Tatortreiniger Stefan Marquart bei der Arbeit. Foto: Stefan Marquart

Teilweise sehr plastisch erzählt Tatortreiniger Stefan Marquart aus Jettingen im Gespräch mit unserer Redaktion von seinen schlimmsten, aber auch witzigsten Tatorten.

Stefan Marquart ist Tatortreiniger – und das 24 Stunden am Tag. 2016 hat er die auf Tatort- und Leichenfundortreinigung spezialisierte Firma RVL-Süd mit Sitz in Jettingen gegründet.

 

Noch auf der Rückfahrt von seinem neuesten Tatort fand er in seinem Auto – in einem schattigen Eckchen eines Supermarkt-Parkplatzes – Gelegenheit, mit der Redaktion des Schwarzwälder Boten zu sprechen.

Herr Marquart, Sie haben mit Sicherheit schon so einiges gesehen in Ihrem Beruf. Gibt es denn einen Tatort, der Ihnen noch immer nachgeht?

Wenn man denkt, das war jetzt das Krasseste, was man gesehen hat, erlebt man drei Monate später wieder etwas völlig anderes. Etwa, wenn ein 15-Jähriger von der Schule nach Hause kommt und seine Familie mit einem Hammer erschlagen vorfindet – vom eigenem Vater. Er hatte Glück, dass er nicht zu Hause war, denn der Vater war auch in seinem Zimmer. Dort sahen wir die Tropfspuren des Hammers. Der andere Sohn der Familie hatte gerade auf seine Abschlussprüfung gelernt, im Englischbuch fand man später die Knochensplitter.

Wie gehen Sie persönlich mit dem um, was Sie zu sehen bekommen?

Vor ein paar Jahren bin ich noch mit einem Tunnelblick da rein, habe nicht nach rechts, nicht nach links geschaut. Ich wollte keinen Bezug zu diesen Personen haben, wollte keine Bilder von ihnen sehen. Mittlerweile gehe ich da aber tatsächlich rein, als ob ich die Aufgabe hätte, einen Ikea-Schrank aufzubauen.

(Anm. der Red.: Gemeint ist, eine gewohnte, alltägliche Tätigkeit, bei der der Fokus auf dem strategischen Vorgehen liegt.)

Und ich rede sehr viel darüber. Ich weiß ja auch, dass ich den Angehörigen hier Arbeit abnehme, dass ich helfe, dass ich unterstütze. Aber es gibt natürlich immer so Situationen wie ein Handy, das die ganze Zeit klingelt, während ich am Reinigen bin und ich dann anfange zu fluchen. Einfach weil ich weiß, am anderen Ende ist jemand, der verzweifelt versucht, die Person zu erreichen, deren Blut ich gerade wegputze. In dem Moment heißt es dann: ab ins Auto, Kopfhörer holen und weitermachen.

Mit das Schlimmste, was sich Menschen an einem Tatort vorstellen, ist ja der Geruch. Wie schlimm ist der tatsächlich?

Bei Tatorten ist der eigentlich nicht schlimm. Dort hat man den typischen Blutgeruch. Das ist ein metallischer Eisen-Geruch. Der Verwesungsgeruch hingegen ist schon eine Hausnummer, ganz klar. Allerdings gibt es da auch Unterschiede, auf Grund des Klimas, der Luftfeuchtigkeit oder aber der Gesundheit. Ich meine fast einen verwesenden Heroinabhängigen am Geruch zu erkennen.

Was ist denn für Sie persönlich das Schlimmste an einem Tatort?

Psychisch sind das tatsächlich Situationen wie das klingelnde Handy – die Umstände, nicht die Masse an Blut oder Körperflüssigkeiten. Etwa, wenn sich jemand umgebracht hat, und man sieht ein Foto der Suizidantin, mit einem Säugling auf dem Arm. Oder wenn wir nach einem Familiendrama Blutspritzer von glücklichen Familienfotos wegputzen. Vor ein paar Wochen waren wir auch bei jemandem, der seine Ex-Freundin erstochen hatte. Dort konnte man den Todeskampf sehen, etwa blutige Haare, die an der Wand klebten. Da braucht man schon eine starke Psyche, um sich hinzuknien und das Ganze einfach wegzuputzen.

Bei all dem, was Sie schon gesehen und gerade auch erzählt haben, hatten Sie da vielleicht dennoch mal einen witzigen oder skurrilen Tatort?

Wir hatten mal einen Messie, der im Rollstuhl saß. Der hat Pornofilme gesammelt und war irgendwann mit seinem Rollstuhl zwischen seinen Pornofilmen eingeklemmt. Ihm war es dann zu peinlich, Hilfe zu rufen – kann man nachvollziehen. Am dritten Tag wurde er entdeckt und ins Krankenhaus gebracht. Der Mann hat überlebt und wir haben den Auftrag bekommen, die Wohnung wieder herzurichten und die Pornofilme zu entsorgen. Das waren knappe 800 Kilo an reinen Pornofilmen! Und dann bin ich mal auf einem Brustimplantat ausgerutscht ...

Wie kam das denn?

Die Verstorbene saß lange auf der Toilette, ehe sie gefunden wurde. Sie war dementsprechend stark verwest, weshalb der Körper nachgegeben hat und das Brustimplantat rausfiel. Als ich mich duckte, um Fotos für meine Dokumentation zu machen, bin ich ins Rutschen gekommen. Erst später wurde mir klar, dass das auf das ich da getreten bin, ein – danach sehr unförmiges – Brustimplantat gewesen ist.

Schön zu hören, dass Sie es trotz allem in diesem Beruf dennoch schaffen, sich Ihren Humor zu bewahren.

Das müssen wir. Klar, für uns ist es Alltag, aber wir sind auch nur Menschen und das ist ein Stück weit Verarbeitung, damit so umzugehen. Genau so, wie man an solchen Orten immer ein Radio dabei hat und dann vielleicht auch mal mitsingt.