Entlang der Lärmschutzwand der B10 in Sirnau haben sich Abermillionen invasive Ameisen ausgebreitet. Experten bekämpfen sie, aber der Regen hat die Arbeit erschwert.
Die Biomülltonnen sind schwarz vor Ameisen, wenn es wärmer ist, sagt Simone Sauer. Der Esslinger Stadtteil Sirnau hat ein großes Problem mit den kleinen Tieren. Die invasive Ameisenart Tapinoma magnum hat sich entlang der Lärmschutzwand zur B 10 eingenistet – eine etwa 700 Meter lange sogenannte Superkolonie, bestehend aus unzähligen Nestern, die miteinander verbunden sind.
An diesem Morgen regnet es. Simone Sauer, die zweite Vorsitzende des örtlichen Bürgerausschusses, zeigt in ihrer Hofeinfahrt die wenigen Insekten, die trotz des Wetters draußen unterwegs sind. Bei Sonnenschein seien die Ameisenstraßen mitunter bis zu zehn Zentimeter breit, erzählt sie. Entlang ihres Hauses sieht man deutlich, wie sie bereits einen Hohlraum zwischen Pflastersteinen und Fassade geschaffen haben. Wenn sie Ameisen im Garten entdecke, mache sie immer die Geruchsprobe, indem sie eine Ameise zerdrückt: „Es riecht für zwei bis drei Sekunden etwas nach Buttersäure“, erklärt Sauer den typischen Geruch von Tapinoma magnum. Sei dieser Test positiv, werde der Wasserkocher angemacht und den Tieren geht es mit heißem Wasser an den Kragen. Sei er negativ, seien es heimische Ameisen, die dürften natürlich bleiben.
In Esslingen-Sirnau geht man entspannt mit den Ameisen um
Ursprünglich stammt die invasive Ameisenart aus dem Mittelmeerraum. Eingeschleppt in Pflanzkübeln breitet sich die Art seit ein paar Jahren in Deutschland aus. Auch in Nürtingen und Reichenbach gibt es vom Naturkundemuseum Stuttgart bestätigte Nester. An den Naturkundemuseen Baden-Württemberg wird an der Ausbreitung der Insekten geforscht und Sichtungen werden verifiziert.
Erstaunlich entspannt gehen die Sirnauer mit der Ameisenplage um. Sie würden sich ja zum Glück nicht alleingelassen fühlen, sagen weitere anwesende Mitglieder des Bürgerausschusses. Die Stadtverwaltung Esslingen habe schnell reagiert. Nach einer Begutachtung des Ausmaßes der Ameisenplage im Juni sind an diesem Tag zum dritten Mal Mitarbeiter der Schädlingsbekämpfungsfirma „Der Puschmann“ mit Sitz in Hochdorf zugange.
Ameisen werden in Sirnau „elegant“ bekämpft
Sabine Göggerle und Britta Franze haben kleine Spritzen dabei, mit denen sie Punkte eines durchsichtigen Gels an Ameisenstraßen aufbringen. „Es ist die Vorstufe eines Pestizids, das im Darm der Ameisen zu einem Nervengift umgewandelt wird“, sagt Göggerle. Sie nennt es eine „elegante Methode“ mit der sie bereits gute Erfolge hätten erzielen können. Das Gift werde von den Ameisen aufgenommen und in die Nester getragen, wo es an den Nachwuchs verfüttert wird. Anders könne man die bis zu einem Meter tiefliegenden Brutstätten nicht erreichen.
Am ersten Bekämpfungstag, der Mitte Juli stattfand, hätten sie an einer Ameisenstraße, die durch die Unterführung zur Neckarinsel führte, Gel ausgebracht, dass innerhalb von zwei Stunden gefressen worden sei. Am zweiten Einsatztag etwa eine Woche später seien keine Ameisen mehr im Tunnel gewesen. „Das hat uns bestärkt, bei dieser Methode zu bleiben und nicht zu sprühen, was alle Insekten betroffen hätte“, sagt Göggerle.
„Der Einsatz von Heisswassergeräten wie in Kehl ist schon wegen des Geländes nicht möglich“, erklärt Matthias Scheider, Leiter des Grünflächenamts Esslingen, und deutet auf das erhöhte und stark abschüssige Gelände unterhalb der Lärmschutzwand, „das wäre für die Mitarbeiter zu gefährlich“. Die Stadt Kehl kämpft schon seit mehreren Jahren mit einer Ameisenplage. Dort haben die Ameisen bereits für Stromausfälle gesorgt, da sie Sicherungskästen besiedelt haben.
Schädlingsbekämpferin in Esslingen: „Müssen lernen, mit ihnen zu leben“
Das sei auch die größte Gefahr, die von den Ameisen ausgehe: Dass sie über Jahre hinweg unbemerkt beispielsweise Wege untergraben oder sich in Verteilerkästen einnisten. „Eigentlich ist Tapinoma magnum nicht problematischer als heimische Ameisenarten“, erklärt Göggerle. Das Besondere sei jedoch, dass, statt einer Königin, in zahlreichen sogenannten Satellitennestern viele Königinnen leben. Die Masse an Tieren sei es, die es einzudämmen gelte. Göggerle habe bislang nicht beobachten können, dass heimische Ameisenarten verdrängt werden. „Die Tiere sind in Deutschland angekommen und sie gehen hier auch nicht mehr weg“, sagt die Schädlingsbekämpferin. Jetzt gelte es, mit ihnen leben zu lernen. Ein Resultat der Klimaerwärmung: Denn mit Temperaturen unter minus fünf Grad Celsius würden die Tiere nicht klarkommen, allerdings blieben kältere Frostperioden inzwischen in der Region aus, bei denen auch der Boden tief genug gefrieren würde, um auch die Nester zu erreichen.
Vermutlich noch keine Ameisennester auf der Esslinger Neckarinsel
„Ich habe noch die Hoffnung, dass eine Tilgung in Sirnau möglich ist“, sagt Göggerle, also eine vollständige Ausrottung der Tiere vor Ort. Auch, dass eine weitere Verbreitung verhindert werden könne, glaubt sie. „Die Ameisen mögen es gerne luftig und sandig“, erklärt sie. Auf der Neckarinsel habe man vermutlich wegen der Bewaldung bislang keine Nestaktivitäten feststellen können. In Richtung Berkheim sei es ebenfalls bewaldet, was eine Verbreitung dort unwahrscheinlich macht. Bei den Kleintierzüchtern am anderen Ende von Sirnau sei bislang ebenfalls kein Befall festzustellen.
Schlechtes Wetter macht Ameisenbekämpfung schwierig
Nur Regen macht den Schädlingsbekämpfern zu schaffen. Das Gel wird fortgespült. Deswegen versuchen sie es mit kleinen Plastikröhren, in denen sich das Gel befindet, die sie den Ameisen in Laufrichtung in den Weg legen. „Wir können auch nicht so genau überprüfen, wie gut die Bekämpfungsmaßnahmen funktionieren, da die Tiere bei Regen eher im Bau sind“, sagt Göggerle. Erst die Sonne wird zeigen, wie zahlreich die Ameisen wieder aus ihrem Bau krabbeln.
Tapinoma magnum erkennen
Identifizierung
Auf den ersten Blick sind die vornehmlich schwarzen, etwa zwei bis vier Millimeter langen Tiere unscheinbar. Auf der Internetseite der Naturkundemuseen gibt es einen Leitfaden, wie man die Tiere erkennen kann (www.naturkundemuseum-bw.de). Ein Merkmal ist beispielsweise die große Menge an Ameisen sowie der saure Geruch, wenn man sie zerdrückt.
Fund bestätigen lassen
Die Stadt Esslingen bittet die Bürgerinnen und Bürger, sich bei einem begründetem Verdachtsfall an das Naturkundemuseum zu wenden. Am besten sendet man dazu mehrere Fotos und den Standort per E-Mail an: tapinoma@smns-bw.de .