Vor allem junge Menschen achten zunehmend auf eine gute Balance zwischen Job und Freizeit. Pascal Lindner, Teamleiter bei Bosch, hat seine Arbeitszeit reduziert. Die freie Zeit nutzt er für ein besonderes Hobby.
Heilbronn/Stuttgart - Um für die Kinder da zu sein, wenn sie aus der Kita oder der Schule kommen. Um Eltern oder andere Angehörige zu betreuen, die Hilfe benötigen. Das sind häufige Gründe, warum Menschen in Teilzeit arbeiten. Aber nur für sich selbst, für die eigenen Hobbys? Noch kommt es eher selten vor, dass jemand weniger arbeitet und auf Geld verzichtet, nur weil er es eben so möchte. Noch – denn das ändert sich gerade. Vor allem die Jüngeren legen immer mehr Wert auf die Work-Life-Balance, also die Ausgeglichenheit zwischen Job und dem restlichen Leben. Viele sind nicht mehr bereit, das Eine für das Andere aufzugeben.
Fünf Stunden mehr sind ein erheblicher Zeitgewinn
Auch Pascal Lindner gehört dieser jüngeren Generation an. Der 27-Jährige ist Teamleiter für Kommunikationssysteme im Automobilbereich der Firma Bosch in Abstatt (Kreis Heilbronn). Vergangenes Jahr hat Lindner nach drei Jahren Betriebszugehörigkeit seine Arbeitszeit von den regulären 40 Stunden pro Woche auf 35 Stunden reduziert, das entspricht 87,5 Prozent. Pascal Lindner hat weder Kinder noch Eltern, um die er sich kümmern muss – aber ein Hobby: Pferde. Er ist Springreiter im Amateurbereich.
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Seit er vier Jahre alt ist, reitet Pascal Lindner. Anfangs spielte er noch zusätzlich Fußball, doch das packte ihn nicht so sehr. Inzwischen reitet er auf einem Level, das in etwa mit der dritten Bundesliga im Fußball zu vergleichen sei, erzählt er. „Mit 40 Stunden pro Woche war es schwer, das notwendige Trainingsniveau zu erreichen.“ Er habe zwar dennoch versucht, nachmittags und abends Zeit für die Pferde zu finden, aber das Training sei weniger effektiv gewesen als nun mit der 35-Stunden-Woche. „Diese fünf Stunden sind ein erheblicher Zeitgewinn.“
Beantragt hatte Pascal Lindner die Arbeitszeitreduzierung im Januar 2020. Schon zwei Monate später, von März 2020 an, arbeitete er nur noch 35 Stunden pro Woche. Seitdem kann er die Teilzeit jedes Jahr aufs Neue verlängern, wenn er das denn will.
Manchmal arbeitet er im Büro neben dem Stall
Meist fängt er morgens zwischen 6.30 und 7 Uhr an mit der Arbeit und hört gegen 15 Uhr auf, „natürlich immer im Einklang mit anstehenden Aufgaben und geschäftlichen Anforderungen“. Denn klar, wenn nachmittags ein Termin ansteht, kann er nicht einfach Feierabend machen. Aber ihm komme zugute, dass bei Bosch mobiles und flexibles Arbeiten sowie Gleitzeit die Regel ist, sagt er.
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Manchmal verbringt der 27-Jährige auch die Mittagspause bei den Pferden und arbeitet dann im Büro, das an den Reitstall angeschlossen ist. „Etwa drei bis vier Stunden täglich verbringe ich mit dem Reitsport – ob im Stall oder beim Training.“
Das Reiten und der Umgang mit den Pferden helfe ihm auch, die Arbeit zu reflektieren und neue Ansätze zu finden: „Wenn ich bei meinem Pferd bin, kommen mir oft interessante Ideen.“ Sowieso glaubt er, dass sich viel mehr Menschen mit Pferden beschäftigen sollten. So gebe es etwa pferdegestützte Coachings für Führungskräfte und Teams, „man lernt durch diese Tiere viel über seine eigene Wirkung, Präsenz und Authentizität. Das fördert unter anderem auch die Teamfähigkeit.“
Ein Kollege arbeitet 70 Prozent, um mehr in der Natur zu sein
Als er seinem Umfeld erzählte, dass er nun weniger arbeite, hätten die meisten positiv reagiert. Nur die 90-jährige Oma war perplex: „Sie wunderte sich zunächst über meine Entscheidung und wies mich darauf hin, dass man im Leben immer gut abgesichert sein müsse.“ Mittlerweile fände aber auch sie es gut und schaue regelmäßig bei Turnieren zu.
Einer von Pascal Lindners Kollegen bei Bosch hat inzwischen ebenfalls reduziert: auf 70 Prozent. Er nutzt die neue Freizeit zum Wandern oder Radfahren.
Und wie wirkt sich das finanziell aus? Muss Pascal Lindner heute sparsamer leben als früher, weil weniger aufs Konto kommt? „Ich habe es nicht bereut und muss auch auf nichts Wichtiges verzichten“, sagt er.
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