Egal, wie heiß es ist: Die 19 Tänzerinnen und Tänzer von Ballet Revolución üben täglich sechs Stunden lang. Nun gehen die Kubaner mit ihrer Show auf Tour – und machen auch in Stuttgart halt.

Havanna - „I should’ve worshipped her sooner“ – „Ich hätte sie schon eher verehren sollen“, klingt die Stimme des irischen Folkrockmusikers Hozier zu den Bewegungen der Tänzer. Ihre Körper glänzen im Scheinwerferlicht, sie sind von einem Schweißfilm überzogen. Es hat fast 30 Grad Celsius in dem länglichen Proberaum, von dessen türkisblauer Wand die Farbe blättert. Die vier Ventilatoren an der Decke sind nicht eingeschaltet. Hier, in Kubas Hauptstadt Havanna, gehören hohe Temperaturen und hohe Luftfeuchtigkeit zum Alltag. Getanzt wird trotzdem.

Jeden Tag kommen die 19 Tänzer der Show „Ballet Revolución“ in diesem Raum zusammen, nur am Sonntag haben sie frei. Sie proben für ihre Tournee durch Deutschland, Österreich und die Schweiz. Vom 2. bis zum 7. Februar wird sie diese auch nach Stuttgart führen. Doch noch üben die Tänzer und Tänzerinnen. Täglich sechs Stunden lang: Auf das Krafttraining folgt der Ballettunterricht, anschließend wird weiter an der Choreografie gefeilt.

Das beste Training, sagt Leandro Miguel Tamayo Cruz, sei das Ballett. Der Schweiß klebt noch an seinen Oberarmen – die lange schwarze Jogginghose hat er zum Training anbehalten. „Ballett“, sagt Leandro nun, „ist die Grundlage des zeitgenössischen Tanzes. Die Basis, auf der alles andere aufbaut.“ Als einer der wenigen Nachzügler des Ballet-Revolución-Ensembles hat der 25-jährige Tänzer einiges aufzuholen – die meisten sind seit Jahren dabei. Leandro, der vorher für das kubanische Fernsehballett getanzt hat, gehört erst seit drei Wochen zu der Gruppe. Und fühlt sich doch schon als Teil dieser Familie. „Es ist ein sehr spezielles Ensemble“, sagt er.

Rumba, Salsa, Mambo und afrokubanische Tanztraditionen

Ein Ensemble, das einige der begabtesten Tänzer Kubas in sich vereint: Absolventen der renommierten Escuela Nacional de Arte mit dem Fachbereich zeitgenössischer Tanz und Absolventen der Escuela Nacional de Ballet, die im klassischen Tanz ausbildet. In „Ballet Revolución“ fächert der Choreograf Roclan González Chavez die beiden Stile auf, vermischt sie mit Streetdance, mit den lateinamerikanischen Tänzen Rumba, Salsa und Mambo und mit afrokubanischen Tanztraditionen. Viele der insgesamt 17 Choreografien sind geprägt von den kraftvollen, harten Bewegungen der Santería, eine der Hauptreligionen Kubas. Zugleich erzählt ­jeder Tanz seine eigene Geschichte. „Wir nehmen die Zuschauer mit auf eine emotionsgeladene Achterbahnfahrt“, sagt Produzent Mark Brady.

Eine, die allerdings keinen roten Faden nach sich zieht und die – vielleicht entgegen den Erwartungen, die ihr Name suggeriert – auch nicht das revolutionäre Erbe Kubas tänzerisch interpretiert. Allein der Streetdance, die Öffnung des Balletts zu anderen Tanzstilen, verkörpert in „Ballet Revolución“ den Umsturz, die Rebellion. „Die Show ist nicht politisch“, sagt Tänzerin Heidy Batista García. „Sie ist nur dazu da, um uns und dem Publikum Freude zu bereiten.“

Im Haus ihrer Eltern sitzt die zierliche 29-Jährige mit überschlagenen Beinen in einem hölzernen Schaukelstuhl. Hin und wieder nippt sie an dem Espresso, den ihr Stiefvater soeben zubereitet hat. In dem kleinen Wohnzimmer duftet es nach Kaffee. Heidy, die zum zweiten Mal mit Ballet Revolución auf Tour gehen wird, wohnt selbst nicht in Havanna: Sie studiert Tanz im Master in Australien, an der Universität Melbourne. Nach mehr als einem Jahr in der Ferne genießt sie ihren Aufenthalt in der Heimat. „Die Atmosphäre ist hier anders als in anderen Teilen der Welt“, sagt sie. „Trotz all der Probleme, die wir haben, versuchen wir Kubaner stets zu lächeln.“

Das Besondere der Show: Die Mischung der Tanzstile, die musikalische Vielfalt

Wie viele ihrer Kompagnons lernte Heidy zunächst an der Escuela Nacional de Ballet. Anschließend tanzte sie für die Kompanie Danza Contemporánea de Cuba, trat in Theatern wie dem Sadler’s Wells in London, dem Teatro Real in Madrid und dem Joyce Theater in New York auf.

Das Besondere an „Ballet Revolución“, sagt Heidy, sei neben der Mischung der Tanzstile auch die musikalische Vielfalt: Neben „Bang Bang“ von Jessie J oder Rihannas „Only Girl“ stehen auch Klassiker wie ­„Purple Rain“ von Prince auf der Playlist der Liveband, die das Ensemble auf seiner Europatour begleiten wird. „Die Musik gibt uns die Kraft weiterzumachen“, sagt Heidy, „der Beat hält einen in Bewegung.“

Ihre Lieblings-Choreografie „Concierto“, ein Stück über die Liebe und das Entlieben, tanzt sie zusammen mit Yasser Pajares Rojas – „wir haben einen sehr ähnlichen Tanzstil“, sagt sie. Yasser, der seine Ausbildung an der Escuela Nacional de Ballet absolviert hat, stand bereits für das kubanische Nationalballett als Solo-Tänzer für Produktionen wie „Don Quixote“, „Schwanensee“ oder „Carmen“ auf der Bühne.

Ins Ausland reisen zu dürfen, ist für die Tänzer ein Privileg

Bei solchen Talenten verwundert es nicht, dass Choreograf Roclan González Chavez die Arbeit mit den Tänzern und Tänzerinnen für einfach hält. Der energiegeladene 39-Jährige ist in Kuba so etwas wie ein Star – er hat schon für Marc Anthony, Ricky Martin und Enrique Iglesias Choreografien für ihre Musikvideos entworfen. Oft ist er darin auch selbst zu sehen – manchmal sogar ohne seine obligatorische Sonnenbrille.

Diese trägt González selbst abends im Restaurant. Und schwärmt fast pausenlos von Kuba – dieser „Insel voller Party und Fröhlichkeit“, die er für „gesegnet“ hält. Sein Essen rührt der athletische Choreograf derweil kaum an. Wenn seine Gruppe auf Tour geht, darf kein Gramm zu viel an ihren durchtrainierten Körpern sein. Das wissen die ambitionierten Tänzerinnen, die es ihm gleichtun an diesem Abend.

Für sie ist die bevorstehende Europatour ein Privileg. Ins Ausland reisen zu dürfen ist für die meisten Kubaner alles andere als eine Selbstverständlichkeit. In dem sozialistisch regierten Inselstaat gehen Rum, laue Nächte und Musik mit Armut und Knappheit einher. Eine Ausreisegenehmigung zu bekommen, sie sich tanzend verdienen zu können – das ist für die Mitglieder von Ballet Revolución so etwas wie der Realität gewordene Traum. Und auch wenn die zweimonatige Tournee im Bus anstrengend sein, es bei so viel Nähe hin und wieder sicherlich auch zu Auseinandersetzungen kommen wird – die jungen Tänzer freuen sich schon jetzt darauf.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: