Lars Lehner hat den Protoypen angelegt: Er misst Handbewegungen und die Muskelspannung und zeigt, dass der Juniorchef nicht an Schwermut leidet. Foto: Ines Rudel

Ein cleveres Beobachtungssystem unterstützt Ärzte bei der Therapie von psychisch Kranken.

Kirchheim - Etwa sechs Millionen Deutsche haben schon einmal an einer Depression gelitten. Manche führt die Depression in Suchtprobleme, für manche endet die Krankheit sogar im Suizid. Angehörige erfahren fürchterliches Leid und Helfer können in Gefahr geraten. Ein neuer Therapie-Ansatz wird gerade bei Lehner Systeme in Kirchheim entwickelt. Ein ziemlich ungewöhnlicher sogar: Denn helfen soll eine Manschette, die man am Unterarm trägt.

Der Prototyp besteht aus zwei Stoffringen

Der Prototyp, den sich der Juniorchef Lars Lehner probeweise anzieht, besteht aus zwei Stoffringen, die miteinander verbunden sind. In dieser Manschette steckt die pure High-Tech, die zum guten Teil aus dem Hause Lehner selbst kommt. Sensoren messen am Arm den Puls, die Bewegungsmuster und die Muskelspannung. „Damit können wir erkennen, wenn jemand in eine depressive Grübelphase gerät, wenn der Körper komplett inaktiv wird und der Patient nur da sitzt und vor sich hin stiert“, berichtet Lars Lehner.

Diese Daten werden per Telefonnetz an einen medizinischen Server gesendet und können vom behandelnden Arzt abgerufen werden. Oft sind sich depressive Patienten nicht im Klaren darüber, wie schwer sie erkrankt sind. Fragt sie der Arzt danach, spielen sie die Symptome vielleicht herunter, oder sie können sich an die langen inaktiven Phasen nicht mehr richtig erinnern. Die Daten, die das Armband sammelt, sind unbestechlich. Der Arzt kann dann präzise sehen, ob seine Therapie zum Erfolg geführt hat oder nicht und gegebenenfalls seine Behandlung ändern.

Damit kommen datenrechtliche, oder wenn man so will, ethische Fragen auf. Schließlich zeichnet der Sensor nicht nur ein Bewegungsprofil auf, wie das jetzt schon jedes Handy tut, sondern gewissermaßen auch ein Protokoll des Gemütszustandes. „Als wir das Projekt begonnen haben, haben wir uns von der Ethik-Kommission in Göttingen grünes Licht geben lassen“, sagt Lars Lehner. Die Kommission will auch die weiteren Schritte des Projektes überwachen.

Die Daten werden vollverschlüsselt

Wichtig ist auch, dass diese Daten auf einem speziellen medizinischen Server abgelegt werden, der besonders sicher ist, weil die Daten vollverschlüsselt werden. Dieser Server wird von der Telepaxx Medical Archiving Gesellschaft bereitgestellt, sie ist einer der sieben Projektpartner.

Federführend in dem Projekt ist die Firma Digital Worx aus Stuttgart-Vaihingen, von der die Software stammt. Der Digital Worx Chef Mirko Ross und der Chefarzt Knut Schnell aus Göttingen waren es auch, die die Idee dazu entwickelten. Gefördert wird die Manschette vom Bundesforschungsministerium mit rund zwei Millionen Euro. Lehner in Kirchheim entwickelt das System, also das Zusammenspiel aller Komponenten. Das Projekt hat eine Laufzeit von drei Jahren. Es hat im April 2017 angefangen und läuft im Mai 2020 aus. Wenn es die gewünschten Ergebnisse gebracht hat, soll es in Serie gehen.

Doch ein wichtiger Test steht noch aus: Gerade hat die klinische Erprobung in den Universitätskliniken Göttingen und Heidelberg angefangen. Hundert Prototypen gibt es, die jetzt an den stationären Patienten getestet werden.

Verläuft alles gut, werden die Techniker parallel daran arbeiten, die Manschette kleiner zu machen, damit man sie unauffällig unter dem Hemd tragen kann. Wenn sich alles so entwickelt, wie die sieben Projektpartner glauben, dann kann diese Manschette von 2021 an ein gutes Hilfsmittel werden, das Menschen aus dem Sumpf der Krankheit zieht.

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