Kunst und Kultur wohin das Auge blickt. Bei der Stuttgartnacht kommen alle auf ihre Kosten. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Die Stuttgartnacht war wieder ein Besuchermagnet. Mehr als 10 000 Kulturhungrige zogen durch die Nacht und genossen die kulturelle Vielfalt von Stuttgart.

Stuttgart - Mehr als 10 000 Kultur- und Stuttgartinteressierte haben sich am Samstag in mehr als 70 Einrichtungen in der Landeshauptstadt von deren kultureller Vielfalt ein Bild gemacht. Und diese Impression dürfte den Besuchern der Stuttgartnacht auch gut in Erinnerung bleiben, denn an diesem Abend waren nur die Temperaturen lau – die Begeisterung für das Erlebte indes groß. „Ein echt tolles Angebot – wie in jedem Jahr“, attestierte so Ruth Endrich, bevor sie sich am frühen Sonntagmorgen am Hauptbahnhof auf den Weg in den Untergrund machte, um schließlich nach einer ganzen Reihe von „lohnenswerten Erlebnissen“ mit der S-Bahn gen Heimat zu fahren. Vor allem die von ihr und drei Freundinnen goutierte Bourlesque-Show bei Frau Blum habe ihr sehr gut gefallen. „Das war eines meiner Highlights“, so die junge Frau.

Highlights gab es – je nach Geschmack und Interesse der Besucher – freilich viele. Während die einen von den Angeboten im Kammertheater hin und weg waren, wo die Oper, das Schauspiel und das Stuttgarter Ballett Ausschnitte ihres Schaffens zeigten, ließen sich andere abseits der für gute Kultur bekannten Adressen die Langeweile vertreiben. So herrschte einerseits bei Flatspot & Eddison am Rande des Europaviertels gedrängte Enge, als es dort die Band Astroboy so richtig krachen ließ und die Besucher drängten sich im Milliways bei den dortigen Angeboten wie Poetry Slam auf der Couch oder live dargebotenem Hiphop; andererseits konnte sich auch Heinz Tiedemann, der Vorsitzende des Vereins für Friedhofskultur in Stuttgart, auf dem Heslacher Friedhof nicht über mangelnden Zuspruch beklagen, als dort die „New Orleans Celebrators“ Beerdigungsjazz aus Louisiana vorstellten. Nicht nur in der Aussegnungshalle, wo bis kurz nach Mitternacht jazzige Klänge zu hören waren, ließen sich die Zuhörer aber in den Bann ziehen. Zum Auftakt waren die sechs Musiker in bester New-Orleans-Manier auch musizierend vom Bihlplatz zum Friedhof gezogen – „das hat gleich eine ganze Menge Leute auf unsere Veranstaltung aufmerksam gemacht“, so Tiedemann.

Allerseelen in Mexiko

Auf große und gute Resonanz stieß auch die Vorstellung der mexikanischen Tradition „Diá de los Muertos“ – die Festlichkeiten zu Allerseelen – mit der sich Maike Sander intensiv auseinandergesetzt hat. Seither stellte Sander diese mexikanische Tradition immer wieder vor – „und die Menschen sind sehr interessiert“, sagt sie. Schließlich findet man nicht häufig einen Altar in bunten Farben, auf dem sich auch skurrile Symbole für den Tod finden, wie Totenschädel aus Zucker. „In Mexiko heißt es: der Tod ist süß“, erklärt Sander, die sich dafür einsetzt, den Tod auch in hierzulande mehr in den Fokus des Lebens zu rücken.

Der Tod und das Leben spielte auch bei der von Oliver Köhler präsentierten Szenografie „für jeweils zwei Zuschauer“ eine zentrale Rolle. In den Wagenhalle inszenierte Köhler „Das scheintote Kind“ von Frederike Kemptner als Vier-Minuten-Aufführung. Kurz vor Mitternacht hatte er das Spiel bereits mehr als 40 Mal gezeigt und die Zuschauer begeistert, die mitunter längere Zeit warten mussten, bis sie das eindrucksvolle opische und akustische Spiel erleben durften. Diese Wartezeit nahmen die Besucher jedoch zumeist gerne in Kauf, da diejenigen, die die Szenografie bereits gesehen hatten, bescheinigten: „Echt klasse – sehenswert!“

Erlebnisreich: Besuch bei den Wagenhallen

Der Besuch des Wagenhallen-Areals gestaltete sich insgesamt als sehr erlebnisreich. Dabei kamen nicht nur die Erwachsenen auf ihre Kosten. Vor allem zu Beginn des Abends tummelten sich viele Kinder rund um die von Lisa Biedlingmaier kuratierten Präsentation „Dual/Dübel/Duell/Duett“ von Martina Wegener und Frédéric Ehlers. Denn die Arbeiten des gemischten Künstlerdoppels waren nicht nur optisch zu genießen. Stattdessen konnte man an Strippen ziehen, um den Blick auf Bilder und Filme freizulegen, oder aber mit Tennisbällen auf nummerierte Holztafeln werfen. Für jeden Treffer gab es dann eine andere Überraschung. Ein Spaß, den sich die Kinder und Kind gebliebene nicht nehmen ließen, so auch ein Mittzwanziger, der frohlockte: „Geil man, das ist ja wie auf dem Wasen.“ Ursprünglich war mit der Stuttgartnacht auch das Ende der Kunstpräsentation von Martina Wegener und Frédéric Ehlers vorgesehen. Die Schau wurde aber um eine Woche verlängert.

Bürgermeister bringen Leute zum Tanzen

Die Begeisterung für das Erlebte war auch in den sonst weniger für das Kulturleben gebauten Gebäuden wie Rathaus und Landtag nicht weniger gering als bei und in den Gebäuden bei den Wagenhallen. Im Plenum des Landtags sorgten bei der Stuttgart-Nacht insbesondere Poetry Slammer dafür, dass, anders als bei den meisten eher trockenen politischen Debatten, viel gelacht wurde. Im Rathaus indes brachten die Bürgermeister Werner Wölfle (Grüne) und Peter Pätzold (Grüne) unter dem Motto „My Major Is A DJ“ viele Besucher der Stuttgartnacht zur späten Stunde im vierten Stock mit allerlei Songs zum Tanzen. Auch der Neubürgermeister Fabian Mayer (CDU) durfte an seinem ersten Arbeitstag als special guest gleich an die Turntables – „obwohl er hier im Rathaus ja eigentlich noch nichts gearbeitet hat“, so Werner Wölfle augenzwinkernd.

Unweit des Rathauses war auch im Tagblattturm beste Unterhaltung angesagt. Dort trugen die StZ-Redakteure Martin Gerstner, Werner Ludwig, Markus Klohr und Christoph Link Glossen vor, die in der Stuttgarter Zeitung erschienen sind. Die vier „Glossisten“ servierten ihre Werke mit viel Humor und lachreizenden Erläuterungen, wie man täglich Themen und Pointen für gute Glossen findet. Das Publikum war begeistert, lachte und applaudierte viel.

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