Viele Stuttgarter bilden eine Stimme gegen Antisemitismus. Foto: Martin Haar

Aktion von Bürgern setzt ein Ausrufe-Zeichen gegen den Hakenkreuz-Anschlag am Gerda-Taro-Platz.

Stuttgart - Sind es 100, 200 oder gar mehr Menschen, dir sich hier versammeln? Schwer zu sagen. In diesem Fall sind konkrete Zahlen nicht ganz so bedeutend. Viel wichtiger ist an diesem Donnerstagabend, dass sich am Gerda-Taro-Platz trotz spärlicher Ankündigung überwältigend viele einfinden. Alle mit einem Ziel: Gemeinsam einzustehen gegen Rassismus, Faschismus und Antisemitismus.

Judenhass.

„Ein Thema, das einerseits endlos ist“, wie ein Vorredner der Versammlung sagt, „aber andererseits endlos wichtig ist.“ Der Anlass dieser Aktion, die von Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle angestoßen wurde, sind Hakenkreuz-Schmierereien auf den Gedenktafeln zu Gerda Taro. „Ein Angriff“, wie der Antisemitismus-Beauftragte des Landes Michael Blume in seiner Rede festhält, „der jede Woche einmal auf Gedenkstätten im Land verübt wird.“

Bauer entdeckt die Taro in New York wieder

Und genau deshalb sind sie hier: Geschichtsbewusste Bürger, aber auch Landtagspräsidentin Muhterem Aras, Alt-Stadtrat Michael Kienzle, Susanne Jakubowski mit Michael Kashi von der Israelitischen Gemeinschaft, der „AnStifter“ Peter Grohmann, die Taro-Biografin Irme Schaber und der frühere Kolumnist der „Stuttgarter Nachrichten“ Joe Bauer als Organisator mit begabten Musikern im Schlepptau.

Bauer war es auch, der die Kriegsreporterin und gebürtige Stuttgarterin Taro bei einem Museumsbesuch in New York (wieder-)entdeckte und ihr Andenken nach Stuttgart transportierte. Ein Andenken, das „wir uns nicht beschmutzen lassen wollen“, wie Veronika Kienzle feststellt. „Schon gar nicht durch die Abzeichen des schändlichsten und mörderischsten Herrschaftssystems auf deutschem Boden.“ Dieses Andenken an die Stuttgarter Jüdin, „wollen Menschen stören, deren Empathie-Empfinden gestört und deren Politikverständnis wirr ist. Das sind Leute, denen all das fehlt, was Gerda Taro ausmachte“, ergänzt Kienzle. Woraus sie, Blume, Bauer und Schaber in ihren Reden schließen: Diese Attacken müssen ernst genommen werden. Dieser Angriff sei kein Dummejungenstreich. Es war ein gezielter Angriff auf die im spanischen Bürgerkrieg im Alter von 27 Jahren gefallene Antifaschistin Taro. Und schließlich sei es ein Angriff auf die Demokratie sowie deren Stadtgesellschaft. Im Umkehrschluss bedeutet das für Veronika Kienzle: „Es braucht eine Stadtgesellschaft, die die Bilder von Gerda Taro schützt.“

Das letzte Wort haben nicht die Nazis

Nicht nur das. „Es braucht auch Orte der Begegnung und den täglichen Einsatz vor der Haustür. Niedliche Regenbogenbildchen reichen da nicht“, wie Bauer bemerkt und Schaber zu einer Mahnung an die Stadtgesellschaft einlädt: „Wir sind alle gefragt, es handelt sich um eine Drohung an alle. Dies ist ein massiver Angriff auf unsere Geschichtskultur.“ Damit schlägt sie den Bogen zur Gegenwart – zur „AfD und deren Bestreben nach einer erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad“. In diesem Sinne sagt Schaber: „Wir müssen uns klar sein, dass die Völkischen und Rechtspopulisten versuchen, Feindbilder zu schaffen und den Hass in der Gesellschaft zu schüren.“ Dass dies nun verdorbene Früchte trage, sehe man an der Querdenker-Bewegung. Gerade deshalb ist es laut Veronika Kienzle geboten, Nazis „nicht das letzte Wort zu lassen“. An diesem Abend gebührt es Irme Schaber: „Wir müssen auf unsere Werte pochen, uns gegen diese Verrohung wehren und dürfen uns nicht spalten lassen.“

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