Die 11-jährige Layla Sweis hat eine Woche lang getestet, wie es sich mit Roboter lebt Foto: Bosch

Die Roboter der Zukunft haben ein Gefühl für Menschen. Fast noch wichtiger ist aber das Gefühl der Menschen für die Roboter – wie eine Begegnung bei Bosch zeigt.

Renningen - Einem solchen Typen gehorcht man gern: „Bitte folgen Sie mir, ich führe Sie.“ Dazu ein Blick aus großen dunklen Augen, ein freundliches Lächeln, überaus höflich. Wer zu zögerlich nachkommt, erhält den Hinweis: „Ich warte auf Sie, folgen Sie mir.“ Gruppen umrundet Spencer rücksichtsvoll, aber zielstrebig. Nur wenn es zu eng wird, dann stoppt er. Der Roboter ist einer der wenigen seiner Art, der sich wie selbstverständlich unter Menschen bewegt.

An seinem ersten Einsatzort, dem Flughafen von Amsterdam, ging er denn auch beinahe in der Masse unter. „Es war für uns interessant zu sehen, wie wenig Aufsehen er erregt hat“, sagt Kai Arras, Chief Expert Robotics bei Bosch am Forschungsstandort Renningen. „Die Menschen haben an einem Flughafen wenig Zeit, um sich zu wundern.“ Flughäfen sind so etwas wie eine natürliche Umgebung für Typen wie Spencer. Dort können sie helfen: beim schnellen Gate-Wechsel, wenig Umsteigezeit, als Hilfe für unerfahrene Reisende.

In einem Pilotprojekt ist Spencer, der an der Uni Freiburg entwickelt wurde, im März 2016 rund 50 Kilometer vollautomatisch herumgefahren – dabei waren die Menschen um ihn herum stets in Sicherheit. Das ist eines der nächsten großen Ziele der Robotik, sagt Arras: dass Mensch und Maschine eng zusammenarbeiten können. Bislang müssen sie – etwa in Produktionshallen – voneinander getrennt arbeiten, da Roboter das „Gefühl“ für Menschen fehlt. Durch ihre schiere Kraft können sie ihren menschlichen Kollegen gefährlich werden.

Roboter sollen künftig durch Zuschauen vom Menschen lernen

Das Bosch-Robotik-Labor zum Beispiel löst dieses Problem im Industriebereich mit einer Sensorhaut – einer Art schwarzes Leder, mit dem ein Roboterarm umgeben ist: Es „spürt“ Menschen bereits in einem Abstand von zehn Zentimetern. Laut Arras ist sie die weltweit erste Sensorhaut, die als sicher zertifiziert ist: Der Roboterarm stoppt seine Bewegung, bevor er einen Menschen berührt. Eine Alternative wären sehr schwache Roboter – diese Eigenschaft würde allerdings das Ziel konterkarieren, dem Menschen die schweren, ergonomisch ungünstigen Arbeiten abzunehmen.

Damit Roboter auch an menschlichen Arbeitsplätzen, mit Menschen, arbeiten können, arbeiten Forscher an Robotern mit menschlicher „Ausstattung“ – zwei Armen und einer Art von Gefühl. Soft-Robotics sei ein recht neues Forschungsfeld, sagt Arras. Der Zwei-Arm-Roboter, den er im Labor zeigt, kann zwei Teile zusammenstecken, für die man eine Präzision von zwei Mikrometern braucht – weniger als die Dicke eines menschlichen Haares. „Das geht nicht mit Sehen, das geht nur mit Fühlen“, sagt Arras. Dafür brauche es Roboter mit Nachgiebigkeit. Das Ziel für die Zukunft sei, dass solche Roboter die Bewegungen vom Menschen lernen, indem sie ihm zuschauen. Noch ist das Zukunftsmusik, aber mit einigen Hilfen funktioniert es schon: etwa, wenn der Mensch den Roboterarm führt und dazu Regeln programmiert.

Aber Roboter sollen nicht nur helfen oder gar Menschen ersetzen können, sie sollen auch angenehme Kollegen sein. Um das zu erreichen, arbeitet Bosch mit Psychologen zusammen. Roboter wie Spencer werden mit einer gewissen Höflichkeit ausgestattet, die sich Spencer durch maschinelles Lernen teils selbst aneignete. Menschengruppen zum Beispiel trennt Spencer nicht. „Er hat gesehen, dass Menschen normalerweise um Gruppen herumgehen“, erklärt Arras. Zu viel Höflichkeit sei aber auch nicht gut, denn dann kann es sein, dass der Roboter sein Ziel nie erreicht.

Der Roboter „Kuri“ ist als eine Art Kumpel gedacht

Der Extremfall des menschenfreundlichen Roboter ist an diesem Tag auch zu Besuch bei Bosch: „Kuri ist ein Roboter für den Haushalt“, sagt Chris Matthews vom kalifornischen Start-up Mayfield Robotics. Wer aber glaubt, der kleine Kerl, der aussieht wie ein dicker Pinguin, können künftig den Abwasch übernehmen, irrt. „Er wird nicht für Sie aufräumen, nicht abwaschen, nicht Ihre Kinder zur Schule fahren“, sagt Matthews. Kuri sei vor allem als eine Art Kumpel gedacht. Er könne auf Wunsch Musik abspielen, seinem Besitzer folgen, und ihn zum Beispiel informieren, falls eine bestimmte Person das Haus betritt. Außerdem kann der Besitzer durch Kuris Augen schauen und durch ihn sprechen, wenn er selbst nicht zu Hause ist. „Sie können Ihrem Hund sagen, dass er runter von der Couch soll – sogar wenn Sie selbst viele Kilometer entfernt sind“, sagt Matthews.

Alle Funktionen, für welche Kamera, Sensoren und Lautsprecher ausreichen, kann der Nutzer per App programmieren. Mehr aber auch nicht. Sprechen? Nein, dafür sei die Spracherkennung derzeit noch nicht gut genug. „Wir wollen, dass das Zusammenleben mit Kuri perfekt ist“, sagt Matthews – da stören Missverständnisse. Anstatt zu sprechen, gibt Kuri aus diesem Grund nur Töne von sich.

„Das stört aber nicht“, sagt die 11-jährige Layla Sweis, die ein Wochenende lang mit dem Roboter, der Ende des Jahres in den USA auf den Markt kommen soll, zusammengelebt hat. Was sie mit dem Roboter gemacht hat? „Wir haben vieles getestet, wir waren Beta-Tester“, sagt sie. Die junge Schülerin sieht sich mehr als Ingenieurin denn als Roboter-Spielkameradin.

„Es wäre schön, wenn er mein Zimmer aufräumen könnte“

Wie funktioniert die Bedienung über die Smartphone-App? Wie kommt er über kleinere und größere Absätze in der Wohnung? „Wenn er stecken blieb, hat er geweint“, sagt Layla. „Er macht lustige Geräusche.“ Sie habe aber immer verstanden, was er wolle. Kuris Laute und seine rudimentäre Mimik sind offenbar recht intuitiv.

Der Roboter der Zukunft? „Naja, es wäre schön, wenn er mein Zimmer aufräumen und meine Hausaufgaben machen könnte“, sagt Layla und grinst. Spaß habe sie aber schon mit ihm gehabt – zum Beispiel, als sie ihn ins Elternschlafzimmer schickte und ihren Vater mit einem Alarmton aufwecken ließ. Ob Kuri auch Freundschaften ersetzen kann? Layla schüttelt den Kopf: „Er kann doch nicht einmal sprechen!“

So richtig wollen diese niedlichen Roboter nicht zu Bosch passen – diesem eher nüchternen Konzern, bei dem es doch mehr um Funktionen als um Gefühle geht. Gerade Kuri, der nicht einmal Arme hat, um irgendetwas zu bewegen. Wieso kauft Bosch solche Unternehmen? „Wir probieren eben vieles aus“, sagt Bosch-Sprecher Dirk Haushalter. Dann gibt er zu, dass selbst Bosch-Chef Volkmar Denner nach dem ersten Kontakt mit Kuri gesagt habe, dass dieser viel zu wenige Funktionen habe. Irgendjemand hat ihn offenbar doch überzeugt, denn das Startup wurde weiter gefördert. Und zumindest das Presseecho gibt ihm recht: „Der süßeste Roboter“, „Goldig“ titelten die Tech-Magazine nach der Präsentation auf der Consumer Eletronics Show in Las Vegas. Auch beim Termin in Renningen stiehlt der ­Roboter, der kaum etwas kann, einigen seiner funktionaleren Kollegen die Show. Vielleicht brauchen wir sie eben doch, die Roboter zum Liebhaben.

Bosch und die künstliche Intelligenz

Ausbau Bosch hat der Entwicklung um die künstliche Intelligenz lang zugesehen – nun scheint Eile angesagt: Von den 20 000 Mitarbeitern, die Bosch einstellen will, soll die Hälfte in der IT arbeiten, sagt Dirk Haushalter. Hat Bosch die Entwicklung verschlafen? „Wir haben sie uns zuerst genau angeschaut“, so Haushalter.

Zentrum Inzwischen scheint die Betriebsführung überzeugt zu sein: Bosch finanziert nicht nur einen Stiftungslehrstuhl zum maschinellen Lernen an der Uni Tübingen mit 5,5 Millionen Euro über zehn Jahre, das Unternehmen verkündete auch ein KI-Zentrum, das in Renningen, Palo Alto (Kalifornien) und Indien aktiv ist.

Amsterdam An diesem Donnerstag wird Bosch darüber hinaus die Zusammenarbeit mit der Universität Amsterdam verkünden, mit welcher der Konzern die Kompetenz im Bereich KI weiter ausbauen will. „Deltalab“ fördert zehn Doktoranden mit insgesamt drei Millionen Euro über einen Zeitraum von vier Jahren.

http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.revolution-in-der-arbeitswelt-der-roboter-wird-zum-kollegen.3edcd225-7425-42f7-8b3a-8e28dfb92fc1.html http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.strategie-des-roboterherstellers-kuka-plant-haushaltsroboter-fuer-jedermann.2a86150f-f3b3-4e1e-8875-3232e5e6c6ab.html

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