Viele greifen bei der Wohnungssuche nach jedem Strohhalm. Foto: Fotolia

Bezahlbare Wohnungen sind in der Region Stuttgart ein knappes Gut. Das haben auch Betrüger mitbekommen. Im Internet bieten sie vermeintliche Schnäppchen an – und wollen die verzweifelt Suchenden nur dazu bringen, vorab Geld zu zahlen.

Bezahlbare Wohnungen sind in der Region Stuttgart ein knappes Gut. Das haben auch Betrüger mitbekommen. Im Internet bieten sie vermeintliche Schnäppchen an – und wollen die verzweifelt Suchenden nur dazu bringen, vorab Geld zu zahlen.

Stuttgart - Das Angebot ist verlockend. Fast zu schön, um wahr zu sein. Doch wen kümmert das schon im ersten Augenblick bei der schier hoffnungslosen Suche nach einer günstigen Bleibe. Eine „Traum-Wohnung mit zwei Zimmern“ im begehrten Stuttgarter Heusteigviertel bietet die Annonce in einem Online-Immobilienportal an. Auf 44 Quadratmetern erwarten den Interessenten eine voll ausgestattete Küche im amerikanischen Stil, eine voll möblierte Lounge mit Fernseher, Stereoanlage und DVD-Player. Auch Waschmaschine und Internetzugang sind vorhanden. Neun Fotos zeigen dazu Szenen wie aus einem Hochglanz-Prospekt. Und das alles für eine Kaltmiete von nur 430 Euro im Monat.

Die Interessentin schreibt den vermeintlichen Vermieter postwendend an. Zu ihrer Überraschung erhält sie eine Antwort auf Englisch. Er lebe in London, teilt der Mann mit, und könne leider nicht zur Wohnungsbesichtigung kommen. Stattdessen wolle er den Schlüssel per Post schicken, damit die junge Dame sich einmal in Ruhe umschauen könne. Damit er dafür eine Sicherheit habe, solle sie ihm vorab eine Kaution in Höhe von 860 Euro auf einem Konto hinterlegen. Falls sie die Wohnung nicht mieten wolle, könne sie das Geld von dort jederzeit zurücktransferieren. Die Interessentin wird stutzig und stellt den Kontakt schließlich ein.

Damit hat sie das einzig Richtige getan. Denn die „Traum-Wohnung“ hätte sich in Luft aufgelöst. „Die Wohnungen existieren nicht oder sind aus anderen Anzeigen herauskopiert“, sagt Jens Lauer von der Stuttgarter Polizei. Dort gehen immer wieder ­Anzeigen wegen solcher Angebote ein. Und so mancher Suchende fällt darauf herein. „Leider überweisen einige sofort das Geld“, weiß Lauer. Die Dunkelziffer sei vermutlich hoch, weil viele danach aus Scham nicht zur Polizei gingen. Dabei geht es oftmals um vierstellige Summen.

Die Masche kennt viele Varianten. Oft werden für den Geldtransfer Dienste wie Western Union eingesetzt. Und nicht immer muss die Wohnung in Deutschland sein. Lauer erinnert sich auch an den umgekehrten Fall: „Im vergangenen Jahr wollte eine Stuttgarter Studentin nach Großbritannien ziehen. Die Wohnung dort, für die sie vorab bezahlt hatte, gab es aber nicht. Die Täter sind äußerst fantasievoll.“

Erwischt werden sie praktisch nie. Die Namen und sonstige Angaben, die sie im Internet benutzen, sind falsch. Manchmal werden sogar Kopien von Personalausweisen verschickt, die unbeteiligten Personen gehören. Kann eine Identität dennoch geklärt werden, nutzt das nichts. „Die Täter sitzen oft in Ländern in Afrika oder in Russland, wo man nicht an sie herankommt“, sagt Lauer, „wir haben leider in den meisten Fällen fast keine Ermittlungsansätze.“

Besonders Großstädte betroffen

Zumindest in Stuttgart scheinen sich die Vorkommnisse zu häufen. Eine weitere Wohnungssuchende berichtet davon, innerhalb weniger Monate gleich an zwei Betrüger geraten zu sein. Auch in diesen Fällen handelte es sich um attraktive Wohnungen in der Innenstadt, die zu günstigen Preisen angeboten wurden. Einer der Männer, die angeblich jüngst nach England verzogen waren, drängte die junge Frau, das Geld möglichst schnell zu schicken, weil es so viele Interessenten gebe. Erst nach einigem Nachdenken ließ sie den Handel platzen.

„Die Wohnungsnot in manchen Regionen trägt sicher zu solchen Betrügereien bei“, sagt Niklaas Haskamp von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Laut den Ermittlungsbehörden sind besonders die begehrten Großstädte München, Stuttgart, Frankfurt, Hamburg und Berlin betroffen. Bei den Verbraucherschützern melden sich regelmäßig Menschen, die auf solche Anzeigen gestoßen sind. „Die verweisen wir an die Polizei, weil es sich um Betrug handelt“, sagt Haskamp. Man könne nur raten, sehr vorsichtig zu sein und niemals im Voraus Geld zu bezahlen.

Die betroffenen Internetportale versuchen, entsprechende Angebote herauszufiltern. „Das ist ein Katz-und-Maus-Spiel“, sagt Sonja May vom Marktführer Immobilienscout24. Man verbessere ständig die technischen Möglichkeiten, aber auch die Kriminellen entwickelten dauernd neue Varianten. „Wir haben einen Filter installiert, der anhand verschiedener Kriterien kritische Inserate erkennt“, so Sonja May. Die hauseigene Qualitätssicherung überprüfe dann die Angebote und entferne sie im Zweifel. Zudem biete man auf der Internetseite www.sichere-immobiliensuche.de Tipps. Kunden könnten fragliche Inserate zudem direkt melden. Pro Woche nehme man bundesweit rund 500 Anzeigen von der Seite. Dies sei angesichts von monatlich 150.000 neuen Inseraten allerdings nicht viel.

Auch May rät Wohnungssuchenden, sehr vorsichtig zu sein. „Vorkasse ist ein deutlicher Hinweis auf verdächtige Angebote“, sagt sie. Auch ein Vermieter im Ausland oder im Krankenstand könne ein Indiz sein. Wer dennoch auf die Masche hereinfalle, der solle unbedingt Anzeige bei der Polizei erstatten. Selbst verfolge man die Täter nicht: „Wir stellen nur die Schnittstelle zwischen Anbietern und Nachfragern.“

Die Interessentin für die „Traum-Wohnung“ im Heusteigviertel ist inzwischen übrigens auf eine andere Art fündig geworden. „Nach dieser Erfahrung bin ich vorsichtig geworden und habe mich an Zeitungsinserate gehalten“, sagt sie. So kam sie zu einer neuen Bleibe. Ganz ohne Vorkasse.

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