Zahlreiche Reisende warten im Frankfurter Hauptbahnhof auf einen ICE nach Berlin. Foto: Frank Rumpenhorst/dpa Foto: dpa

Bahnfrust statt Reiselust: Wer Anfang nächster Woche mit der Bahn fahren will, sollte möglichst umplanen. Die GDL ruft zum zweiten Streik auf. Niemand weiß, ob es der letzte sein wird.

Berlin - Neue Nervenprobe für Bahnkunden: Ein weiterer Streik der Lokführergewerkschaft trifft am Montag und Dienstag wieder Millionen Reisende und Pendler.

Voraussichtlich fährt dann noch ein Viertel der Fernzüge, im Regionalverkehr und bei S-Bahnen peilt die Bahn im Schnitt 40 Prozent an. Zahlreiche Zugausfälle und Verspätungen sind zu erwarten. Nicht bestreikt werden Konkurrenten der Deutschen Bahn. Im Güterverkehr des Staatskonzerns soll schon von Samstag an die Arbeit ruhen.

Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) erhöht damit den Druck in der Tarifrunde. Die Mitglieder "streiken für mehr Löhne, für den Schutz ihrer Rente", sagte der Vorsitzende Claus Weselsky am Freitag in Berlin. Die Wut unter den Mitgliedern auf das Management sei groß.

Fahrgäste können sich diesmal besser vorbereiten

Der Streik beginnt im Personenverkehr am Montag um 2.00 Uhr und endet am Mittwoch um 2.00 Uhr. Damit bleiben die Züge genauso lang stehen wie beim ersten Streik in der vergangenen Woche. Fahrgäste haben jedoch zwei Tage mehr Zeit, sich auf den Streik einzustellen. Die Bahn kündigte an, die Auswirkungen des Streiks so gering wie möglich zu halten. Tickets, die von dem Streik am Montag und Dienstag betroffen sind, sollen auch schon ab diesem Wochenende bis einschließlich zum 4. September genutzt werden können. Läuft es wie beim ersten Mal, könnten die Züge schon am Mittwochvormittag wieder weitgehend normal fahren.

Auch der erneute Streik dürfte viele Urlaubsreisende treffen. In zehn Bundesländern sind noch Schulferien. Die GDL wies Kritik an ihrem Arbeitskampf inmitten einer Corona-Welle zurück. Weselsky zitierte das Konzernmanagement, das wiederholt betont hatte, dass Bahnfahren in Hinblick auf Ansteckungen sicher sei.

Sorge wegen Infektionsrisiken in vollen Zügen

Die Infektionszahlen in Deutschland steigen seit einigen Wochen wieder. Die Bahn hatte die Fahrgäste schon beim letzten Mal um größtmögliche Rücksichtnahme gebeten, um Ansteckungen mit dem Coronavirus in den vollen Zügen zu vermeiden. Auch der Fahrgastverband Pro Bahn äußerte Sorge wegen möglicher Infektionsrisiken. Weselsky griff den SPD-Politiker Karl Lauterbach an, der gewarnt hatte, Streiks bei der Bahn führten zu mehr Infektionen. Er sprach von Schmutzkampagnen gegen die Gewerkschaft.

Gut einen Tag länger als beim ersten Mal dauert der Streik im Güterverkehr. Er beginnt schon am Samstag um 17.00 Uhr. Die Wirtschaft reagierte alarmiert. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) warnte vor Produktionsausfällen. Der Streik schade dem Standort Deutschland, hieß es beim Verband der Automobilindustrie (VDA). "Die deutsche Wirtschaft versucht gerade erst nach der Corona-Pandemie Fuß zu fassen", teilte die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände mit und rief die GDL auf, an den Verhandlungstisch zurückzukehren.

Besonders auf die Güterbahn angewiesen sind laut BDI etwa die Chemie und Stahlindustrie, aber auch die Autobranche für Transporte in die Exporthäfen. Die Deutsche Bahn hat 2020 rund 43 Prozent aller Güter auf der Schiene transportiert, das übrige Geschäft übernahmen Konkurrenten. Sie sind vom Streik nicht betroffen.

Kampf um bessere Bezahlung und Corona-Prämie

Die Linken-Vorsitzende Susanne Hennig-Wellsow forderte, dass die Bahn mit einem verbesserten Angebot den Streik noch abwendet. "Ich fordere die Bundesregierung auf, der Konzernleitung eine klare Ansage zu machen." Die Forderungen der Gewerkschaft seien berechtigt.

Die GDL kämpft unter anderem für eine bessere Bezahlung und fordert Lohnerhöhungen wie im öffentlichen Dienst von rund 3,2 Prozent sowie eine Corona-Prämie von 600 Euro im laufenden Jahr. Anders als die größere Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) will sie in diesem Jahr keine Nullrunde bei den Gehältern akzeptieren.

Die Deutsche Bahn hatte der GDL zwar 3,2 Prozent angeboten, die Erhöhung soll demnach jedoch später greifen als von der Gewerkschaft gefordert. Auch bei der Laufzeit des Tarifvertrags liegen die Vorstellungen beider Seiten noch deutlich auseinander.

Nur ein verbessertes Tarifangebot der Bahn könne den Streik noch abwenden, machte Weselsky deutlich. Andernfalls drohten weitere Arbeitskampfmaßnahmen. Die Bahn nannte den Streik "völlig überflüssig". "Dieser zweite Ferienstreik zeigt: Ein Tarifpartner verweigert sich permanent", sagte Personalvorstand Martin Seiler. Er warf der GDL vor, ihren Einfluss im Konzern auf dem Rücken der Kunden ausdehnen zu wollen.

Die GDL konkurriert mit der größeren Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG). Sie weist aber den Vorwurf zurück, dass in den Tarifverhandlungen ein Machtkampf eine Rolle spiele. Die EVG wies am Freitag darauf hin, dass nach den Regularien mit ihr neu verhandelt werden müsse, wenn die GDL einen besseren Tarifabschluss herausholen sollte. "Wann dieser Tarifkonflikt vorbei ist, das bestimmen wir", sagte EVG-Chef Klaus-Dieter Hommel der Deutschen Presse-Agentur.

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