Im Freibad, am Badesee oder am Strand – leicht bekleidete Körper gewähren umfassendere Einblicke auf den Körperschmuck der Mitmenschen. Foto: Archiv

Sommer, Sonne, nackte Haut . Wie der Philosoph Immanuel Kant Tattoos und chirurgische Eingriffe deuten würde, ordnet unser Kolumnist Jörg Scheller ein.

Nun ist er also doch noch gekommen – der Sommer. Dank allgegenwärtiger nackter Haut besteht wieder Gelegenheit, die Tätowierungen der Mitmenschen zu bestaunen. Wobei, „nackt“ ist diese Haut eigentlich nicht. Körperteile zu enthüllen, die nicht verziert, kultiviert, optimiert sind, erfüllt moderne westliche Menschen mit Unbehagen. In diesem Sinne deutete der Philosoph Günther Anders in den 1950er Jahren lackierte Nägel als Ausdruck von Scham. Körpermodifikationen, in Form kosmetischer oder chirurgischer Eingriffe, verstand er als schamlindernde Maßnahmen. Ähnlich dürfte es sich mit Tätowierungen verhalten. Weil 2024 aber nicht Günther-Anders-, sondern Immanuel-Kant-Jahr ist, soll hier die Tattoo-Theorie Kants gewürdigt werden. Der preußische Philosoph beschäftigte sich nicht nur mit den Grenzen der Vernunft, sondern auch mit der Ästhetik des Körpers. Zugegeben: In seiner 1790 erschienenen Kritik der Urteilskraft findet sich nicht wirklich eine „Tattoo-Theorie“, sondern nur eine kurze Bemerkung zu Tätowierungen. Die aber ist aus heutiger Sicht erhellend.

 

Wir wollen immer irgendetwas Bestimmtes von Menschen

Für Kant gibt es zweierlei Arten von Schönheit: „freie Schönheit“ und „anhängende Schönheit“. Bei der freien Schönheit ist das Geschmacksurteil „rein“. Kant versteht darunter, dass der jeweilige Gegenstand für uns keinem bestimmten Zweck unterliegt und sich keinem bestimmten Begriff unterordnet. Liegt indes ein Zweck vor und hängt die Schönheit „einem Begriffe“ an, so ist für Kant ein „angewandtes Geschmacksurteil“ die Folge. In diesem Fall hat es das freie Spiel der Einbildungskraft schwer. Vor diesem Hintergrund spricht Kant, nicht frei von kulturchauvinistischen Untertönen, den Gesichtstätowierungen von „Neuseeländern“ die „freie Schönheit“ ab. Dies nicht aufgrund der Bildwerke selbst, sondern aufgrund deren Körperunmittelbarkeit. Salopp gesagt: Wir wollen immer irgendetwas Bestimmtes von Menschen und haben gewisse Vorstellungen von ihrer Vollkommenheit. Wäre die Tätowierung Teil eines eigenständigen Kunstwerks oder einer Tapete, wäre freie Rezeption eher möglich.

Vielleicht spiegelt der Tattoo-Boom ja den Wandel des westlichen Kunstverständnisses. Für die distanzierte, distanzschaffende Freiheit und Offenheit der Kunst schämt man sich heute, wie für die Freiheit als solche, die 2022 gar zur „Floskel des Jahres“ gekürt wurde. Eine zweckdienliche, angewandte, bestimmten Begriffen unterliegende Kunst wiederum ist salonfähig und hüllt nicht nur die nackte Freiheit in ein züchtiges Gewand, sondern auch, etwa in Form von Tätowierungen, die Körper.