Abstandsregel? Taschendiebe kümmern sich nicht darum – auch ohne Weihnachtsmarktgedränge. Foto: imago/Agentur 54 Grad/Felix Koenig

Zum Glück macht die Coronapandemie auch den Taschen- und Trickdieben zu schaffen. Die Fallzahlen sind auf niedrigem Niveau. Und doch gibt es keinen Grund zur Entwarnung.

Stuttgart - Wo ist denn der Geldbeutel? Hat sie ihn etwa zu Hause liegen lassen? Die 80-jährige Kundin sucht nach dem Einkauf im Discounter aber auch daheim vergebens. Ihr wird klar: Sie wurde bestohlen. Wohl von einem Mann am Schokoregal. „Ist das der Preis?“, hatte er gefragt und ihren Blick auf ein Preisschild gelenkt.

 

Den Trick- und Taschendieben fehlt das Gedränge an den Weihnachtsmärkten – doch sie finden vor dem Advent im Raum Stuttgart auch andere geeignete Tatorte. Besonders Supermärkte. Geldscheine, Bankkarten, Ausweise – alles weg. „Dabei habe ich die Stofftasche mit dem Geldbeutel im Einkaufswagen nicht aus dem Auge gelassen“, sagt die 80-Jährige. Der Mann, den sie als 1,80 bis 1,85 Meter groß und dunkel gekleidet beschreibt, hat dennoch zugegriffen. An diesem Tag ist Filderstadt im Kreis Esslingen Brennpunkt. Eine Stunde nach dem Auftritt in Bernhausen schlägt ein Langfinger im Stadtteil Plattenhardt zu, ebenfalls in einem Lebensmittelmarkt. Das Opfer ist eine 79-Jährige.

Ablenkung mit Zetteln und klimpernden Münzen

Der Griff in die Einkaufstasche ist nicht das einzige Handwerkszeug der letzten Tage. In einer Bankfiliale in der Nähe des Bahnhofs Möhringen lenkt ein Langfinger eine 81-Jährige am Bankomaten ab und erbeutet unbemerkt die EC-Karte. In der Hauptstraße in Vaihingen taucht zweimal binnen weniger Tage ein Trickdieb auf, der Münzgeld auf den Weg fallen lässt. Ein 82-Jähriger und eine 84-Jährige helfen beim Aufsammeln - und werden ihrer Geldbörsen bestohlen.

Am Donnerstag gegen 12.45 Uhr trifft es einen Ladenbesitzer in der Charlottenstraße in der Innenstadt. Ein stummer Spendensammler hält ihm eine angebliche Spendenliste vor die Nase und versperrt ihm die Sicht. Derweil lässt der etwa 20-jährige Täter mit dunklem Teint und schwarzem Wintermantel eine Ledertasche mit Geld und Schmuck für mehrere Tausend Euro verschwinden.

Was die Statistiker sagen

Im Jahr 2020 war die Zahl der Trick- und Taschendiebstähle pandemiebedingt deutlich rückläufig. Die Statistik wies in Stuttgart nur 637 Fälle aus, nach über 1000 im Jahr davor. Bereinigt gab es sogar nur 453 Taten – rechnet man die von Statistikern verspätet erfassten Altfälle aus 2019 raus.

„Der Trend geht nun eher wieder Richtung ansteigend“, sagt Polizeisprecherin Ilona Bonn. Die Taschendiebspezialisten erwarten durch den Ausfall der Weihnachtsmärkte nicht, dass die Täter auf andere Methoden umsatteln. Mit verstärkter Präsenz und verdeckten Maßnahmen habe man das Phänomen immerhin auf das derzeitige niedrige Niveau eindämmen können.

Wie es in den Landkreisen zugeht

Im Landkreis Esslingen sind die Fallzahlen ebenfalls kontinuierlich gesunken – von 165 im Jahr 2017 auf 67 im Coronajahr 2020. „Die Tendenz für dieses Jahr ist weiterhin fallend“, sagt der für Esslingen zuständige Polizeisprecher Michael Schaal. Im Rems-Murr-Kreis ist weitgehend Ruhe: „Trick- und Taschendiebstähle spielten im November keine relevante Rolle“, sagt der zuständige Polizeisprecher Holger Bienert.

In den Landkreisen Böblingen und Ludwigsburg hat die Polizei im November bisher acht Taschendiebstähle, vorwiegend in Einkaufsmärkten und in einem Schnellrestaurant registriert – „eine ähnliche Tendenz wie im Vorjahr“, sagt Sprecherin Yvonne Schächtele. Hinzu kommen drei Trickdiebstähle – , einer bei einer Autofahrerin auf einem Parkplatz in Sindelfingen, zwei in Vaihingen/Enz. Die Täter haben keine Spuren hinterlassen.

Bleiben Langfinger den Bahnen fern?

Und in den S-Bahnen? Hält die 3-G-Pflicht im Nahverkehr die Langfinger fern? „Das lässt sich nur schwer abschätzen“, sagt Bundespolizeisprecher Denis Sobek. Beim Lockdown gab es seit Mitte März 2020 deutlich weniger Fahrgäste in Zügen und Bahnhöfen – das sei mit der 3-G-Regel anders.

Der Blick in die Eingangsstatistik der Bundespolizeiinspektion Stuttgart zeigt, dass die Zahl der Taschendiebstähle – besonders beim Vergleich der Monate Oktober bis Dezember 2019 und 2020 – deutlich zurückging. Von 93 auf nur noch 33 Fälle. „Speziell die Taschendiebstähle an Wochenenden, bei denen meist alkoholisierten Personen das Handy auf dem Nachhauseweg im S-Bahnbereich gestohlen wurde, waren während der Pandemie respektive des Lockdowns kaum noch zu beobachten gewesen“, sagt der Bundespolizeisprecher. Die Größenordnungen dürften sich 2021 nicht wesentlich verändert haben, wie der Vergleich von Oktober 2021 mit dem Vorjahresmonat zeigt: „Das ist auf ähnlichem Niveau“, so Sobek.

Wo die Beute des Langfingers landete

Im jüngsten Fall in Filderstadt hat die 80-Jährige noch Glück. Die Geldbörse wird von städtischen Mitarbeitern im Abfalleimer einer Bushaltestelle gefunden. EC-Karte, Ausweise, persönliche Papiere – alles noch drin. Nur die Geldscheine fehlen. Die Betroffene will sich das eine Lehre sein lassen. Geldbeutel im Einkaufswagen? „Das werde ich nicht mehr machen!“