Unter dieser Nummer ist die Telefonseelsorge bundesweit erreichbar Foto: Andreas Reiner

Was sagt man Frauen, die von ihrem Partner geschlagen werden? Was Menschen, die nicht mehr leben wollen? Ein Besuch bei der Telefonseelsorge Neckar-Alb.

Der Sommer ist eine gute Zeit. Dann fährt Petra nach einer Schicht mit dem Rad heim. Spürt den Fahrtwind, atmet frische Luft, lässt sich den Kopf durchpusten. Der Heimweg ist wichtig, von der eigenen Wohnung aus arbeiten undenkbar. Der Heimweg trennt Dienstzimmer und Zuhause. Im Dienstzimmer telefoniert Petra stundenlang mit Menschen die sich fürchten, hadern, trauern, verzweifeln. „Klar gibt es viele Gespräche, die mir besonders nahe gehen“, sagt sie. Für solche Gespräche braucht es einen Raum, der nicht in den eigenen vier Wänden liegt.

 

Petra ist Mitarbeiterin der Telefonseelsorge Neckar-Alb, eine von 104 Stellen der Telefonseelsorge Deutschland. Menschen mit gravierenden Sorgen können hier kostenlos und anonym anrufen und rund um die Uhr einen Zuhörer erreichen. Träger sind die Evangelische und die Katholische Kirche. Die Telefonseelsorge Neckar-Alb versorgt die Kreise Tübingen, Reutlingen, Rottweil und Zollernalb sowie Teile des Landkreises Tuttlingen und des Nordschwarzwalds.

Im Dienstzimmer stehen ein Schreibtisch mit Telefon, eine Zimmerpflanze, ein Blumenstrauß. Gäste dürfen nicht hinein. Es dient allein dazu, darin Gesprochenes zu wahren. Das Dienstzimmer ist in einem Haus in Tübingen, eine Art Nicht-Ort. In der Altstadt oder Richtung Gewerbegebiet? Am Neckarufer oder in der Höhenlage? Im Erdgeschoss oder darüber? Das bleibt geheim. Es gibt weder ein Schild an der Tür noch einen Hinweis an der Klingel.

Anonymität ist die Basis

Die Telefonseelsorge fußt auf Anonymität. Die Mitarbeiter wissen nicht, wer die Anrufer sind, von welcher Stadt sie anrufen, Nummern werden nicht angezeigt. Das gibt Sicherheit: Nur wer darauf vertrauen kann, nicht erkannt zu werden, traut sich, über das zu reden, was ihn so quält oder für das er sich in Grund und Boden schämt. Umgekehrt soll auch niemand wissen, wer die Mitarbeiter sind und wo sie Anrufe entgegennehmen.

Auch Petra heißt eigentlich anders. Die 60-Jährige ist Ingenieurin, arbeitet aber schon länger nicht mehr in ihrem Beruf. Im Dienstzimmer ist sie oft. Alle Mitarbeiter übernehmen pro Jahr 22 Tagesdienste sowie neun Nachtdienste. Wenn Petra ankommt, macht sie ein Übergabegespräch, stellt sich einen Tee auf den Tisch und einen Keks, setzt schließlich das Headset auf. In den folgenden Stunden hört sie dann die gesamte Klaviatur von Leben. Brutale Diagnosen, verfahrene Streite, scheinbare Ausweglosigkeiten. „Es gibt nichts, was es nicht gibt“, sagt sie.

Manche Anrufer treiben konkrete Probleme um: eine Scheidung, eine gekündigte Wohnung, die pubertierende Tochter, das unbekannte Wesen. Häufig wollten diese Menschen ihr Anliegen einfach mal mit jemandem durchdenken, sagt Petra. Andere leiden an psychischen Erkrankungen wie Depressionen oder an Suchterkrankungen. Manche befinden sich in einer akuten Ausnahmesituation, sind konfus, wirr, können ihre Gedanken nicht formulieren, ein Dialog ist nicht möglich. „Wenn ich merke, ich bekomme gar keinen Zugang, geht es darum, die Situation mitauszuhalten“, sagt Petra. Mitunter sind Anrufer auch aggressiv und lassen all ihren Frust an ihr aus.

Die Telefonseelsorge begann mit einer Episode in London. Ein Pfarrer hatte dort im Jahr 1953 ein Schild aufgehängt mit der Aufschrift, Menschen sollten doch ihn anrufen, ehe sie sich das Leben nähmen. In der Folge gründeten sich in vielen deutschen Städten Telefonseelsorgestellen, jene für den Bereich Neckar-Alb gibt es seit 1963. Um das Thema Suizid geht es auch heute noch – bei etwa ein Prozent der Ratsuchenden. Es gibt Anrufer, die extreme Ängste plagen, sich bedroht fühlen, ihre Gefühle kaum noch ertragen. Dann können Sätze fallen wie „Mein Leben ist so furchtbar, am besten wäre, ich wäre nicht mehr da“. Dass jemand am Telefon eine konkrete Suizidabsicht ausspricht, sei aber selten, sagt Petra. Und dann?

Das häufigste Problem ist Einsamkeit

Ganz falsch: Sofort dazwischen zu gehen und zu sagen: „Das macht man doch nicht.“ Besser sei, nach den Gründen zu fragen, zu fragen, was gerade los sei, wieder nachzufragen. Dem Anrufer zu vermitteln, dass es gut sei, dass er mit jemandem darüber spreche. Denn wer Suizidgedanken bei der Telefonseelsorge äußert, muss im Gegensatz zu anderen Ansprechstellen erst mal keine direkten und spürbaren Folgen fürchten: keine Polizei, keine Ärzte, keine Behandlung, kein Klinikaufenthalt. Ein solches Eingreifen kann und soll die Telefonseelsorge wegen der Anonymität gar nicht leisten. „Es kommt vor, dass Menschen Suizid begehen“, sagt Clemens Zeller, stellvertretender Leiter der Telefonseelsorge Neckar-Alb. „Doch meistens waren sie zuvor sehr allein mit ihren Gedanken und hatten niemanden, um darüber zu reden. Es macht aber einen Unterschied, ob man mit jemandem darüber redet.“

Das häufigste Problem ist Einsamkeit, es betrifft rund 25 Prozent der Anrufer. Seit Gründung hat sich der Wert mehr als verdoppelt. Ein Gegenwartsphänomen, das oft unsichtbar bleibt. Erst durch die Arbeit bei der Telefonseelsorge sei ihr bewusst geworden, wie viel Einsamkeit es in der Gesellschaft und in Familien gebe, sagt Petra.

Sie hat von Menschen erfahren, die in Mehrparteienhäusern voller Nachbarn wohnen und nicht aus ihrer Einsamkeit herausfinden. Von Müttern und Vätern ohne Kontakt zu ihren erwachsenen Kindern. Von ehemals Vertrauten, die nicht mehr zueinander finden. Auch der Vormarsch digitaler Welten spiele eine Rolle. „Es gibt zahlreiche Menschen, die rein virtuelle Kontakte zu einer anderen Person pflegen – und dieses Verhältnis für eine Beziehung halten.“

Einige melden sich bei der Telefonseelsorge, weil sie ihren Angehörigen nicht sagen wollen, was sie beschäftigt. Sie fürchten beispielsweise, die Partnerin macht Druck, sobald sie vom Stress am Arbeitsplatz erfährt. Andere wollen ihren Nahestehenden lieber nichts von der lebensbedrohlichen Krankheit erzählen, aus Angst vor deren Reaktion. Manche sind total erschöpft. Manche wollen über Sexualität sprechen. Manche über Glaubensfragen.

Urteile und Bewertungen sind tabu

Die Arbeit bei der Telefonseelsorge ist eine Gratwanderung. „Wenn eine Frau in einer gewaltvollen Beziehung steckt, würde es mir natürlich leicht über die Lippen kommen zu sagen: ‚Sofort raus da! Trennen Sie sich!‘ Aber das geht nicht“, sagt Petra. Für derartige Ratschläge kann die Telefonseelsorge die Verantwortung nicht tragen. Urteile und Bewertungen sind tabu, die Telefonseelsorge ist weder ein Schiedsgericht noch ersetzt es ein Therapiegespräch. Es geht nicht darum, die Anrufer zu retten, sondern ausschließlich um das Zuhören. Bei einer Frau mit einem gewalttätigen Partner etwa versucht Petra herauszuhören, wo die Anruferin noch Stärken hat. Wo noch Kraft. Wie sie ermutigt werden kann.

„Ziel eines Gesprächs ist nicht, dass am Ende das Problem gelöst sein muss“, sagt Petra. Sie kann keine Krankheiten heilen, keine Familienfehden beenden, im Leben der Anrufer in der Regel nichts verändern. Das ist auch nicht der Anspruch. „Die Telefonseelsorge gibt es, damit Tag und Nacht jemand da ist“, sagt Clemens Zeller.

Im Jahr 2023 gab es mehr als 13 000 Anrufe bei der Telefonseelsorge Neckar-Alb. Die meisten der 60 ehrenamtlichen Mitarbeiter sind kurz vor oder bereits im Ruhestand. Es dürften gerne mehr sein, doch die Aufgabe ist anspruchsvoll, das Ehrenamt kein fluffiger Spaßjob, um sich ein wenig Kurzweil in die eigene Freizeit zu holen.

Petra ist seit acht Jahren dabei. Sie besuchte einen Informationsabend und anschließend bewarb sie sich. Die Aufnahmekriterien: Empathiefähigkeit, Interesse an Menschen, Lebenserfahrung. „Unsere Mitarbeiter müssen wissen, dass das Leben echt hart sein kann“, sagt Clemens Zeller. „Es ist wichtig, dass sie auch selber schon einmal Krisen durchlebt haben, um mit den Anrufern in Resonanz gehen zu können.“

Die Ausbildung dauert zwei Jahre und ist für die Anwärter umsonst. Im Gegenzug verpflichten sie sich zu drei Jahren ehrenamtlicher Mitarbeit. Im ersten Jahr trifft sich die Ausbildungsgruppe jede Woche, im zweiten alle zwei. Nach der Ausbildungszeit gibt es regelmäßig Supervisionen in der Gruppe, Tagungen, Fortbildungen.

Jeder Mitarbeiter muss sich auch mit sich selbst auseinandersetzen

Erste Telefonate nehmen Neue nach einigen Monaten entgegen. Sie lernen nicht nur Gesprächsführung und Elemente aus der Gesprächspsychotherapie. Sie lernen auch, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Den eigenen Rucksack an blöden Gefühlen, beendeten Freundschaften, falschen Karriereentscheidungen und desaströsen Affären sollte da niemand scheuen. Denn wie reagieren, wenn Ratsuchende wie der eigene sture Bruder argumentieren? Wie verhindern, den eigenen Stress mit den älter werdenden Eltern auf Anrufer zu übertragen, die Ähnliches umtreibt? „Wenn Menschen Dinge ansprechen, die ich selbst kenne, muss ich damit umgehen können“, sagt Petra.

Info Die Telefonseelsorge ist unter den gebührenfreien Rufnummern 0800 / 11 10 111 und 0800 / 11 10 222 erreichbar.