Ein Plakat aus den 50er Jahren, das die Bürger zur Reihenuntersuchung auf Tbc auffordert Foto: Deutsches Tuberkulose-Archiv

Die Tuberkulose gilt vielen als Schreckgespenst aus vergangenen Tagen. Doch die Infektionskrankheit ist nicht auszurotten. Die Fallzahlen sinken seit Jahren nicht mehr. Jetzt mussten sich an einem Stuttgarter Gymnasium mehrere Klassen einem Bluttest unterziehen.

Stuttgart - Kurz vor den Pfingstferien haben zahlreiche Schüler des Stuttgarter Schickhardt-Gymnasiums eine ungewöhnliche Erfahrung gemacht. Mitarbeiter des Gesundheitsamts rückten an, um die Mittelstufenschüler einem Bluttest zu unterziehen. Der Grund: Bei einer Lehrerin war offene Tbc, also die ansteckende Form der gefährlichen bakteriellen Infektionskrankheit Tuberkulose, die besonders die Lungen befällt, festgestellt worden.

„Im Wesentlichen geht es um drei Klassen, alles in allem zwischen 80 und 90 Schüler“, sagt Martin Priwitzer, stellvertretender Leiter des Gesundheitsamts. Tests aller Lehrer und Schüler des Gymnasiums seien dagegen „nicht angezeigt“ gewesen. Ein erster Untersuchungslauf ist bereits beendet, ein zweiter soll in einigen Wochen folgen. Das vorläufige Ergebnis: „Es gibt einzelne Schüler mit einem Verdacht auf eine Ansteckung“, so Priwitzer. Allerdings seien diese nur infiziert, aber nicht erkrankt. Und auch nicht ansteckend.

Rund fünf Prozent der Bevölkerung infiziert

Ob diese Fälle überhaupt mit der Lehrerin zu tun haben, sei unklar, sagt der Experte: „Wenn man die ganze Bevölkerung untersuchen würde, käme man wohl auf eine Infektionsrate von fünf Prozent.“ Davon erkranke im Lauf der Zeit aber nur jeder Zehnte. Die Schüler des Gymnasiums können sich also ebenso gut anderswo angesteckt haben, beispielsweise in einem Urlaub. Nach wie vor weit verbreitet ist die Tuberkulose besonders in Afrika, China, Indien und einigen Teilen Osteuropas.

Die Schüler sind zu weiteren Untersuchungen, etwa der Anfertigung von Röntgenbildern, und eventuellen präventiven Behandlungen den jeweiligen Hausärzten übergeben worden. Der Schulbetrieb kann nach den Pfingstferien ganz normal weitergehen, Einschränkungen gibt es für die Betroffenen nicht. „Sie zeigen keine Symptome und können alles machen. Tuberkulose ist insgesamt ohnehin weniger ansteckend“, heißt es beim städtischen Gesundheitsamt. Die Schulleitung war wegen der Ferien nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.

Krankheitsfälle an Schulen sind höchst selten. Laut Priwitzer hat es das in Stuttgart seit Jahren nicht mehr gegeben. Generell allerdings gilt, dass die längst vergessen geglaubte Infektionskrankheit seit einigen Jahren nicht mehr auf dem Rückzug ist. Im vergangenen Jahr waren es in der Landeshauptstadt 44 Fälle, im Jahr zuvor wegen eines Ausbruchs in einem Obdachlosenheim sogar 67. „Die Tuberkulose ist ein Problem, das nicht mehr zurückgeht und das man bundesweit nicht im Griff hat“, so Priwitzer.

Gefährdet sind seinen Angaben nach besonders vier Gruppen. Zum einen sind das ältere Menschen, die sich in der Kriegs- oder Nachkriegszeit infiziert haben und die Krankheit bis zu einem viel späteren Ausbruch in sich tragen. Zum anderen betroffen sind Suchtkranke und Obdachlose, deren Immunsystem geschwächt ist. Und zudem Menschen, die aus bestimmten anderen Ländern kommen oder dort gewesen sind.

Empfänglich für die Erreger sind auch Kinder

Jüngst wurden deshalb auch einige Fälle bei Flüchtlingen verzeichnet, die systematisch untersucht werden. Empfänglich für die Erreger sind auch Kinder. Anzeichen der Krankheit kann beispielsweise ein länger anhaltender Husten sein. Übertragen wird sie in der Regel durch den direkten Kontakt mit Betroffenen. Behandelt wird Tuberkulose mit Antibiotika. Allerdings entwickeln sich immer mehr Resistenzen der Erreger gegen die Medikamente. Eine wirksame Schutzimpfung gibt es derzeit nicht.

Die Beobachtungen aus Stuttgart lassen sich auch auf ganz Baden-Württemberg übertragen. „In den Jahren 2001 bis 2008 haben Tuberkulose-Neuerkrankungen einen deutlich rückläufigen Trend gezeigt“, heißt es beim Landesgesundheitsamt. Seither stagniere die Zahl jedoch. Im vergangenen Jahr hat das Amt landesweit 478 Fälle gezählt. 25 der Erkrankten starben, sechs davon direkt an der Tuberkulose, 19 an anderen Ursachen. Auffällig hoch ist der Anteil der Männer, die fast zwei Drittel der Fälle ausmachten. 162 der Krankheitsfälle waren offen, also hochinfektiös. In diesem Jahr wird mit ähnlich hohen Erkrankungszahlen ­gerechnet.

Die Lage in Deutschland ist allerdings harmlos im Vergleich zu der in anderen Ländern. Weltweit erkranken an der früher auch hierzulande weit verbreiteten Tuberkulose jedes Jahr rund neun Millionen Menschen. Jeder sechste davon stirbt. In Deutschland dagegen wird die Erkrankung häufig früh erkannt und behandelt. Ausrotten lässt sie sich dennoch nicht – wie die Fallzahlen aus Stuttgart und dem Land zeigen.

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