Richy Müller (links) und Felix Klare mit Sibylle Möck im Open-Air-Kino Foto: Peter Petsch

Mit der Premiere der „Tatort“-Folge „Freigang“ ist am Donnerstag das sechste SWR-Sommerfestival auf dem Schlossplatz eröffnet worden. Ein Krimi, der auch für die beiden Kommissare spannend gewesen ist.

Stuttgart - Die Kommissare sind schon da, die Staatsanwältin auch. Der Tatort ist der Schlossplatz Stuttgart. 4000 Stühle stehen am Donnerstagabend bereit, 500 Stehplätze soll es geben, nur wenige sind noch zu haben, Stunden vor der Premiere einer neuen Folge von Deutschlands beliebtester Krimireihe. Lannert und Bootz ermitteln – und einer von ihnen muss in den Knast. Lannert ist es, Richy Müller spielt ihn. Interessant, sagt der Schauspieler, sei es gewesen, diese Folge zu drehen. Hinter echten Gittern.

Die echten Gitter sieben die Luft nicht in einem nagelneuen Hochsicherheitsgefängnis in Zuffenhausen, wie der Film behauptet. In Zuffenhausen gibt es kein Gefängnis. Stammheim, eine Hochsicherheitsalternative, versagte dem Tatort die Dreherlaubnis. Und ohnehin wünschten sich Regisseur Martin Eigler und Drehbuchautor Sönke Lars Newöhner ein zeitgemäßes Gefängnis, hochmodern. Die Dreharbeiten fanden also in Rosdorf statt, bei Göttingen. Lannert alias Richy Müller geht undercover in den Knast, um einem korrupten Sicherheitssystem auf die Spur zu kommen.

Die Erfahrung, hinter Gittern zu drehen, ist es, die den beiden Schauspielern Richy Müller und Felix Klare im Gedächtnis bleiben wird. Sie spielten mit echten Wärtern, auch echten Gefangenen – einige der Inhaftierten durften im Film als Statisten auftreten. „Auch der Geistliche der Justizvollzugsanstalt“, sagt Müller, „hat einen Gefangenen gespielt. Er sah richtig finster aus.“

Richy Müller erzählt von der lückenlosen Überwachung, unter der die Dreharbeiten stattfinden mussten. Der Schauspieler übernahm Verantwortung, ihm wurden Schlüssel anvertraut. „Die Leute mochten mich deshalb sehr gern“, erinnert er sich. „Das waren ganz normale Menschen, die auch erzählt haben, dass es ihn manchmal schwer fällt, Menschen wegzuschließen.“ Müller lernte auch die Strafgefangenen kennen. „Ich habe zwei Mal eine Tour gemacht und ihnen Autogramme gegeben.“

Felix Klare dagegen erlebte die Dreharbeiten hinter Gittern ganz anders. „Eine dubiose Welt“, sagt er. Eine Welt aber auch, in die er nicht so tief eintauchte wie sein Kollege. Klare spielte nur wenige Szenen im Gefängnis, jagte stattdessen in Freiheit die Mörder, Verschwörer – und traf sich mit dem vermeintlichen Vollzugsbeamten Peter Seiler alias Lannert zur Dienstbesprechung im Bordell. Während die beiden sich dienstlich besprechen, wird nebenan fleißig gestöhnt.

Viele Szenen für den neuen „Tatort“ wurden, wie schon bei früheren Folgen, nicht in Stuttgart, sondern in Baden-Baden oder Karlsruhe gedreht – oft sieht man im Film den Stuttgarter Westen, wenn Bootz‘ Auto über die Straße gleitet. Aber auch den Rotlichtbezirk erkennt man wieder. „Da war natürlich abgesperrt, als wir drehten“, erzählt Klare. Abseits des Drehortes jedoch herrschte der übliche Betrieb – die eine oder andere Dame glaubt der Kommissar schon im Fenster gesehen zu haben, den einen oder anderen Herrn, wie er in einer Tür verschwand. „Eine unserer Komparsinnen, die eine Prostituierte spielte, hat angeblich einen ziemlich schiefen Blick von einer echten Kollegin abbekommen“, erzählt er.

Felix Klare, Richy Müller, Carolina Vera, die in der Rolle der Staatsanwältin Emilia Álvarez zu sehen ist – zufrieden sind sie alle mit dem neuen „Tatort“. Vera hat Stuttgart schätzen gelernt, in den Jahren ihrer Staatsanwaltschaft, anders als ihre männlichen Kollegen, die während der Dreharbeiten nur selten die Zeit finden, die Stadt zu erkunden. „Ich habe festgestellt, dass man hier sehr gut essen und guten Wein trinken kann“, sagt sie. „Und ich gehe gerne in die Hügel.“

Über dem Schlossplatz ist es Abend geworden, Klaus Doldingers „Tatort“-Thema erklingt, der Krimiabend unterm regenfreien Himmel beginnt. Im Publikum sitzt auch Regina-Christine Weichert-Pleuger, die Leiterin der Justizvollzugsanstalt Rosdorf. Sieben ihrer Mitarbeiter sind mit ihr nach Stuttgart gefahren, um den Krimi, der an ihrem Arbeitsort gedreht wurde, zu sehen. Die Insassen der Anstalt freilich werden den „Freigang“ erst an Pfingsten erleben, im Fernsehen – gutes Betragen vorausgesetzt.

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