Handeln wir selbst in Beziehungen in der Erwartung, einen Nutzen daraus zu haben? Foto: Unsplash/Everton Vila

Liebe, Job, Alltag: Oft handeln wir nicht in selbstlosem Geben und Nehmen, sondern nach Tauschlogik, sagt Therapeut Mark Galliker. Er erklärt, warum das krank machen kann.

Wir vergeben Likes auf Instagram und Co, was auch dem eigenen Auftritt mehr Aufmerksamkeit verschafft. Wir pflegen berufliche Netzwerke über die Plattform Linkedin, von denen wir uns irgendwann einen Nutzen erhoffen. Und nicht nur Charakter und Aussehen entscheiden darüber, wo die Liebe hinfällt, sondern auch die Wohlstandsverhältnisse: Schon der US-amerikanische Ökonom und Wirtschaftsnobelpreisträger Gary Becker argumentierte, dass Partnerschaften nach Angebot und Nachfrage entstehen. Ehen würden etwa dann eingegangen, so Gary Becker, wenn der Nutzen daraus höher ist, als Single zu bleiben.

 

Liebe, Job, Kinder: Überall wird gegenverrechnet

Der Schweizer Psychotherapeut Mark Galliker sieht das ähnlich. Er sagt, der Warentausch sei nicht nur ein wirtschaftliches Prinzip. Es habe sich längst zu einer Denkform entwickelt, die wir verinnerlicht hätten und unser Handeln präge. Diese Denkform beeinflusse, wie wir kommunizieren, wie wir mit Kindern umgehen, wie wir therapieren und wie wir lieben. In jeder Beziehung werde permanent „gegenverrechnet“, auch wenn das oft unbewusst passiere, sagt Galliker im Gespräch mit unserer Zeitung. Er nennt das „Tauschbeziehung“. In seinem Buch „Vom Warentausch zur Tauschbeziehung“ hat Galliker unter anderem untersucht, wie sich diese Art der Beziehung unsere psychische Gesundheit beeinflusst.

Nicht nur professionelle Verkäufer, sondern immer mehr auch andere Menschen würden sich in der Marktgesellschaft gezwungen sehen, „etwas zu verkaufen“. Fähigkeiten wie Intelligenz, Eloquenz oder Empathie etwa. Hierfür geben sie sich zum Beispiel „freundlich, charmant, locker, gelöst“, meistens auch dann, wenn dies ihrem aktuellen Befinden nicht entspreche und ihre wirklichen Gefühle unterdrückt würden, sagt Galliker. Sie könnten sich also nicht mehr kongruent verhalten, wie das in der Psychologie heißt. Laut Galliker ist das nach dem Ansatz der Personenzentrierten Gesprächspsychotherapie die wichtigste Ursache psychischer Störungen.

Wie die psychische Gesundheit noch leiden kann

  • Depressionen stünden auf ähnliche Weise in Zusammenhang mit solchen Beziehungen, die vom Tauschprinzip geprägt und gleichzeitig ungleich seien. Etwa würden Depressionen bei Erwachsenen oft damit zusammenhängen, wenn sie als Kinder zu früh zu viel Verantwortung hätten übernehmen müssen. Aber auch das Gegenteil sei problematisch. Wenn Kinder verwöhnt würden, sei das ein vordergründig einseitiger Austausch, vielleicht „mit dem Hintergedanken, dass man das Kind an sich binden will“, was ebenfalls zu einer Depression führen könne, weil der Betreffende nie lernen musste, auch für andere etwas zu tun.
  • Auch Einsamkeit sei durch diese Tauschbeziehungen begünstigt, sagt Galliker. „Die Leute sind heute vor allem Individuen und müssen erst einmal Kontakt zu anderen aufnehmen können, indem sie ihnen etwas bieten“, sagt Galliker. Manchen gelinge das eben weniger. Sie würden eher in ungleichen und damit problematischen Beziehungen landen und sich schließlich zurückziehen. „Früher war man von Beginn an schon eingebunden, etwa in Großfamilien“, sagt Galliker.

Wie führen wir gesündere Beziehungen?

Wie lassen sich Beziehungen gesünder gestalten? Galliker setzt auf das Prinzip der Reziprozität. „Bei der Reziprozitätsbeziehung ist das Ideal, dass man den anderen ergänzt. Es ist zwar auch ein Austausch, bei dem aber jeder den anderen weiterbringt“, sagt Galliker. Bei der Tauschbeziehung erhalte dagegen derjenige, der schon viel hat, noch mehr, und jener, der wenig hat, würde immer mehr verlieren, sagt Galliker.

In guten Beziehungen komme die Reziprozität, das gegenseitige Ergänzen durchaus vor, sagt Galliker, in unserer Gesellschaft insgesamt aber nur punktuell. Zudem seien solidarische Beziehungen gut. In manchen gesellschaftlichen Gruppierungen, die sich zum Beispiel für den Umweltschutz zusammenschließen, finde man das, so der Therapeut. „Aber auch nur vorübergehend. So wie unsere Gesamtgesellschaft geprägt ist, kann man dem Tauschprinzip nicht entkommen“, sagt Galliker.

Der Autor

Werdegang
Mark Galliker, 78, ist Schweizer Psychotherapeut und Autor zahlreicher Fachbücher, in denen er sich oft kritisch mit der Psychologie und Psychotherapie auseinandersetzt.

Lehre
Galliker lehrte zudem an den Universitäten Bern, Zürich und Heidelberg. Er lebt heute mit seiner Frau in Mannheim und nahe Zürich.