In Bayern macht die Gewerkschaft – hier mit Beschäftigten von Lidl – schon Druck mit Warnstreiks im Einzelhandel. Foto: dpa/Matthias Balk

Die Tarifrunde des Einzelhandels ist so kompliziert wie selten eine zuvor. Der Abschluss muss den Profiteuren und Leidtragenden der Coronakrise gerecht werden. Dies führt zur Uneinigkeit im Gewerkschaftslager über die Strategie.

Stuttgart - Die Tarifrunde für die 490 000 Beschäftigten im baden-württembergischen Einzelhandel hat beim zweiten Aufeinandertreffen am Donnerstag noch keine Annäherung gebracht. Wie kann es auch anders sein, wenn Verdi und der Handelsverband vor nie da gewesenen Herausforderungen stehen? Im Abschluss müssen sie einerseits dem sogenannten Non-Food-Handel und dem stationären Innenstadthandel gerecht werden, denen der Ruin droht – andererseits muss das Ergebnis auch für Unternehmen passen, die von Corona enorm profitieren.

 

Knackpunkt ist weniger die Verdi-Forderung nach 4,5 Prozent höheren Gehältern. Vielmehr beharrt Philip Merten, der Verhandlungsführer des Verbands, auf einem „differenzierenden Tarifabschluss, der für alle unterschiedlich betroffenen Handelsunternehmen und ihre Beschäftigten eine wirtschaftlich tragbare Antwort gibt“. Kurz: Wo es boomt, können die Arbeitgeber ein Entgeltplus zahlen – wo die Not grassiert, gibt es wenig bis nichts.

Noch kein Arbeitgeberangebot auf dem Tisch

Letztlich sollen alle Betriebe wieder auf einem Lohnniveau landen. „Wir müssen überlegen, wie wir die komplett auseinander laufende Branche am Ende der Laufzeit wieder in einem Branchentarifvertrag vereint haben, ohne dass damit einer überfordert ist, weil er das nicht erwirtschaften kann“, betont Merten.

Die Arbeitgeber haben noch kein Angebot vorgelegt, aber mit Wohlwollen registriert, dass Verdi die Bereitschaft signalisiert, „in tarifgebundenen Betrieben bei nachgewiesenen Notlagen flexible Lösungen tarifvertraglich zu vereinbaren“ – auch wenn sie dem von der Gewerkschaft präferierten Weg der Sanierungstarifverträge nichts abgewinnen können.

Intensiv wurde in Stuttgart über eine mögliche Differenzierung verhandelt – im Bemühen um ein gegenseitiges Verständnis. Ein Problem hat Verdi daher auch im eigenen Lager, denn anders als im Südwesten wird in der Berliner Zentrale bisher eine eher kompromisslose Strategie verfolgt. Von einem Grundsatzstreit ist die Rede. Stefanie Nutzenberger, die Leiterin des Fachbereichs Handel im Bundesvorstand, hat jüngst klargestellt, dass im Abschluss keine großen Unterschiede zwischen starken und geschwächten Firmen akzeptiert werden. „Öffnungsklauseln und Einmalzahlungen sind Gießkannenprinzip oder Mogelpackungen – beides sind die falschen Antworten für die Zukunft des Handels“, sagte sie. „Wir brauchen keinen differenzierten Tarifabschluss. Die Zukunft der Unternehmen, die in der Krise sind, wird der Tarifvertrag nicht lösen.“

Die Streikbereitschaft hat unter Corona gelitten

Diese harte Haltung könnte in eine Konfrontation führen, die Verdi zu verlieren droht. Weder die Öffentlichkeit noch relevante Teile der Basis könnten derzeit einen Arbeitskampf im Handel nachvollziehen. Mitten in der Pandemie zu mobilisieren ist generell schwer. Verdi erreicht die Mitglieder mangels Präsenz in den Betrieben kaum. Vor allem aber sind die Belegschaften wegen der Krise wenig streikbereit, wie Betriebsräte erkennen lassen. Einstige Kampftruppen – wie bei Galeria Karstadt Kaufhof oder Real – gibt es nicht mehr.

In Bayern oder Nordrhein-Westfalen hingegen sieht die Lage anders aus – dort wurden mit ersten Warnstreiks in den vergangenen Tagen zumindest Signale der Kampfbereitschaft gesetzt. In Baden-Württemberg sind bislang nur niedrigschwellige Aktionen wie digitale Mitarbeiterinformationen geplant. Vielfach hält man hier etwas mehr Bescheidenheit in einer selten schwierigen Tarifrunde für angebracht.

Am 21. Juni wird weiterverhandelt

Mit Sorge betrachten die Gewerkschafter auch Beispiele vorzeitiger Lohnerhöhungen wie bei Edeka Südbayern, wo schon jetzt 55 Euro monatlich draufgelegt werden. Wenn dies Schule macht, könnte es die Mobilisierung weiter dämpfen.

Am 21. Juni wird im Südwesten weiterverhandelt. Allerdings drängt die Zeit. Am 5. Juli beginnen in NRW die Sommerferien. Bis dahin bräuchte es – bundesweit betrachtet – ein Ergebnis, sonst müsste die Tarifbewegung im Herbst weitergehen. Dies brächte für die Gewerkschaft ein hohes Risiko mit sich – es sei denn, die Pandemie wäre im Herbst ausgestanden und überall klingelten wieder die Kassen.