„Der Tango handelt von allen Höhen und Tiefen einer Liebe“, sagt die Argentinierin Nélida Rodríguez de Aure – Szene aus „Milonga“ Foto: Tristram Kenton

Wie gelingt es einem Tango-Neuling, mit argentinischen Tangueros ein modernes Bühnenwerk zu schaffen? Sidi Larbi Cherkaoui hat sich für „Milonga“ eine Expertin an die Seite geholt: Nélida Rodríguez de Aure aus Buenos Aires.

Stuttgart - Das i steht kopf! Der belgische Choreograf Sidi Larbi Cherkaoui hat für „M¡longa“eine eigenwillige Schreibweise des Titels gewählt. Eigenwillig ist auch die Konstellation auf der Bühne: Ein zeitgenössisches Tanzpaar mischt diese Hommage an den argentinischen Tango auf. Die Produktion des Londoner Tanzhauses Sadler’s Wells ist an diesem Mittwoch und Donnerstag beim „Colours“-Festival im Theaterhaus zu sehen. Hiesige Ballettfreunde wissen: Zuletzt hat der Belgier mit marokkanischen Wurzeln für Reid Andersons Kompanie einen reichlich effektgeladenen „Feuervogel“ zum Ballettabend „Strawinsky heute“ beigesteuert.

Nun also „M¡Longa“: Nédila Rodríguez de Aure aus Buenos Aires wachte bei der Erarbeitung dieses 2013 uraufgeführten Stücks darüber, dass die Essenz des Tangos nicht aus den Augen gerät. Ausgebildet in klassischem wie spanischem Tanz und in jungen Jahren für den Film und das Kino entdeckt, kam die mit einer üppigen Haarpracht gesegnete Porteña – so heißen die Einwohner der Hafenstadt – über Nelson Avila zum Tango. Durch die 1983 in Paris und später am Broadway für Furore sorgende Show „Tango Argentino“ war das Paar am Revival des Tanzes und seiner Musik beteiligt. In Europa, seiner südamerikanischen Heimat und in den USA erlebte der Tango einen Boom, der noch nicht verebbt ist und Wellen bis nach Japan schlägt.

In Kontakt zu Sidi Larbi Cherkaoui kam Nélida Rodríguez de Aure über einen Produzenten am Rio de la Plata. „Von ihm kam die Idee, Tango mit zeitgenössischem Tanz zu verbinden“, erzählt sie. Viele Tango-Shows hat sie schon auf die Beine gestellt. Seit 2005 entscheidet sie als Jurorin mit, wer die Weltmeisterschaften im Tangotanzen gewinnt. Als Rodríguez gefragt wurde, ob sie sich eine Zusammenarbeit mit Cherkaoui vorstellen könnte, zögerte sie nicht lange. „Mich hat diese Herausforderung gereizt, da ich bisher nur mit Tangotänzern zusammengearbeitet hatte, nie mit zeitgenössischen Tänzern.“

Als Cherkaoui nach Argentinien kam, zeigte Rodríguez ihm viele Tangoshows und führte den Flamen mit der schöpferischen Neugier für andere Kulturen zu Cafés und Bars, in denen Tango getanzt wird – sogenannten Milongas. Diese Einblicke halfen ihm, Ideen für das Projekt zu entwickeln. „Bei seinem zweiten Besuch begann dann die Arbeit.“

Als geübte Jurorin half Rodríguez dem Tango-Neuling dabei, die Tänzer auszusuchen. Erstaunlich: „Larbi wählte exakt die gleichen Paare wie ich“, erzählt sie. In „M¡longa“ treten fünf Tangopaare auf. Ein sechstes ermöglicht ein Auswechseln.

„Sidi Larbi Cherkaoui hat den Geist von uns Tangotänzern perfekt eingefangen“, sagt Rodríguez. Dabei ging er ungewöhnlich vor. „Er lässt drei Personen miteinander tanzen, Frauen mit Frauen, Männer mit Männern, Rücken an Rücken.“ Mit solchen Verfremdungen, die laut Probenleiterin nie willkürlich, sondern absichtsvoll seien, erzählt Cherkaoui das Gleichnis einer Beziehung. „Der Tango handelt von allen Höhen und Tiefen einer Liebe, von ihren schönsten und schrecklichsten Momenten“, sagt die Argentinierin. Zugleich sei „M¡longa“ zur durch einige traditionelle Tangos ergänzten Auftragskomposition des Polen Szymon Brzóska – schon für „Sutra“ und „Dunas“ an Cherkaouis Seite – ein hochherziges Porträt der argentinischen Seele.

Beim Choreografieren konzentrierte sich Cherkaoui auf die zeitgenössischen Anteile und legte das Geschehen auf der Bühne fest. In die Tangoschritte griff er nicht ein, besprach aber mit Nélida Rodríguez, welche Bilder ihm vorschwebten. Die Ausarbeitung erfolgte gemeinsam mit choreografisch erfahrenen Tänzern. Mit ihrer Probenleiterin füllten sie die Ideen des Choreografen mit Leben, bis ihm die Lösung gefiel.

Und was kann das moderne Tanzpaar von den Tango-Kollegen lernen? „Mehr zu entspannen“, meint Rodríguez, „und den Oberkörper separat zum Unterkörper zu bewegen. Vor allem aber: für den Partner mitzudenken.“ Denn durch die körperliche Nähe im Tango bestimme jede eigene Regung den Tanz des anderen mit.

Info: „Milonga“ und mehr bei „Colours“

Nédila Rodríguez de Aure wachte bei der Erarbeitung von „Milonga“ darüber, dass die Essenz des Tangos nicht verloren geht. Wie das der Argentinierin gelungen ist, kann man nun bei „Colours“ überprüfen.

Für die Vorstellungen von „Milonga“ an diesem Donnerstag, 20 Uhr, gibt es noch Restkarten.

Da oft Kartenkontingente zurückkommen, lohnt sich für „Colours“-Wunschvorstellungen der Weg an die Theaterhaus-Kasse – etwa an diesem Mittwoch und Donnerstag, wenn die australische Kompanie Circa in „S“ den Körper an Grenzen bringt.

Bislang ein Geheimtipp: Wo die belgische Kompanie Charleroi Danse mit „Kiss & Cry“ auftritt, ist die Begeisterung groß. Bei „Colours“ ist die Symbiose aus Tanz, Theater und Kino am 10., 11. und 12. Juli zu Gast.

„Colours“-Kartentelefon: 07 11 / 4 02 07 20.

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