Cathleen Schuster arbeitet seit über 20 Jahren mit Demenzkranken. Foto: Benjamin Schieler

Die Alzheimer-Gesellschaft unterstützt pflegende Angehörige von Demenzkranken in ihrem herausfordernden Alltag mit Informationen und Kursen. Im Westen gibt es auch eine Musterwohnung.

S-Mitte - Als Karl Hollnberger einen Finger befeuchtet und den Wasserwarnmelder berührt, zucken seine Zuschauer zusammen. Durchdringend ist das Geräusch, das in der barrierefreien Musterwohnung des Kommunalverbands für Jugend und Soziales Baden-Württemberg in der Stuttgarter Lindenspürstraße ertönt, ein Alarmsignal erster Güte – und just deswegen interessant für die zehn Besucher. Sie eint, dass sie einen Angehörigen haben, der an Alzheimer oder einer anderen Form von Demenz erkrankt ist und sie ihn pflegen. Sie wollen erfahren, welche Hilfsmittel ihnen helfen können, damit der Patient so lange wie möglich eigenständig in den eigenen vier Wänden bleiben kann.

Gesprächskreis und Telefonberatung

Die Wohnberatung des Deutschen Roten Kreuzes ist ein Baustein der Schulung „Hilfe beim Helfen“ der Alzheimer Gesellschaft Baden-Württemberg für pflegende Angehörige. Zum Angebot des in der Friedrichstraße sitzenden Vereins zählen auch ein Gesprächskreis und individuelle Beratungen am Telefon – aus gutem Grund. Zwischen 60 und 70 Prozent der Demenz-Erkrankten in Deutschland werden in erster Linie von Angehörigen gepflegt. Entlastung finden sie viel zu selten. Immer mehr Einrichtungen für Tagespflege scheuen sich, die Patienten aufzunehmen, weil ihnen die Personalkapazitäten fehlen. Folge: die Angehörigen fühlen sich allein gelassen und überfordert.

„Eine planbare Kurzzeitpflege ist oft ein Ding der Unmöglichkeit“, hat Cathleen Schuster festgestellt, die dem Isolationsgefühl entgegenwirken will. „Nach Hilfe zu suchen ist kein Zeichen von Schwäche oder Ohnmacht“, sagt die Frau, die seit April 2016 bei der Alzheimer-Gesellschaft Angehörige betreut. Eigentlich hatte Schuster Landschaftsarchitektin werden wollen, ein Freiwilliges Soziales Jahr in einem Altenheim ebnete ihr einen anderen Weg. Inzwischen arbeitet sie seit mehr als 20 Jahren mit Demenzerkrankten. „Es ist eine Herzensangelegenheit.“

Bei der Führung durch die barrierefreie Musterwohnung hält sich Schuster abseits. Karl Hollnberger präsentiert ein Telefon mit Fotos neben den Kurzwahltasten, ein Handy mit Notfallknopf oder einen Bewegungsmelder für die Haustür, der ein Tonband mit Sätzen wie „Habe ich einen Schlüssel dabei?“ oder „Liebe Petra, bleib zu Hause, ich bin gleich wieder da“ auslöst. Anschließend geht es ins Bad, ins Schlafzimmer, in die Küche. Die einfach zu bedienende Fernbedienung für den Fernseher löst bei den Angehörigen ein Seufzen aus, der Trinkwächter oder die Herdüberwachung gespanntes Lauschen. „Wenn’s praktisch ist, ist es häufig auch teuer“, bedauert Hollnberger. Aber: Für viele Hilfsmittel gilt die Leistungspflicht der Krankenkassen. „Findige Hausärzte wissen das.“

Was zahlt die Kasse?

Ausführliche Informationen zu Rechtsfragen und Krankenkassenleistungen zählen zu den wichtigen Komponenten der Angehörigenschulung von Cathleen Schuster. Sieben Module zu je zwei Stunden dauert der Kurs. Vor allem will die Beraterin aufzeigen, was Demenz aus einem Menschen macht und welche Konsequenzen die Pflege für das eigene Leben hat. „Wenn sich das Verhalten oder die Persönlichkeit des Partners oder des Elternteils verändern, sollte man sich klarmachen, dass da häufig nicht mehr der Mensch spricht, sondern die Krankheit“, sagt sie und rät Angehörigen zu gelegentlichen Auszeiten. „Die Selbstfürsorge ist enorm wichtig. Man braucht Freizeit, um Kraft zu tanken, sollte seine Hobbys auf keinen Fall aufgeben. Sonst hält man es nicht über Jahre hinweg durch, ohne selbst krank zu werden.“ Je mehr Schultern es gebe, auf die Verantwortung verteilt werde, je mehr Geschwister, Freunde oder Nachbarn einspringen könnten, umso besser. Schließlich werden auch pflegende Angehörige mal krank oder haben einen Unfall.

Als sich die Führung durch die barrierefreie Musterwohnung gen Ende neigt, muss Karl Hollnberger feststellen, dass er den vorgesehenen Zeitrahmen gesprengt hat. „Ich rede immer so viel“, entschuldigt er sich schmunzelnd. Die Teilnehmer der Führung nehmen es ihm nicht übel. Denn Hollnberger mag viel reden, er hat aber auch viel zu sagen. „Mir raucht der Kopf“, gesteht eine der Angehörigen, eine andere flüstert ihrem Nebenmann zu: „Es gibt doch immer wieder Dinge, die man bisher nicht wusste.“

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