Laura Leveque hat sich – wie viele andere Überlebende – ein Tattoo in Erinnerung an den Anschlag stechen lassen. Foto: AFP

Überlebende der Pariser Terror-Anschläge haben sich Tattoos stechen lassen, um ihre Erfahrungen zu verarbeiten. Die Bilder haben unterschiedliche Bedeutungen für die Überlebenden.

Paris - Seit sie vor zwei Jahren in dem Pariser Musikclub Bataclan lebendig unter Toten lag, hat Laura Levêque das Gefühl, auf ihren Schultern „130 Leichen zu tragen“. Die Überlebende der Anschläge vom 13. November 2015 hat sich Tattoos stechen lassen, um ihren „Körper wiederzubekommen und den Horror in etwas Schönes zu verwandeln“, wie die 32-Jährige sagt. Ihre linke Schulter zeigt unter anderem einen schwarzen Raben und eine Schlange, die sich in den Schwanz beißt – als Symbol für den „Kreislauf des Lebens“.

Tattoos als Gedenken, das unter die Haut geht: Das gab es auch nach den Anschlägen im britischen Manchester im Mai. Dort ließen sich viele Menschen eine Biene stechen – das fleißige Insekt ist seit der industriellen Revolution Symbol der Stadt. Das Pariser Gegenstück zur Biene ist das Stadtmotto „Fluctuat nec mergitur“ – „Sie schwankt, aber geht nicht unter“, heißt es übersetzt aus dem Lateinischen. Auf dem Stadtwappen steht es unter dem Bild einer Barke, die unbeirrt durch die Wellen zieht. Unter diesem Motto gingen nach den Pariser Anschlägen vor zwei Jahren zehntausende Menschen auf die Straße.

Dem Tod ins Auge geblickt

Manon Hautecoeur hat sich den Wahlspruch auf den Innenarm tätowieren lassen. „Wenn man nur psychisch verletzt ist, kommt es einem so vor als sei man kein Opfer, denn man trägt ja keine Spuren am Leib.“ Das Tattoo sei ihre „Narbe“, fügt die junge Frau hinzu, die sich am Abend der Anschläge in der Nähe eines Restaurants aufhielt, auf das die Terroristen der IS-Miliz das Feuer eröffneten.

Andere Überlebende der Pariser Anschläge haben sich die orientalische Fassade des Musikclubs Bataclan auf ihre Arme oder Schultern tätowieren lassen, das Datum des 13. November 2015 oder Zitate der US-Band Eagles of Death Metal, die an jenem Abend im Bataclan auftrat. „Das Tattoo ist eine Möglichkeit, sich eine neue Haut zu geben, es steht für eine Wandlung“, sagt der Soziologe David le Breton von der Universität Straßburg. Den Überlebenden der Anschläge ermögliche es, „sich die Tragödie neu anzueignen und zugleich den Toten treu zu bleiben“. Denn die Lebenden hätten alle die gleiche Erfahrung gemacht: „Dem Tod ins Auge geblickt zu haben und doch unbeschadet geblieben zu sein.“

Tattoos als Zeichen der Trauer

Für viele Überlebende ist Freitag, der 13. November 2015 so etwas wie ein zweites Geburtsdatum. Stéphanie Zarev hat sich deshalb den mythischen Vogel Phönix stechen lassen, der aus der Asche aufersteht. Er bedeckt ihren gesamten linken Oberarm, wo sie ein Streifschuss getroffen hat. Für die 44-Jährige drückt das Tattoo aus, „dass es trotz des Horrors jenes Abends noch viele lebenswerte Dinge gibt“.

Viele der Überlebenden haben bei den Anschlägen aber auch Freunde oder nahe Angehörige verloren. Für sie sind die Tattoos ein Zeichen der Trauer und der Verbindung zu den Toten. Fanny Proville hat im Bataclan ihren Freund Olivier verloren. Auf ihrem Rücken steht der eintätowierte Satz: „Sometimes you need to let things go“ (zu Deutsch: Manchmal muss man etwas loslassen). Fanny Proville sagt: „So weiß ich, dass Olivier da ist, selbst wenn er nicht mehr lebt.“

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