Das Gros der Postbeschäftigten ist in den unteren Entgeltgruppen eingestuft und muss dafür schwer strampeln. Foto: dpa

Vor der nächsten Tarifrunde bei der Deutschen Post AG will die Gewerkschaft wieder in die Offensive kommen. Provoziert fühlt sich Verdi durch die Absicht des Unternehmens, die duale Ausbildung zurückzufahren. Da will sie über die Politik Druck machen.

Leinfelden - Nicht zuletzt durch den florierenden Online-Handel steht die Deutsche Post DHL so gut da wie nie zuvor. 3,5 Milliarden Euro Gewinn waren es 2016, etwa 3,75 Milliarden Euro sollen es in diesem Jahr werden – weitere Steigerungen hat der weltweit führende Post- und Logistikkonzern fest programmiert. Dass dieser Boom Begehrlichkeiten der Beschäftigten fördert, am Erfolg teilzuhaben, ist logisch.

Anfang nächsten Jahres startet für die 140 000 Tarifkräfte die neue Tarifrunde. Am 31. Januar endet die Friedenspflicht. Nach dem längsten und härtesten Arbeitskampf der Postgeschichte vor zwei Jahren – aus Arbeitnehmersicht eine existenziell notwendige Abwehrschlacht – will die Gewerkschaft diesmal offensiver zu Werke gehen.

Auf einer Konferenz mit 200 Vertrauensleuten aus Baden-Württemberg hat Verdi schon die Richtung vorgegeben. Vor dem Hintergrund der günstigen gesamtwirtschaftlichen Lage hatte der Bundesfachbereichsvorstand jüngst eine „Diskussionsempfehlung“ von 5,5 Prozent Lohnsteigerung beschlossen. Bis Mitte Dezember läuft nun eine Mitgliederbefragung, in der die Basis ihre Meinung dazu kundtun soll. Dann entscheidet die Tarifkommission endgültig über die Forderung.

Mitgliederbonus ist ein heißes Eisen

Vier Prozent der Beschäftigten sind in der Entgeltgruppe eins eingestuft, wo sie – je nach Lohnstufe – 1802 bis 2127 Euro brutto pro Monat verdienen. 26 Prozent sind in Entgeltgruppe zwei (1940 bis 2452 Euro) zu finden und 64 Prozent – mithin 70 000 Beschäftigte – in der Entgeltgruppe drei (2044 bis 2668 Euro). Die Mehrheit hat jeweils den höheren Wert erreicht. Angesichts der niedrigeren Nettogehälter und hoher Mietkosten gerade im Südwesten diskutieren die Basisvertreter intensiv über Mindestanhebungen für die Niedrigverdiener. „Das ist für mich eine Frage der Solidarität, den unteren Gehaltsstufen mehr Geld zukommen zulassen“, sagt etwa ein Freiburger Vertrauensmann.

Ein besonders heißes Eisen ist der Mitgliederbonus – eine Vergünstigung nur für die Verdi-Beitragszahler, die bei der Post im Schnitt gut 70 Prozent der Belegschaft ausmachen. „Wer nicht Mitglied der Gewerkschaft ist, hat moralisch keinen Anspruch auf eine Entgelterhöhung“, betont Stephan Teuscher, der Bundesbereichsleiter Tarifpolitik. Allerdings sind Verdi enge Fesseln angelegt. Eine Exklusivklausel darf keine hohe Hürde sein, in die Gewerkschaft einzutreten, meint das Bundesarbeitsgericht. Und wie alle Arbeitgeber hat auch die Post kein Interesse an einer Differenzierung nach Mitgliedschaft in der Gewerkschaft. Eine Vorteilsregelung durchzusetzen dürfte Verdi schwerfallen.

Wahlmodell der Bahn macht Schule

Von der Mitgliederbefragung erhofft sie sich auch einen Hinweis darauf, ob sie mehr Freizeit als eine Wahloption fordern soll, wie es die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) bei der Deutschen Bahn erreicht hatte. Das Ergebnis dieses in vielen Branchen beachteten Vorzeigemodells lautet: 56 Prozent der EVG-Mitglieder wollen von Januar 2018 an lieber sechs zusätzliche Tage Urlaub, 42 Prozent entscheiden sich für weitere 2,6 Prozent mehr Lohn – und nur ein kleiner Rest nimmt die Verkürzung der Wochenarbeitszeit von 39 auf 38 Stunden in Anspruch. Verdi ist – falls von der Basis gewünscht – offenbar bereit, eine solche Wahlmöglichkeit auch bei der Deutschen Post auszuhandeln. „Freie Tage zur Entlastung werden eine immer höhere Bedeutung erlangen“, prophezeit Teuscher. Bei der Post gilt die 38,5-Stunden-Woche.

„Angriff auf die Ausbildung“

Die schärfsten Angriffe richtet der Tariffachmann gegen das Vorhaben der Post AG, die Zahl der dualen Ausbildungsplätze für den Beruf der Fachkraft in Kurier-, Express- und Postdiensten von derzeit etwa 1400 im kommenden Jahr auf rund 750 zu halbieren. Weitere 750 neu einzustellende Beschäftigte sollen die Berufsqualifikation durch eine berufsbegleitende IHK-Prüfung statt mit einer dualen Ausbildung erwerben. „Was scheinbar harmlos daherkommt und von der Post als Fortschritt verkauft wird, ist ein Angriff auf die Ausbildung“, giftet Teuscher. Das Unternehmen mit 180 000 Beschäftigten werde seiner gesellschaftlichen Verantwortung nicht gerecht.

Die Post könnte sich „locker 2500 bis 3000 Auszubildende leisten“, meint er. „Wir wollen die Post AG auch über die Politik zwingen, die Ausbildungsquote zu erhöhen.“ Wer, wie die Niederlassungsleitung in Berlin, über Probleme der Fachkräftegewinnung klage und daher schon eine „Anwesenheitsprämie“ zahle, solle doch einfach „unbefristet einstellen“.

10 000 Mitarbeiter für Paketgesellschaften gefunden

Die Fremdvergabe in der Brief- und Verbundzustellung ist bis Ende 2018 ausgeschlossen. Die seit 2015 gegründeten 49 regionalen Paketgesellschaften (DHL Delivery GmbH) – damals hart umkämpft – haben sich ihren festen Platz mittlerweile erobert. Das Unternehmen sieht sein Ziel, bis 2020 etwa 10 000 neue Arbeitsplätze in der Paketzustellung zu schaffen, bereits erreicht. „Bis heute sind rund 10 000 Paketzusteller in den Delivery GmbHs beschäftigt, davon rund 6000 Mitarbeiter vom externen Arbeitsmarkt“, sagt eine Post-Sprecherin dieser Zeitung.

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