Die Schweizer Lebensmittelgenossenschaft Migros verkauft ihre Tegut-Filialen an Edeka. In Böblingen weiß zur Zeit niemand, wie es weiter geht.
Am Mittwoch hatte es die Belegschaft des Tegut-Marktes in Böblingen erfahren: Die Schweizer Einzelhandelskette Migros will ihre 300 Tegut-Filialen abstoßen, 200 davon will sie an Edeka verkaufen, einen weiteren Teil an Rewe. „Ohne diese Lösung hätte die Schließung von zahlreichen Standorten und der Verlust von mehr als 4500 Arbeitsplätzen gedroht“, hieß es in einer Mitteilung von Edeka
Seither herrscht Ungewissheit in dem Laden in der Böblinger Wolfgang-Brumme-Allee, und die Mitarbeiter fragen sich, ob sie ihre Jobs behalten können.
Wie es in der Böblinger Tegut-Filiale weiter geht, ist zur Zeit nicht in Erfahrung zu bringen. Die Edeka-Pressesprecherin Karina Engelking schreibt: „Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir zum jetzigen Zeitpunkt noch keine weiteren Details bekannt geben können. Das gilt auch für Auskünfte zu konkreten einzelnen Standorten.“
Mit großem Schwung 2024 gestartet
Und der Hausherr, die Böblinger Baugesellschaft (BBG), teilt mit: „Wir kommentieren diesen Vorgang nicht“, sagt die Pressesprecherin Katrin Lebherz.
Auch Migros in Zürich trifft eher allgemeine Aussagen, betont aber, dass die Fortführung der Filialen im Mittelpunkt der Überlegungen stehe. Ganz sicher ist nur, dass die Marke „Tegut“ nicht weitergeführt wird. „Die Arbeitsplätze in den rund 300 Tegut-Märkten, wo der Großteil der Mitarbeitenden innerhalb der Tegut-Gruppe arbeiten, sollten erhalten werden können“, schreibt Annabell Ott, von der Migros-Unternehmenskommunikation. Das heißt im Klartext, dass die Verkäufer vor Ort weniger von Kündigungen betroffen werden, als die Mitarbeiter in der Tegut-Zentrale in Fulda.
Allerdings muss den Verkaufsplänen das Bundes-Kartellamt zustimmen und so lange würden die Filialen weitergeführt, sagen Edeka und Migros übereinstimmend.
Mit der Entscheidung, Tegut abzustoßen, zieht sich Migros aus Deutschland zurück. Auf der Homepage begründet Migros den Schritt so: „Die Genossenschaft Migros Zürich hat während der Sanierung der Tegut-Gruppe eine strategische Neubeurteilung vorgenommen. Trotz massiven Kosteneinsparungen, welche die operativen Verluste der Tegut-Gruppe im vergangenen Jahr um mehr als die Hälfte reduziert haben, verschärfte sich das Marktumfeld in Deutschland weiter und führte zu rückläufigen Umsätzen.“
Dabei war der Tegut Markt als einer der ersten in Süddeutschland mit großem Schwung im Juli 2024 an den Start gegangen. Er war ins frisch gebaute Böblinger Stadthaus Pulse eingezogen und hatte dort eine gute Infrastruktur vorgefunden. Um das Pulse herum gibt es mehr als 80 Fahrradstellplätze, unter dem Haus befinden sich 350 Stellplätze für Autos, davon sind 250 öffentlich und dienen den Kunden, 100 Stellplätze bekamen die Bewohner des Pulse.
Seit zehn Jahren hatte sich die Kette aus Fulda auch in Süddeutschland vergrößert, zuerst in Stuttgart und Ludwigsburg, dann auch in Böblingen, wie der Expansionsleiter Martin Kühner damals berichtete. 15 000 verschiedene Produkte bietet die Filiale an, davon 3200 Bioprodukte und 1000 regionale Erzeugnisse. Knifflig sei es gewesen, das ganze Sortiment auf der Fläche im Pulse unterzukriegen, sagte Kühner damals.
Verschiedene Preissegmente in der Nähe
Bis zum Jahr 2024 war der Edeka in den Mercaden der einzige Lebensmittelhändler nahe der Bahnhofstraße gewesen. Mit dem Bau des Pulse waren Aldi und Tegut zusätzlich vor Ort. Kritiker hatten damals eingewandt, dass sich jetzt zu viele Lebensmittel-Filialisten in unmittelbarer Nähe befänden. Die beiden Häuser ergänzten sich, war damals die These von Rainer Ganske, dem Chef der BBG: Den Mercaden bleibe der kleinteilige Einzelhandel vorbehalten, die großen Flächen gebe es im „Pulse“. Außerdem seien mit den drei Märkten verschiedene Preissegmente in unmittelbarer Nähe vereint.
Bessere Chancen für lokale Lieferanten
Die Edeka-Gruppe zeigt sich in ihrer Pressemitteilung verhalten optimistisch: „Mit dieser Einigung schaffen wir eine klare Zukunftsperspektive für die Tegut-Märkte und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Unser Ziel ist es, die Standorte wirtschaftlich stabil aufzustellen, Arbeitsplätze zu sichern und die Nahversorgung für die Menschen vor Ort langfristig zu gewährleisten“, so Markus Mosa, Vorstandsvorsitzender der Edeka-Zentrale.