Kinder in einer Stuttgarter Kita. Tausende andere warten dagegen noch auf einen Platz – viele Eltern sind die Suche und deren Umstände leid. Foto: dpa

Bei mancher Stuttgarter Kita stehen 500 Namen auf der Warteliste. Die Stadt sieht „existenzielle Probleme“ für viele Familien. Die Lage führt zu fragwürdigen Entwicklungen.

Stuttgart - Die junge Mutter ist verblüfft. Und verärgert zugleich. Seit zwei Jahren ist ihr Kind in einer kirchlichen Krippe in Degerloch angemeldet. Gehört hat sie in dieser Zeit von der Einrichtung nichts. Als sie zum Telefonhörer greift und nachfragt, bekommt sie eine erstaunliche Antwort. Man vergebe die wenigen Plätze im Losverfahren. Auf grundlegende Auswahlkriterien wie Alleinerziehende, Berufstätigkeit beider Eltern, Wohnort oder Wartezeit könne man nicht achten: „Dafür haben wir gar keine Zeit.“

Ähnliches hören Eltern häufig. Die einen stehen weit hinten auf der Warteliste, kommen aber plötzlich doch zum Zug, weil sie von allen Kandidaten zufällig die einzigen waren, die telefonisch in diesem Moment zu erreichen gewesen sind. Andere bleiben monatelang im Ungewissen, bekommen keine Auskunft darüber, ob sie eine Chance haben oder nach welchen Gesichtspunkten die Einrichtungen die Kinder auswählen. Manche private Kitas verlangen mittlerweile eine Gebühr von mehreren Hundert Euro, damit Kinder überhaupt auf die Warteliste kommen. Ob private oder städtische Kitas: Undurchsichtigkeit und fehlende Plätze verunsichern viele Eltern. „Man hat das Gefühl, dass Beliebigkeit und Zufall entscheiden“, sagt ein frustrierter Vater.

Die Ausgangslage

In Stuttgart gibt es derzeit 25 679 Plätze für Kinder im Vorschulalter, also vom Neugeborenen bis zum Sechsjährigen. 8500 davon bietet die Stadt selbst an, der Rest kommt von privaten Trägern. Die Kindergärten für die Drei- bis Sechsjährigen sind dabei das kleinere Problem. Dort gibt es rein rechnerisch einen Versorgungsgrad von 105 Prozent. Eingeschränkt wird diese theoretische Überversorgung dadurch, dass wegen Personalmangels viele Plätze gar nicht besetzt werden können, die Kindergärten ungleich über die Stadt verteilt sind und der Anteil der Ganztagesplätze weiter steigen muss. Eine große Versorgungslücke besteht dagegen bei den Kleinsten. 7835 Plätze gibt es für bis zu Dreijährige. Die Zahl ist zuletzt gestiegen, die der Kinder aber auch. Die Stadt geht davon aus, dass dauerhaft eine Versorgungsquote von 60 Prozent notwendig ist. Derzeit liegt sie bei 43,2 Prozent, umgerechnet fehlen damit 2500 Plätze. Im Sommer standen allerdings 5600 Kleinkinder allein auf der Warteliste der städtischen Kitas.

Der Personalmangel

Verschärft wird die Situation durch die schwierige Personalsuche und die begrenzte Auswahl an Räumlichkeiten für neue Kitas. „Das behindert den weiteren Ausbau“, sagt Andrea Philipp-Soppa vom Jugendamt. Bei den Kleinkindern können über die Träger hinweg gut 500 Plätze allein wegen Personalmangels gar nicht besetzt werden.

Das Online-Portal KiTS

Für weitere Verwirrung sorgt bei manchen Eltern das städtische Online-Portal KiTS. Dort können sich Interessierte über die Angebote informieren und einen Aufnahmewunsch für bis zu zehn Einrichtungen hinterlegen. Manche Kitas geben sogar die Auskunft, das sei Pflicht. Das stimmt jedoch nicht. Das System leitet lediglich die Daten der Interessenten an die ausgewählten Einrichtungen weiter. Von manchen kommt dann per E-Mail eine Bestätigung, von anderen nicht. „Eltern sollen weiterhin die Möglichkeit haben, ihr Kind persönlich in einer Kita anzumelden. Die Einrichtungen führen ihre Vormerkungen dann in einer Liste zusammen“, heißt es beim Jugendamt. Eine Platzvergabe über das Portal erfolge nicht.

Die Eltern

All die Verunsicherung hat Folgen. Den seit einigen Jahren bestehenden Rechtsanspruch auf einen Platz für die Kleinsten haben im ersten Halbjahr 2017 insgesamt 170 Familien angemeldet. Rund 45 Gerichtsverfahren sind derzeit beim Verwaltungsgericht anhängig, in denen Eltern die Stadt verklagt haben. Etwa 350 Beschwerden gibt es jedes Jahr beim Jugendamt wegen fehlender Betreuungsplätze oder unklarer Platzvergaben. In einer aktuellen Vorlage für den Gemeinderat ist die Rede von einer „existenziellen Problemlage“ für viele Familien, von „verschärfter Konkurrenz“ und „hohem Unzufriedenheits- und Konfliktpotenzial“. Auch viele Einrichtungen seien mit der Bürokratie völlig überfordert. Auf der Warteliste einiger Kitas stünden bis zu 500 Namen.

Die Platzvergabe

Das Jugendamt betont, angesichts der Lage sei es besonders wichtig, Plätze transparent und nachvollziehbar zu vergeben. Für städtische Einrichtungen gilt ein Punktesystem. Darin spielt eine Rolle, ob die Interessenten allein leben, berufstätig sind, schon Kinder in derselben Kita haben und im direkten Umfeld wohnen. „Andere Träger haben ähnliche Kriterien“, heißt es beim Jugendamt. Auf die Einhaltung werde geachtet. Die Stadt fördere freie Träger zudem nur dann, wenn diese strenge Kriterien bei den Gebühren einhielten. Doch all dies scheint in der Praxis nicht immer zu funktionieren.

Die Pläne der Stadt

Das Jugendamt will die Situation zumindest in den städtischen Kitas verbessern. Am 29. November soll der Verwaltungsausschuss des Gemeinderats 3,5 zusätzlichen Stellen für ein zentrales Kitaplatzmanagement zustimmen. Bereits seit Jahresbeginn versucht man im Jugendamt provisorisch, Eltern zentral zu beraten und die eigenen Plätze aus einer Hand zu vergeben. Das soll zur Dauereinrichtung werden, um die Interessen der Kitas und der Eltern unter einen Hut zu bringen und die Vergabe besser zu steuern. Zudem soll das online-Portal KiTS verbessert werden. Eine zentrale Vergabe aller Kitaplätze aller Träger in der Stadt wird aber auch in Zukunft nicht möglich sein. „Dafür ist die Trägerlandschaft viel zu bunt“, sagt Andrea Philipp-Soppa.

Der Tipp

Was also ist für Eltern, die einen Kitaplatz suchen, das sinnvollste Vorgehen? „Sie sollten sich die Einrichtungen persönlich anschauen und ihr Interesse hinterlegen“, sagt die Expertin. Danach sei es sinnvoll, sich über das Portal KiTS (www.stuttgart.de/kits) bei den ausgewählten Kitas anzumelden, damit man direkt auf deren elektronischen Wartelisten lande. Anschließend heißt es: Abwarten. Und auf das Glück hoffen.

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