Etwa 15 000 Anrufe erhält die Telefonseelsorge Stuttgart jährlich. Foto: /Armin Burkhardt

Die Telefonseelsorge Stuttgart sucht ehrenamtliche Mitarbeiter. Doch nicht jeder wird zu der einjährigen Ausbildung zugelassen. Jetzt haben sich Bewerber im Hospitalhof Stuttgart erklären lassen, wie die Hilfsorganisation funktioniert.

Was tun? „Nachts um 2 Uhr meldet sich ein Mann und wünscht, dass jemand zu ihm komme. Er könne das Alleinsein nicht mehr ertragen.“ Es handelt sich um ein Fallbeispiel der Telefonseelsorge Stuttgart, das erste von zehn in einem Fragebogen, der Bestandteil der Bewerbung für ehrenamtliche Mitarbeit bei der Hilfsorganisation ist. Gefragt wird auch danach, welche Ziele die Bewerber für sich durch die einjährige Ausbildung und die mindestens dreijährige Mitarbeit erreichen wollen.

 

Sie möchte den „eigenen Horizont erweitern und Menschen helfen“, sagt die Frau im blauen Sweatshirt. Sie verspricht sich „ein gewisses Erfüllungserlebnis“. Sie hat, wie die meisten der rund 40 Besucherinnen und Besucher des Infoabends im Hospitalhof, ihren Bewerbungsbogen bereits ausgefüllt. Zehn bis 14 von ihnen werden für die Ausbildung zugelassen werden und ein Jahr lang jeweils donnerstagabends zweieinhalb Stunden lang lernen, wie man Menschen in Not am Telefon hilft.

Keine Verabredungen, keine Treffen

„Sie kriegen eine fundierte Ausbildung – auf der anderen Seite fordern wir etwas“, sagt Martina Rudolph-Zeller, die Leiterin der Telefonseelsorge Stuttgart: mindestens drei Jahre Mitarbeit, mindestens zwölf Stunden im Monat, mindestens fünf Nächte im Jahr. Dazu gibt es Supervision, denn dieses Ehrenamt kann mitunter belastend sein: „Manche sitzen im Desaster“, sagt Martina Rudolph-Zeller. Dennoch gelte stets: „Wir treffen keine Verabredungen mit Anrufern, und wir treffen uns nicht mit ihnen.“

„Man muss damit klarkommen, dass man nach dem Gespräch keinen Kontakt mehr hat“, sagt eine Bewerberin, die schon ehrenamtlich mit Kindern gearbeitet hat. Und Martina Rudolph-Zeller wird nicht müde zu betonen, dass sich Hilfe bei der Telefonseelsorge nur bedingt aktiv gestaltet: „Die Anrufer brauchen keine Ratschläge. Die Menschen wollen sprechen.“ Später wagt sie einen kleinen Witz an einem sehr ernsten Abend: „Leute, die ganz Ärmel-hoch zupackend sind, gehen vielleicht lieber zur freiwilligen Feuerwehr.“ Manche derer, die hoffen, bald zu den 112 ehrenamtlichen Mitarbeitern der Telefonseelsorge Stuttgart zu gehören, freuen sich, auch mal lachen zu dürfen.

15 000 Anrufe pro Jahr

Die Ehrenamtlichen nehmen unter der Telefonnummer 0800 111 0 111 jedes Jahr rund 15 000 Anrufe von Menschen in Not entgegen, dazu Chats und Emails, 24 Stunden jeden Tag, anonym und kostenlos. Sie können sich Monate im Voraus oder ganz kurzfristig mit kombinierbaren Zwei-Stunden-Schichten in einen digitalen Kalender eintragen, sodass fast immer zwei Personen gleichzeitig in den Räumlichkeiten nahe der S-Bahn-Station Stadtmitte am Telefon sitzen, beziehungsweise mit Headset am Computer. „Ich muss umziehen, ich verstehe Sie nicht“, sagt fünf Minuten, nachdem der Infoabend im Hospitalhof begonnen hat, eine ältere Dame und setzt sich von der letzten in die erste Stuhlreihe. Das ist kein Hinderungsgrund. Man kann die Headsets lauter stellen bei den Telefonaten, die im Durchschnitt 24 Minuten dauern. Manchmal rufen Menschen an und bekunden etwas in der Art wie „Ich muss mal eine menschliche Stimme hören, ich habe seit drei Tagen mit niemandem mehr gesprochen“, sagt Martina Rudolph-Zeller. Einsamkeit, Ängste und Depressionen seien die Haupt-Themenfelder der Anrufer.

Psychische Stabilität ist eine Voraussetzung

Etwa fünf Mal im Jahr würden Menschen anrufen, „die schon eine suizidale Handlung eingeleitet haben“, berichtet sie. In diesen Fällen gelte es in Absprache mit dem Anrufer den Rettungsdienst zu aktivieren. „Das wird in der Ausbildung ganz genau besprochen“, sagt sie. Und psychische Stabilität ist Voraussetzung für die Mitarbeiter: „Es ist nicht so, dass unsere Mitarbeiter keine Krisen erlebt haben sollen, aber sie sollten verarbeitet sein“, sagt Claudia Pillmann, die stellvertretende Leiterin der Telefonseelsorge Stuttgart. Gleich darauf will im Hospitalhof ein Mann wissen: „Wie sieht es mit Humor aus? Und falls nicht vorhanden – wird das dann gelernt?“ Martina Rudolph-Zeller antwortet, dass „vorwiegend Empathie“ geschult werde. Die personenzentrierte Psychotherapie, die der amerikanische Psychologe und Psychotherapeut Carl Rogers entwickelt hat, spiele in der Ausbildung eine große Rolle.

Auf einem Tisch im Hospitalhof liegen Anmeldezettel für zwei sogenannte Kennenlerntage aus, an denen die beiden hauptamtlichen Mitarbeiterinnen eruieren wollen, welche der Bewerber sich für den Hilfseinsatz mit Headset eignen. Es gebe eine Extraliste für Interessenten, die an beiden Tagen Zeit hätten, sagt Martina Rudolph-Zeller, das erleichtere die Planung.

Zweimal Telefonseelsorge in Stuttgart

Finanzierung
Die evangelische Telefonseelsorge Stuttgart, geleitet von Martina Rudolph-Zeller, wird von der Evangelischen Kirche, der Stadt Stuttgart und durch Spenden finanziert. Sie wurde 1960 gegründet.

Kooperationen
104 Telefonseelsorge-Stellen gibt es deutschlandweit, darunter auch die katholische Telefonseelsorge Stuttgart, die unter der Nummer 0800 111 0 222 erreichbar ist, einer von mehreren Kooperationspartnern der evangelischen. Beide Stuttgarter Telefonseelsorgen stehen Anrufern aller Religionen und Weltanschauungen offen.