Sollen sich Patientinnen und Patienten auch künftig noch telefonisch krankmelden dürfen? Bei dieser Frage schlagen die Wellen auch in Baden-Württemberg hoch. Doch die Verbände machen eine weitere Debatte auf.
Der Streit um telefonische Krankmeldungen weitet sich aus: Teile der Wirtschaft in Baden-Württemberg fordern einen generellen Bürokratieabbau, wenn es um elektronische Krankmeldungen geht. Wenn die Ärzte sich für telefonische Krankschreibungen aussprächen, weil es für sie weniger Bürokratie bedeute, müsse man auch den gesamten Prozess der elektronischen Krankmeldungen anschauen, sagte Susanne Herre, Hauptgeschäftsführerin der IHK Region Stuttgart, unserer Zeitung. „Dort dauert es nicht nur zu lange, bis Arbeitgeber die Bescheinigung erhalten. Massive Mehrbelastung resultiert daraus, dass Arbeitgeber bei der Krankenkasse die Krankmeldung für jeden Einzelfall einzeln anfragen müssen.“
„Sie jetzt abzuschaffen, wäre schlichtweg absurd“
Zuvor hatte der Hausärztinnen- und Hausärzteverband die telefonische Krankschreibung verteidigt. Diese sei „bisher eine der ganz wenigen erfolgreichen politischen Maßnahmen zur Entbürokratisierung des Gesundheitswesens“, sagte Bundesvorsitzende Nicola Buhlinger-Göpfarth. „Sie jetzt abzuschaffen wäre schlichtweg absurd.“ Man könne auch nicht bestätigen, dass mehr Patientinnen und Patienten sich telefonisch zu Unrecht krankschreiben ließen.
Dies hatte zuvor Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) nahegelegt und sich für eine verpflichtende Krankmeldung beim Arzt ausgesprochen. Die Möglichkeit, sich telefonisch krankschreiben zu lassen, war in der Coronapandemie eingeführt und im Dezember 2023 als dauerhafte Regelung beschlossen worden. Wegen des zuletzt erhöhten Krankenstands hatte die Bundesregierung aber eine Überprüfung vereinbart. So verzeichnete etwa die Techniker Krankenkasse für die ersten neun Monate dieses Jahres einen neuen Rekord an Krankschreibungen. Zuvor hatte die DAK erklärt, diesen Sommer habe der Krankenstand auf Rekordniveau gelegen.
Telefonische Krankschreibung und Arbeitgeber
Der Verband Unternehmer Baden-Württemberg betonte auf Anfrage, den möglichen Missbrauch bei telefonischen Krankschreibungen als alleinige Ursache für steigende Krankenstände anzusehen, greife zu kurz. Allerdings halte man es für problematisch, dass mit der Einführung der elektronischen Krankschreibung „Arbeitgeber kaum noch Informationen erhalten, die einen Missbrauchsverdacht und eine mögliche Überprüfung begründen könnten“, sagte ein Sprecher. „Arbeitgeber müssen die relevanten Informationen erhalten, die ihnen die Überprüfung eines etwaigen Missbrauchs ermöglichen. Diese Prüfung allein den Krankenkassen zu überlassen, ist nicht zielführend.“
Handwerk BW beklagt vor allem den hohen Aufwand und Kosten der elektronischen Krankschreibungen gerade für kleine und mittelständische Betriebe – will sich aber nicht zu einem möglichen Missbrauch von telefonischen Krankschreibungen äußern. „Das Ziel, durch Digitalisierung ein effizientes System zu schaffen, wurde bisher nicht erreicht“, sagte Hauptgeschäftsführer Peter Haas. Elektronische Krankschreibungen bereiteten der Wirtschaft „einen unvertretbaren Arbeits- und Kostenaufwand“. Haas forderte die Landesregierung auf, sich für ein so genanntes „Push“-Verfahren einzusetzen: Hier wird die Krankschreibung automatisch von der Krankenkasse an den Betrieb übermittelt, ohne dass der Betrieb aktiv werden muss. Dies hatte bereits Bayern im Bundesrat beantragt.
Handelsverband möchte telefonische Krankschreibungen ganz abschaffen
Der Handelsverband im Land forderte, die telefonische Krankschreibung wieder abzuschaffen – ein Missbrauch sei nicht von der Hand zu weisen. „Es wäre daher sinnvoll und richtig, wieder zur bewährten Praxis zurückzukehren, bei der eine Krankschreibung nur nach einem persönlichen Arztbesuch ausgestellt wird“ , sagte der Geschäftsführer des Handelsverbands Württemberg, Sascha Jost.