In Daura Hernández Garcías Performance „Puta“ erobern acht Tänzerinnen den Marienplatz. Foto: /Dominique Brewing

Im öffentlichen Raum sind Frauen nicht nur Blicken, sondern auch Beleidigungen ausgesetzt. Damit beschäftigt sich das Tanzstück „Puta“ auf dem Marienplatz.

Acht Tänzerinnen zeigen in „Puta“, welchen Situationen Frauen im öffentlichen Raum ausgesetzt sind. Dabei dachte die aus Teneriffa stammende Choreografin Daura Hernández García, dass sie in Stuttgart sicherer sei.

 

Frau Hernández García, Ihr Stück heißt nach einem spanischen Schimpfwort, warum?

„Puta“ ist der letzte Teil einer 2018 begonnenen Trilogie. Die Stücktitel lauten übersetzt Hexe, Nonne, Hure. Ausgangspunkt war meine Faszination für Hexen als Wesen, die im Kontakt zur Natur leben. Daraus ergab sich die Frage, warum dieser Begriff im Spanischen ein Schimpfwort ist. Egal, was Frauen machen, sie werden in eine der drei eben erwähnten Kategorien einsortiert und beurteilt.

Haben Sie ein Beispiel?

Wenn ein Mädchen mit 14 Jahren noch keinen Freund hat, wird sie als Nonne bezeichnet. Hat sie einen, ist sie eine Schlampe. Das Wort Puta bekommen Frauen in Spanien oft auf der Straße zu hören verbunden mit Aufforderungen wie: Zieh dir was Ordentliches an! Schließ die Beine! In Deutschland gibt es eher das Phänomen des Catcalling, dabei dachte ich, ich sei hier sicherer.

Daura Hernández García Foto: Dominique Brewing

Trotzdem tanzen Sie „Puta“ mit sieben Kolleginnen im öffentlichen Raum . . .

Wir wollen die Straße zurückerobern. Auf dem Boden des Marienplatzes werden wir Grenzen markieren, um die Restriktionen sichtbar zu machen. Der Wechsel über eine Grenze ist heute eine Zumutung. Er sagt, dass Frauen mehr Platz einnehmen und überall sein wollen. „Puta“ ist eine poetische Reise in mehreren Kapiteln durch das Leben einer Frau, die zeigt, welche Bewertungen und Einschränkungen wir erleben.

Ermuntert „Puta“ andere zu Grenzüberschreitungen?

Als wir das Stück vergangenes Jahr gespielt haben, hat sich eine Frau mit Tränen in den Augen für den neuen Blick auf selbst Erlebtes bedankt. Viele Reaktionen zeigen mir, dass Frauen es als sehr solidarisch empfinden. Warum ertragen wir das alles? Ich versuche, in dieser Konfrontation mit dem öffentlichen Blick Fragen und Nachdenken auszulösen.

Sie tanzen auf dem Marienplatz in einem aktuell vom Fußball und damit männlich besetzten Umfeld. Ein Risiko?

Wir haben schon letztes Jahr auf dem Platz gespielt, und „Puta“ hat dort gut funktioniert. Jetzt ist dort die EM-Ausstellung, und wir hatten kurz Zweifel am von uns gewählten Termin. Dann haben wir uns bewusst für ihn entschieden, inmitten der EM und der Männerwelt des Fußballs ist dieses Stück ein Statement. Wir acht Tänzerinnen haben die Performances so geprobt, dass wir auch eine Art Security für uns selbst sind und auf unterschiedliche Situationen reagieren können. Wir bilden Realitäten ab und wollen nicht länger schweigen.

Info

Termin
„Puta“ ist am 21. und 22. Juni um 19.30 Uhr auf dem Marienplatz in Stuttgart zu erleben, der Eintritt ist frei. Vor den beiden Vorstellungen gibt es um 19 Uhr einen von der queeren Aktivistin Lilou moderierten „Runden Tisch“ zum Thema Gesellschaft, Sexualität und Gesundheit.

Künstlerin
Die kanarische Tänzerin, Produzentin und Schauspielerin Daura Hernández García lebt seit 2013 in Stuttgart. Sie wurde in Teneriffa geboren, in Madrid und London ausgebildet. An Produktionen der Staatstheater ist sie sowohl als Performerin („Ehen in Philippsburg“) als auch als choreografische Assistentin („Cabaret“) beteiligt. Jüngst erhielt sie den Tanja-Liedtke-Award, um in einem neuen Projekt die Abhängigkeiten innerhalb von Pflegenetzwerken untersuchen zu können.