Wie ein Sympathieträger sieht der Tausend-Mark-Schein-Mann ja nicht aus. Es soll sich um den Theologen Johannes Scheyring handeln. Aber Genaues weiß man nicht. Foto: ZB

Dieses Wochenende ist historisch: Sie können noch einmal die alten VVS-Zonen genießen und zum letzten Mal Euro-4-Diesel fahren. Danach brauchen sie einen Schuhkarton, meint Lokalchef Holger Gayer.

Stuttgart - Erinnert sich noch jemand an die Deutsche Mark? Das war dieses lustige Geld, das ausgerechnet auf dem Objekt der maximalen Begierde, dem Tausender, so einen ungewaschenen Vollbarttyp mit Dreiviertelglatze zeigte. Da wir Kinder mit solchen Summen jedoch nur zu tun hatten, wenn wir auf der Suche nach einem Universum-Farbfernseher den Quelle-Katalog durchblätterten, beschäftigen wir uns eher mit dem 50-Pfennig-Stück. Die Frage lautete, ob die Prägung auf „Bundesrepublik Deutschland“ oder auf „Bank deutscher Länder“ lautete. War Letzteres der Fall, kam es auf das Jahr an, an dem die Münze geprägt worden war. „Nur 30 000 von ihnen tragen die Jahreszahl 1950, herausgegeben von der Bank deutscher Länder“, schreibt der Autor Volker Kitz in seinem Standardwerk „Das war die Mark“. Dies sei allerdings ein Irrtum gewesen: „Eigentlich sollten die Stücke von der Bank deutscher Länder nur noch mit der Jahreszahl 1949 ausgegeben werden.“ Daher seien die 1950-Stücke Fehlprägungen und zunächst kein offizielles Zahlungsmittel gewesen. Um sie zu legalisieren, habe erst ein Gesetz erlassen werden müssen.Gut 50 Jahre später war die Sache rum. Kitz erinnert an den 1. Januar 2002 mit blumigen Worten: „Die Banken haben geschlossen. Menschentrauben drängen sich vor den Geldautomaten. ,Bitte entnehmen Sie Ihre Karte‘, fordert der kleine Bildschirm wie immer auf. Dann schiebt sich das neue Geld aus dem Schlitz. Die Scheine sehen anders aus. Man muss erst nach Zahlen suchen, nachzählen. Die Werte lauten nicht mehr auf Deutsche Mark. Die D-Mark hat ihren letzten Atemzug getan, ist verpufft wie das Silvesterfeuerwerk. Die Neujahrszeitung bezahlen die meisten schon in Euro. Ein Kapitel deutscher Geschichte hat sich vollendet.“

Vorbei die Zeiten, da man durch 52 Tarifzonen surfen konnte

So ähnlich verhält es sich nun auch an diesem Wochenende – allerdings ein paar Nummern kleiner und aufs württembergische Kernland beschränkt. Doch wer noch einmal gepflegt durch die 52 Tarifzonen des Verkehrs- und Tarifverbunds Stuttgart (VVS) fahren und die wunderbare Komplexität eines öffentlich-schwäbischen Fahrkartensystems erleben will, hat nur noch an diesem Samstag und Sonntag Gelegenheit dazu. Vom 1. April an ist alles neu. Vorbei sind dann die Zeiten, in denen man bei der Fahrt von Oberaichen nach Pattonville durch die Zonen 38, 20, 10 und 34 durfte oder, falls es einem außenrum besser gefiel, die 38, 39, 30, 31, 32 und 34 passierte, wobei sich die Frage stellt, wo eigentlich die Sektion 33 abgeblieben ist (aber damit werden sich die Historiker beschäftigen können).Künftig liegen Oberaichen und Pattonville auf dem gleichen Ring (Nummer 2) und befinden sich damit in guter Gesellschaft mit Mettingen, Rommelshausen und der Haltestelle Breuningerland/Ikea. Und das Größte: Ganz Stuttgart ist plötzlich eins! Knapp 800 Jahre nach der Stadtgründung kommt der moderne Stadtbahnfahrer von Montag an mit einem einheitlichen Billettle für 2,50 Euro von Weil­imdorf bis Hedelfingen oder von Rohr bis Mühlhausen. Damit vollzieht der VVS nach, was Verkehrsminister Winfried Hermann auch den Dieselfahrern angedeihen lässt. Egal, ob Umwelt oder ÖPNV: Ganz Stuttgart ist jetzt eine Zone mit einheitlichen Regeln.

Ein Schuhkarton für die alten Fahrkarten

Daher sollten Sie an diesem Wochenende unbedingt nochmals auf die alte Art unterwegs sein. Die Aufgabe ist klar: Fahren Sie Bus und Bahn, lösen Sie möglichst viele Fahrkarten, die Ihnen die antiken Automaten mit ihren stabilen Nadeldruckern liefern, und lassen Sie sich an Ihrer persönlichen Endstation noch ein letztes Mal von einem Euro-4-Diesel abholen. Danach gehen Sie heim, suchen eine Garage, um Ihr Auto zu verstauen, bis es in 20 Jahren ein Oldtimerkennzeichen bekommt. Die gebrauchten Fahrkarten bewahren Sie in einem alten Schuhkarton auf, bis Volker Kitz das Buch „Das war der Tarifdschungel in Stuttgart“ herausbringt. Wenn er’s gut macht, werden dort Aufbewahrungsfächer für eigene Erinnerungsstücke sein wie einst bei seinem Bestseller „Das war die Mark“. Dort konnten Sie 50-Pfennig-Münzen ebenso sammeln wie Tausend-Mark-Scheine. Merkwürdig nur, dass manche Fächer leer geblieben sind.

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