Taylor Swifts Überraschungsalbum ist genau das: eine ziemliche – und schöne – Überraschung. Foto: Republic Records/Universal

Indie Folk statt Stadion-Pop: Taylor Swift hat über Nacht ihr neues Album „Folklore“ veröffentlicht. Und darauf eine Kehrtwende um 180 Grad vollzogen. Mal wieder.

Stuttgart - Vom Aufgehen in der Natur, vom tieferen Verständnis des Lebens durch die Beschränkung auf eine spartanische Lebensweise in einer Hütte in den Wäldern: davon erzählte der amerikanische Autor Henry David Thoreau 1854 in seinem Meisterwerk „Walden“. Der Blick nach innen, das tiefe Sehnen nach dem Gleichklang mit dem Atem der Welt, das Enträtseln des Lebens – eine ganz eigene Art spiritueller Folklore.

150 Jahre später ist Taylor Swift in die Hütte dieses kauzigen Aussteigers gezogen – bildlich gesprochen. Sie hat WLAN, Instrumente und Kumpels mitgebracht und umgeben von Bäumen, Bächen und Vögeln ein großartiges neues Album geschrieben. Betroffen wie alle anderen Bühnenkünstler von abgesagten Tourneen und einem geplatzten Festivalsommer hat auch der Popstar mit der vielleicht größten Außenwirkung der Welt das Rampenlicht mal wieder eine Weile verlassen. Und sich auf eine Reise zu sich selbst begeben, an deren Ende vollkommen überraschend Swifts achtes Album steht.

Noch eine Kehrtwende

„Folklore“ heißt es – und sagt schon mit Titel, Duktus und Visualisierung, dass wir es mit etwas ganz anderem als ihrem vorigen Album zu tun haben, dem überbordenden Süßigkeitenladen namens „Lover“. Folklore meint in diesem Fall aber nicht pseudoarchaische Musik (man denke da nur an Justin Timberlakes erzwungen maskulines „Man of the Woods“), sondern die Weitergabe von Traditionen, Gedanken und Geschichten. Es ist ihr Indie-Folk-Album, mal retrospektiv, mal aktuell. Aber immer biografisch.

Eine solche Kehrtwende ist nichts Neues bei Taylor Swift. Wer als Teenager mit unschuldigem Country beginnt, mit 16 ein Star in Nashville wird, ab Anfang 20 die Regeln des Pop-Business nicht nur befolgt, sondern mehr und mehr diktiert und jetzt, mit 30, der größte Pop-Star der Welt ist, hat schon das eine oder andere ausprobiert. Nur in allerkürzester Kurzfassung: Über 170 Millionen verkaufte Platten und, wichtiger fast, knapp 140 Millionen Instagram-Follower. Unzählige Preise, die erfolgreichsten Tourneen der Welt – „Folklore“ ist da lediglich eine weitere Farbschattierung des ewig changierenden Chamäleons Taylor Swift.

Freischwimmen von Erwartungen

Wenn auch eine recht sachte. Es ist ihr tiefstes, andächtigstes, vielleicht auch verletzlichstes Album. Dezente Beats, viel Piano, verwaschene Gitarren, Streicher, in Sachen Aura und Stimme deutlich näher bei Lana del Rey als bei Katy Perry. Stets verstand Swift es, das Narrativ ihres eigenen Lebens in ihre Songs zu bringen und eine Brücke zu Abermillionen Fans herzustellen, den Swifties. Besser als auf diesem Album ist ihr das aber noch nie gelungen. Ihr, die stets so ungewöhnlich offen war. Die in der sehr sehenswerten Netflix-Dokumentation „Taylor Swift: Miss Americana“ ungefiltert von ihren Fehden spricht, von ihrem Schlankheitswahn. Von den MTV Video Music Awards 2009, als ein aufgeblasener Kanye West zu ihr auf die Bühne stürmte, weil er ihr den Preis nicht gönnte. Einem nicht mal 20 Jahre alten Mädchen.

All das hat Spuren bei ihr hinterlassen. Es gab den Hashtag #TaylorSwiftIsOverParty, ein gewaltiger Shitstorm, der sich gegen sie richtete und an dem sie fast zerbrach. Fast, denn stets kam sie stärker, entschlossener, kühner zurück. Furchtloser. Erst 2017 mit ihrer maliziösen Abrechnung „Reputation“, jetzt mit „Folklore“, einem weiteren Freischwimmen von jeder Erwartung. Eine Welt, getaucht in schwarz-weiße Fotos aus Wäldern, in Kerzenschein und monochrome Nostalgie. Ein ungewohnt harter Bruch nach dem Bubblegum-Kaleidoskop „Lover“, das erst vor einem knappen Jahr erschien. Aber man muss derzeit eben keine Musik für große Stadion-Shows schreiben oder monatelang die PR-Trommel rühren. Man erschafft einfach etwas und gibt es der Welt.

Die Frau, die Regeln bricht

Das ist nur auf den ersten Blick untypisch für einen Star von ihrem Format. Lange Jahre ließ sich Taylor Swift in eine Rolle pressen, gab alles, um die zu sein, die die Welt erwartete. Damit hat sie Schluss gemacht. Sie lässt sich längst nicht mehr reinreden. Das manifestierte sich in besonderer Emphase, als sie sich entschlossen gegen all ihre Berater (und ihren Vater) stellte und 2018 gegen die republikanische Politikerin Marsha Blackburn mobil machte. Es waren wieder die alten weißen Männer, die davon überzeugt waren, es besser zu wissen. Doch an Taylor Swift haben sie sich die Zähne ausgebissen.

Das ist gleich doppelt bedeutsam: Weil sie eine Frau ist, die sich von der Musikindustrie nicht rumschubsen lässt. Und weil es im Evangelium des Country, immerhin ihrem Mutterschoß, eherne und oberste Regel ist, dass man sich nicht politisch positioniert, höchstens patriotisch fahnenschwenkend in die Kamera lächelt. Für Swift müssen Regeln, die sie nicht bricht, erst noch erfunden werden.

Ein ungeschminktes Bild

Diese Narrenfreiheit haben wenige. Das weiß sie für sich zu nutzen. Elf der 16 Songs von „Folklore“ hat Swift während des Lockdowns mit Aaron Dessner von den Schwermut-Schwelgern The National geschrieben und produziert – auf ihren eigenen Wunsch und zu seinem großen Erstaunen. Die berührende Ballade „Exile“ hat sie mit ihrem persönlichen Helden Justin Vernon alias Bon Iver eingesungen, wieder andere mit ihren Seelenverwandten Jack Antonoff realisiert. Ein mysteriöser William Bowery geistert auch auf dem Album herum. Wer er ist, weiß niemand so genau. Entschlossen wie sie ist, stets die Kontrolle über ihren kreativen Output zu behalten, hat sie für den Clip zu „Cardigan“ auf dem Regiestuhl Platz genommen und sich selbst geschminkt. Social Distancing in der Popwelt.

„Folklore“ funktioniert auch deshalb so gut, weil dies kein künstlicher Lagerfeuerkitsch ist. Swift entstammt dem Country, kann mit einer Gitarre ebenso umgehen wie mit einem Klavier. Dennoch ist das hier keine Rückkehr zu ihren Nashville-Tagen. Sondern ein ungeschminkter Blick in die ureigene Folklore einer Ausnahmekünstlerin. Ohne Pyro, ohne Tänzer, ohne Spektakel. Dafür mit Seele.

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