T. C. Boyle war virtuell zu Gast im Stuttgarter Literaturhaus. Foto: dpa/Jörg Carstensen

Die Beat-Generation und ihren Einfluss auf die Literatur haben die Autoren T. C. Boyle, Jean-Jacques Lebel und Franz Dobler im Literaturhaus diskutiert. Ursprünglich wäre der Dichter Lawrence Ferlinghetti zugeschaltet worden, der wenige Tage zuvor verstorben war.

Stuttgart - „We were all beat“, sagt T. C. Boyle. Boyle ist virtueller Gast im Literaturhaus Stuttgart, am Donnerstagabend, für eine gute Viertelstunde. „On the Road with Howl/Unterwegs mit Geheul“ heißt dort das Motto, Manfred Heinfeldner moderiert. Es geht um die Beat-Generation, jene Gruppe von Autoren, die in den 1950er Jahren die USA bereisten – „Mit relativ offenen Augen, sehr viel Alkohol und vielen flüchtigen sexuellen Begegnungen“, wie Heinfeldner sagt. Jack Kerouac, Allen Ginsberg, William S. Burroughs und ein rundes Dutzend weiterer Schriftsteller brachen Tabus und sprengten literarische Formen – eine Bewegung, die einen langen literarischen Schatten bis in die Gegenwart wirft.

Lawrence Ferlinghetti, der Buchhändler und Verleger, der in der Geschichte der Beat-Generation eine so große Rolle spielte, war geladen, starb jedoch wenige Tage zuvor, 101 Jahre alt, in San Francisco. An seiner statt nun spricht T. C. Boyle, geboren 1948.

Beat-Generation bereitete den Aufstieg der Hippie-Kultur

Boyle schreibt konventioneller als die Beat-Autoren, macht jedoch die US-amerikanische Gegenkultur in fast jedem seiner Bücher zum Thema. Seine eigenen Wurzeln sieht er in der Hippie-Kultur. Aber: „The beats gave rise to the hippies“, die Beat-Generation bereitete den Aufstieg der Hippie-Kultur vor.

„We were all beat“ – mit diesem Satz also beginnt eine Erzählung T. C. Boyles, die von einem jungen Fan aus Kalifornien handelt, der quer durch den amerikanischen Kontinent trampt, um den längst alkoholkranken Jack Kerouac auf Long Island zu besuchen. Mit sanfter Ironie bringt Boyle zur Sprache, was Jean-Jacques Lebel, ein weiterer virtueller Gast des Abends, später von einer anderen Seite aus ansprechen wird.

Mehr Atmosphäre als Meisterwerke

Lebel, selbst Dichter, übertrug Texte der Beat-Autoren ins Französische. Für ihn hatten die Beats enormen Einfluss auch auf die französische Literatur – „Aber sie schufen keine Meisterwerke, sie schufen eher eine Atmosphäre und gaben dem Wort Literatur eine ganz neue Bedeutung.“ Die Literatur, die in der Nachfolge der Beats entstand, blieb, das stellt Lebel fest, auch in Frankreich zumeist epigonal.

Franz Dobler, der dritte Gast des Abends, begann zu schreiben in einer Zeit, in sich Autoren dem Einfluss der Beat-Generation gegenüber abgrenzten: „Die Beats waren zu sehr mit den Hippies verbunden, und mit denen wollten wir eigentlich nichts zu tun haben.“ Erst später ließ Dobler sich von der Schreibhaltung der Amerikaner beeinflussen, vom Zusammenspiel von Literatur und Musik, vom mündlichen Vortragsstil, der Interesse an Alltagssprache und Jargon. Die Beats wurden für ihn zu Beispielen eines Schreibens außerhalb der subventionierten Kultur. „Sie waren die wirkmächtigste literarische Gruppe, die es je gegeben hat“, sagt Dobler heute. Die deutsche Gruppe 47 dagegen kam diesem Autor dagegen vor wie eine staatstragende Lehrerversammlung.

Die Beats waren alles was, Trump nicht war

Ist die Beat-Generation für die heutige Literatur noch von Bedeutung, oder ist sie längst historisch? Manfred Heinfeldner glaubt an Parallelen, vergleicht die Zeit der Beats, die unter den Zeichen des Zweiten Weltkriegs und des Atombombenabwurfs auf Hiroshima und Nagasaki stand, mit der pandemiegeplagten Gegenwart. Weder T. C. Boyle noch Jean-Jacques Lebel und Franz Dobler wollen sich festlegen. Ein solches Urteil, sagen sie, sollten jüngere Autoren fällen. Aber sie hoffen. Immerhin, sagt T. C. Boyle, waren die Beats alles, was Donald Trump und seine Gefolgschaft nicht waren. Der Abend endet mit zwei Originalvorträgen, vom Band: Diane Di Prima, eine der wenigen Frauen der Beat-Gruppe, liest aus ihren „Revolutionary Letters“, und Tuli Kupferberg, einer der letzten Beats, Mitglied der Band The Fugs, Mitglied der politisch aktiven Gruppierung der Yippies, die eine wichtige Rolle in Aaorn Sorkins aktuellem Film „The Trial of the Chicago 7“ spielt, liest sein Gedicht „The new America“.

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