Der Tanzboden, um den sich die Zuschauer gruppieren, befindet sich im Schiff der Martinskirche. Foto: /Stefanie Schlecht

Von den Hoffnungen und Entbehrungen auf dem Jakobsweg erzählen das Vokalensemble Sindelfingen und das Tanztheater der SMTT eindrucksvoll in einer Gemeinschaftsproduktion.

„Leere Martinskirche“ wird die Veranstaltungsreihe „Raum Geben“ in der Martinskirche auch genannt. Sie macht alle drei Jahre mit darstellenden Künsten in verschiedenen Kombinationen den Raum der Martinskirche erfahrbar. Von Leere konnte am Samstagabend aber keine Rede sein: Mehr als 120 Besucher waren gekommen, um Joby Talbots Motetten-Zyklus „Path of Miracles“ von 2005 mit dem Sindelfinger Vokalkabinett, dem Ensemble Andas Modern Dance Art und mit Tänzerinnen der Schule für Musik, Tanz und Theater zu sehen.

 

Die Veranstaltungsreihe in der Martinskirche steht dieses Jahr unter dem Motto „Mut – zwischen Kühnheit und Courage.“ Und Mut braucht es auch, um sich auf den Jakobsweg nach Santiago de Compostela zu begeben – das Thema des Stücks.

Die Komposition beschreibt in vier Stationen die Reise über Roncesvalles, Burgos und Leon nach Santiago de Compostela und erzählt von den Hoffnungen und den Anfechtungen und Grenzerfahrungen der Pilger. Der schwarz gewandete Chor unter der Leitung von Bezirkskantor Daniel Tepper ist im Chorraum positioniert und mit Crotales und Klangschalen ausgerüstet, die in Beige gekleideten Tänzer befinden sich auf der Orgelempore. Im Kirchenschiff unter ihnen zieht sich ein Weg mit Tanzboden nach vorn, um den sich die Zuschauer gruppieren.

Texte aus ganz unterschiedlichen Kulturen

Talbots Werk verbindet englische, lateinische, spanische, baskische und französische und auch buddhistische Texte. Damit die Zuschauer die Stationen der Reise nachvollziehen können, hat Daniel Tepper Teile der Texte auf Deutsch übersetzt, Ingo Sika hat sie eingesprochen.

Die Entstehung des Jakobswegs im frühen 7. Jahrhundert steht im Zentrum des ersten Teils und ist Legenden und den antiken Wandertagebüchern „Codex Calixtinus“ oder „Liber Sancti Jacobi“ entnommen. Ingo Sika macht das Publikum mit dem Jakobs-Martyrium vertraut, der mit dem Schwert auf Befehl von Herodes enthauptet wurde.

Als der Chor die ersten meditativen Klangflächen und -schichtungen entwickelt, die gemeinsam mit deklamierten Rhythmen das Werk bilden, bewegen die Tänzer auf der Empore ausdrucksstark die Arme, um dann hinabzusteigen und sich im hinteren Teil des Kirchenschiffs zu versammeln. Sie vollführen weiter Armbewegungen voller Hingabe, trippeln auf der Stelle, bilden einen Haufen und werden dann sanft von weiteren, mit Lichtern ausgestatteten Tänzerinnen der SMTT weggezogen.

Die Tänzer auf der Empore bewegen ausdrucksstark die Arme Foto: Stefanie Schlecht

Die nächste Station Burgos erzählt von den Anfechtungen und Beschwernissen des Pilgerns. Das Publikum erfährt von Dieberei, Betrug, Verrat, zum Tode Verurteilten und hört vom Teufel, der sich als Heiliger ausgibt - doch ebenso von Heiligen, die sich unter die Pilger mischen. Hilfesuchend recken die Tänzerinnen die Hände zum Himmel, schützen mit den Händen die Ohren. Eine der Tänzerinnen trennt sich mit abgehackten Bewegungen, verkrümmten Fingern und hochgeschleuderten Beinen von der Gruppe und gibt die Reise auf. Doch die Pilger geben sich auch Halt, führen einander die Arme und stützen sich behutsam, während der Chor mit Santiago-Rufen Jakob beschwört.

Die persönliche Krise als Grund für die Pilgerreise

Ehe sich Monika Heber-Knobloch, die Tanzsparten-Leiterin der SMTT, Alicia Jehle und Olivia Musleh ans Choreografieren machten, die im Zuge eines Generationenwechsels mehr Verantwortung übernehmen, hat sich Monika Heber-Knobloch bei Bekannten umgehört, die bereits auf dem Jakobsweg waren. Die Gründe für die Reise waren immer dieselben: „Krisen“ und das Gefühl, „keinen Ausweg“ mehr zu sehen, sagt sie. Mit einer CD-Aufnahme von Daniel Tepper begann die Gruppe mit ihrem Werk. Wenn man erlebt, wie Tanz, Gesang und die Bewegungen des Chors ineinander greifen, ist es kaum zu glauben, dass der Chor und die Tänzerinnen das erste Mal vor wenigen Tagen gemeinsam in der Martinskirche probten.

Es braucht Mut, um sich auf den Jakobsweg nach Santiago de Compostela zu begeben – das ist das Thema des Stücks. Foto: Stefanie Schlecht

Hoffnung, Zuversicht und Erkenntnis kommen im dritten Teil an der Station Leon zum Ausdruck. Der Chor wechselt auf die Empore hinauf. Die Pilger dagegen erobern unten den Raum, vollführen Balancen und Sprünge und streben Richtung Treppe. Um die Erwartungen und Befürchtungen angesichts des Ziels und die fernere Zukunft dreht sich der vierten Teil.

In den Armbewegungen und kleinen Pas de deux spiegeln sich Sehnsucht, Erwartung, Hingabe, und Überwältigung. Als der Chor zu den Tänzerinnen stößt und langsam aus der Martinskirche zieht, um sich anschließend in einer langen Reihe mit den Tänzerinnen im Kirchenschiff beklatschen zu lassen, applaudieren die Zuschauer hingerissen.

Tickets und Termine

Vorstellungen
Weitere Aufführungen finden am 21., 22. und 23. März statt. Freitags beginnt sie um 20, am Samstag um 17 Uhr sowie um 19 Uhr und am Sonntag um 18 Uhr.

Tickets
Karten gibt es beim i-Punkt Sindelfingen und an der Abendkasse. Sie kosten 15 Euro, ermäßigt 10 Euro.