In etwa zwei Jahren kann ein neuer Kiez in der Böblinger Unterstadt entstehen. Der Technische Ausschuss des Gemeinderats billigte den Bebauungsplan für das Mühlbachquartier. Das Einkaufszentrum wird dann abgerissen.
Die Luft wird eng für die letzten verbliebenen Bewohner und Geschäftsleute des Böblinger Einkaufszentrums (EKZ) an der Wolfgang-Brumme-Allee. Am Mittwoch empfahl der Technische Ausschuss des Böblinger Gemeinderates, den neuen Bebauungsplan für das so genannte Mühlbachquartier zwischen der Talstraße, der Sindelfinger Straße, der Friedrich-List-Straße und der Wolfgang-Brumme-Allee anzunehmen.
Man kann also davon ausgehen, dass auch der Böblinger Gemeinderat in seiner nächsten Sitzung am 27. März zustimmen wird. Sollte das der Fall sein, dann wird es voraussichtlich ein bis eineinhalb Jahre dauern, bis der Bebauungsplan geltendes Recht wird. Danach könnten die Bagger anrücken und den Plan verwirklichen, den die Böblinger Baugesellschaft (BBG) und das Büro ASP-Architekten-Partnerschaft aus Stuttgart ausgearbeitet haben. Der Plan sieht vor, das Einkaufszentrum abzureißen und das rund 9400 Quadratmeter große Areal mit mehreren neuen Gebäuden aufzuwerten. Ein Bauteil entlang der Wolfgang-Brumme-Allee bekommt großflächigen Einzelhandel, ein Baukörper an der Ecke Wolfgang-Brumme-Allee/Friedrich-List-Straße ist für Büros vorgesehen, dazu gibt es mehrere Stadthäuser mit Wohnungen als Übergang zur Mühlbachstraße, die im Süden komplett begrünt wird. Das Parkhaus des Möbelhauses Poco wird zu einem so genannten Mobility-Hub umgebaut, mit einer Verbindung zum Böblinger Bahnhof für Fußgänger und Radfahrer. Vor dem ehemaligen Möbelhaus Krauß wird es einen großen zentralen Platz geben, unweit davon werden entlang der Wolfgang-Brumme-Allee zwei Bushaltestellen eingerichtet. Zur Verbesserung der Wohn- und Aufenthaltsqualität werden große Teile des Areals begrünt. Eine neue Passage nimmt den Durchgang des gegenüberliegenden Quartiers, dem „Pulse“, auf und führt ihn bis zur Mühlbachstraße fort. In die Bürogebäude sollen Teile der Stadtverwaltung einziehen. Insgesamt sind im neuen Quartier rund 155 Wohnungen geplant. Zusätzlich soll es eine Kita und einen Quartierstreff geben. Keinen Platz mehr im neuen Bebauungsplan hat allerdings die Tankstelle.
Amerikanische Shopping-Center waren das Vorbild
Die Böblinger Baubürgermeisterin Christine Kraayvanger zeigte sich erleichtert, dass dieses Verfahren nach langwierigen Verhandlungen mit den Eigentümern sich seinem Ende zuneigt, und sie jetzt den Investoren sagen kann, dass der Gemeinderat an dieser Stelle mitzieht.
Damit wird aller Wahrscheinlichkeit nach das enden, was einst als Vorzeigeprojekt begann. Im Architekturführer des Baudezernats Böblingen „Architektur und Stadtplanung in Böblingen“ aus dem Jahre 2003 ist das Einkaufszentrum genauer beschrieben. Nach dem Vorbild amerikanischer Shopping-Center wurde auf einer freigehaltenen Innenstadtfläche eines der ersten Kaufzentren Süddeutschlands erbaut. In einer Mischung von kleineren und größeren Gesellschaften wurden rund 25 000 Quadratmeter Verkaufsfläche errichtet.
Mit der Entscheidung, das Erdgeschoss für Parkierung und Anlieferung zu nutzen, wurden die Verkaufsflächen den Obergeschossen zugeordnet und über eine Passage erschlossen. Die Architekten waren das Büro Aumüller aus Böblingen und das Büro Kölsch aus Essen. Die Bauherren waren die Firmen Hertie und Krauß sowie einige andere Eigentümer. Die Bauzeit betrug zwei Jahre von 1965 bis 1967.
Magnet, weit über die Grenzen hinaus
Das Einkaufszentrum war damals ein Magnet weit über die Grenzen von Böblingen hinaus, und viele alte Stuttgarter erinnern sich daran, dass man mit der S-Bahn nach Böblingen zum Einkaufen fuhr. Nun hat der Magnet seine Anziehungskraft verloren. Viele der Geschäfte und Restaurants im einst schicken Böblinger Einkaufszentrum sind inzwischen verwaist. Ob das Einkaufszentrum dann wirklich binnen der nächsten zwei Jahre abgerissen wird, hängt davon ab, wie weit die BBG mit ihren anderen Projekten und den Verhandlungen mit den restlichen Eigentümern auf der Fläche ist. Aber eines ist sicher: Die Tage des Einkaufszentrums sind gezählt.
Böblingen wandelt sich
BBG
Die Böblinger Baugesellschaft ist bekannt dafür, große Projekte anzugehen. In Böblingen plant sie unter anderem das Mühlbachquartier und das Postareal.
Unterstadt
Die Böblinger Unterstadt zwischen der Altstadt und dem Bahnhof ist in den letzten Jahrzehnten radikal umgebaut worden. Durch die Fußgängerzone und die Mercaden, die großen Bankgebäude und die Stadthäuser hat sie inzwischen einen urbanen Charakter angenommen.