Da die Taubenschläge in der Stadt nicht ausreichen und meist überfüllt sind, sind nun Ehrenamtliche unterwegs auf der Suche nach alternativen Nistorten. Auch Bauwagen sollen helfen, die Taubenpopulation zu reduzieren.
Das Leonhardsviertel ist immer für eine Überraschung gut. In dem Quartier gibt es nämlich auch Bewohner, die schon seit Jahrzehnten dort leben, trotz ihrer Genügsamkeit aber häufig als lästig empfunden werden: die Stadttauben. Zwei Schläge gibt es mittlerweile im Dach der Leonhardskirche, andere sind dafür weggefallen. Die Folge: die Schläge in der Kirche sind völlig überbelegt, deshalb weichen die Tire aus und nisten in der näheren Umgebung. Die Situation wird sich vermutlich noch verschärfen, wenn das Breuninger-Parkhaus abgerissen wird.
„Daran will ich lieber gar nicht denken“, sagt Silvie Brucklacher-Gunzenhäußer, die als Vorstandsmitglied des Stuttgarter Tierschutzvereins 2008 das Projekt Stadttauben Stuttgart ins Leben gerufen hat. Mehr als 30 Ehrenamtliche sind unterwegs, um die Taubenschläge in der Stadt zu reinigen, die Eier auszutauschen und artgerechtes Futter bereitzustellen.
Für Tauben gibt es Rückzugsgebiete
So soll die Taubenpopulation kontrolliert und verringert werden. Dazu gehört jetzt eben auch, die alternativen Nistplätze zu finden. Eines zeigt sich beim Gang durch die Altstadt schnell: Bei vielen alten Häusern, etwa in der Katharinenstraße, ist zwischen den Außenwänden etwas Platz gelassen worden. Zu schmal für einen Durchgang, deshalb sind die Lücken meist mit verlotterten Eisen- oder Holztüren mehr schlecht als recht zugesperrt. Für Tauben sind das Rückzugsgebiete. Dort entsteht dann eine teils knietiefe Melange aus Menschenmüll und Taubenkot.
Genau das sind die Orte, die Clara Zurowski und Sabine Kieferle an diesem Nachmittag begutachten. Mit einer Teleskopleiter machen sie sich auf den Weg. Denn oft sind die Türen verklemmt, man muss sie übersteigen – dann bietet sich den Helferinnen meist ein wenig erbaulicher Anblick. Ihre Aufgabe besteht darin, darauf zu achten, wie viele Tauben es dort gibt und ob sie Eier gelegt haben, die gegen Attrappen ausgetauscht werden. Oder diese wieder durch echte Eier, aus denen freilich keine Jungen mehr schlüpfen können. Denn die Tauben merken, dass man ihnen Kunsteier untergeschoben hat und suchen dann nach einer anderen Nistmöglichkeit.
Das ist eine Arbeit, bei der man nicht zimperlich sein darf. An diesem Nachmittag interessiert sich so gut wie niemand für die beiden jungen Frauen, die mit einem Greifarm für Müll und einer Teleskopleiter unterwegs sind.
Warten auf die Abrissbirne
Das Kontrastprogramm folgt gleich im Breuninger-Parkhaus. Dort gibt es zwei Lagerräume, in denen palettenweise Säcke voller Winterstreusalz rumliegen, Discounter-Einkaufswagen mit viel Unrat drin und Gerätschaften zum Schnee räumen – alles völlig verdreckt. Sind die Tore geöffnet, fliegen einem erst mal gut 20 Tauben entgegen, die dort nisten und entsprechend viele Eier gelegt haben. Da gibt es viel zu tun für die beiden Frauen. Und am Ende des Rundgangs finden die beiden noch ein Küken hinter einer Werbetafel. Kein Grund zur Freude für Zurowski und Kieferle.
Tauben in den U-Bahnhöfen
Zurowski arbeitet hauptberuflich beim Tierschutzverein, Kieferle ist als Minijobberin unterwegs und hofft auf eine Teilzeitstelle. Zuvor hat sie bei einem Wellness-Grossisten gearbeitet: „Ich möchte endlich mal etwas Sinnvolles machen“, begründet sie ihren Wechsel. Und zu tun gibt es genug beim Taubenschutz. Nicht weit entfernt vom Parkhaus gibt es seit etwa einem halben Jahr eine Taubenwand im U-Bahnhof-Charlottenplatz. Ein schwieriger Standort abseits vom Publikumsverkehr. Das Problem: „Dort haben sich auch nie Tauben aufgehalten in der Vergangenheit. Deshalb wird diese Wand nur sehr zögerlich von ihnen angenommen“, sagt Brucklacher-Gunzenhäußer: „Aber der dafür zuständige ehrenamtlich Tätige meint, dass das allmählich was wird. Jetzt würden schon an die 15 Tauben regelmäßig da sein.“ Auch in anderen U-Bahnhöfen sind viele Tauben unterwegs, am Arnulf-Klett-Platz zerstören sie unter anderem die Deckenverkleidung.
Bauwagen ausbauen
Ein anderes Experimentierfeld sind Bauwagen: „Wir haben inzwischen einen professionellen Schreiner, der die ehemaligen Arbeiterunterkünfte gut ausbaut für Taubenbedürfnisse“, berichtet Brucklacher-Gunzenhäuser. Der Vorteil: so ein Taubenschlag ist mobil und kann ohne aufwendige Genehmigungsverfahren dort abgestellt werden, wo sich Taubenscharen aufhalten. Diese Modell gibt es bereits auf dem Gelände des Tierheims in Botnang, in den Stadtteilen Giebel und Zuffenhausen, und bald auch in Mühlhausen. „Der Zeitpunkt ist noch nicht genau fixiert, aber er wird nahe der Firma Fressnapf stehen“, sagt Brucklacher-Gunzenhäußer.