedener Fachrichtungen: "Verschiedene Experten beraten sich zum Wohle des Patienten und lassen ihm die schonendste und an neuesten Erkenntnissen ausgerichtete Behandlung angedeihen. Die Behandlung via Telemedizin würde hier einen schnellen und unkomplizierten Austausch ermöglichen." Das erspare auch dem Patienten viel Zeit.

"Angesichts des sich ausbreitenden Coronavirus sollten Patienten nur noch in wirklich dringenden Fällen die Praxen aufsuchen", findet der Mediziner. Telemedizin ersetze "den klassischen Arztbesuch aber natürlich nicht völlig, sondern ist ein modernes, ergänzendes Behandlungskonzept".

Diese Angebote gibt es bereits

Wer sich von den Vorteilen der Telemedizin überzeugen möchte, kann etwa an einem Modellversuch teilnehmen. Solch einen gebe es unter dem Namen "docdirekt" etwa in Baden-Württemberg, erklärt Dr. Marianowicz: "Die Abrechnung ist bei diesem Projekt mit den gesetzlichen Krankenkassen abgeklärt und kostet die Versicherten nichts." Das Projekt werde bislang positiv von den Patienten aufgenommen, sagt er. "Unkomplizierte und kompetente Hilfe - ohne lange Wartezeiten. Gerade Familien, Berufstätige und ältere Menschen profitieren davon", sei der Tenor.

Zudem gebe es auch private Anbieter, etwa "Zava", ein Unternehmen aus Großbritannien. "Laut eigenen Angaben hat Zava bereits mehr als drei Millionen Menschen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Frankreich, Großbritannien und Irland Fernberatungen angeboten", erzählt der Autor. Dabei sollten Patienten vorher aber die Konditionen prüfen: "Je nach gesetzlicher Krankenversicherung entscheidet sich, ob und inwieweit hier die Kosten erstattet werden."

Doch obwohl die Nachfrage nach der Telemedizin seit Beginn der Corona-Krise zugenommen hat, sieht der Experte noch viel Luft nach oben: "Die nötigen technischen Voraussetzungen in Deutschland sind noch lang nicht flächendeckend gegeben, Stichwort ,schnelle Internetverbindung'." Zudem würden den Ärzten durch einen komplizierten Zulassungsprozess Steine in den Weg gelegt, "sodass eine telemedizinische Beratung oft gar nicht angeboten werden darf", kritisiert er. "Hier besteht dringender Handlungs- und Investitionsbedarf."