Tanzszene Baden-Württemberg Geistige und körperliche Verrenkungen

Von Ulla Hanselmann 

Energische Talkshow-Persiflage: Natascha Moschini (links) und Daniela Ruocco Foto: Martin Sigmund
Energische Talkshow-Persiflage: Natascha Moschini (links) und Daniela Ruocco Foto: Martin Sigmund

Alles andere als ein „well-made play“: Das Projekt „sechsunddreißigtausend“ der Tanzszene Baden-Württemberg unterhöhlt im Württembergischen Kunstverein die Codes der Kunstproduktion.

Stuttgart - Zwei junge Damen nutzen den Skulpturenhof des Württembergischen Kunstvereins als Exerzierplatz: Sie joggen flott, meist im Kreis, ab und an in der Diagonale, traben immer brav nebeneinander her. Hin und wieder schert eine aus der synchronen Bewegung aus, variiert einen Schritt, oder fällt wenige Zentimeter hinter der anderen zurück, doch kurz darauf ist die Kongruenz des sportiven Zwillingspärchens wieder hergestellt. Die Damen, Natascha Moschini und Pascale Utz, sind beide ausgebildete Tänzerinnen. Aber wo ist der Tanz? Wo ist die Kunst? Die weht frei Haus und womöglich unkalkuliert mit „Fidelio“-Klängen vom warmgelb erleuchteten Opernhaus gegenüber herüber.

„Runner’s high“ nennt die Künstlerin Natascha Moschini den ersten Teil ihrer dreiteiligen Performancereihe, die am Freitagabend die installative Performance „sechsunddreißigtausend“ eröffnet. Es handle sich um „eine offene Befragung zu den Themen Strukturerhalt, Relevanz und Kunst“, hatte die Dramaturgin Eva Böhmer das Projekt der Tanzszene Baden-Württemberg am Eröffnungsabend angekündigt; weitere Beteiligte sind die Tanzexpertin Bea Kießlinger, die zusammen mit Böhmer vor drei Jahren das Tanzfestival „Tanzlokal“ künstlerisch leitete, sowie die Künstler Susanne Kudielka und Kaspar Wimberley.

Das Geschehen lässt sich so als Kommentar auf den Kulturbetrieb lesen, der dessen Zwänge, Unfreiheiten, Vermarktungsgesetzen, Bürokratisierung und Rezeptionsgewohnheiten bloß legt. „sechsunddreißigtausend“ ist eben kein „well made play“,wie Böhmer vorab warnte, sondern eine angestrengte wie mitunter anstrengende Hinterfragung und Unterhöhlung der Regeln und Codes der Kunstproduktion.

Die Talkmasterin und ihr Gast hält es nicht auf ihren Sitzen

Stumm wandert das Publikum mit zum zweiten Teil, lässt sich im Querungstrakt des Kunstvereinsgebäudes auf Stühlen und Kissen am Boden nieder – und macht sich so ganz selbstverständlich zum Performance- Bestandteil (einen Ansatz, den Susanne Kudielka und Kaspar Wimberley am Samstag dann mit ihrer Performance „Von A nach B“ ins Extreme ausformulieren.) Bei Moschini folgt der Part „body in a not so good/good shape“: „Ein Tisch, ein Mikro, ein Glas Wasser – die Sprecherin Jurate Braginaite liest mehrere Seiten eines sinnfreien, absurden Gaga-Textes vor, der auktoriale Selbstbespiegelung und kreative Erschöpfung spiegelt.

Muss man das alles ernst nehmen? Das Publikum schaut, schweigt, applaudiert höflich. Erlösend-distanzierendes Gelächter erst im dritten, wiederum anschaulichen Performance-Teil: „Wir haben wieder nichts vorbereitet“, klagt die Schauspielerin Daniela Ruocco die Gäste an, um dann, herrlich komisch, mit Natascha Moschini, ihrem „Talkgast“ , auf einer Lederbank sitzend auf- und ab zu jumpen und damit die Hohlheit der Medienmaschinerie zu persiflieren. Die geistigen und körperlichen Verrenkungen, die nötig sind, um das Kunstgetriebe am Laufen zu halten, illustrieren die beiden schließlich gewitzt, unter Zuhilfenahme zweier auf den Kopf gestellten BMX-Räder: Stirn ans Pedal, und die Sache läuft.

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