Szene aus „Kamoyut“ Foto: Regina Brocke

Beim Tanzfestival „Colours“ geht Gauthier Dance in „Kamuyot“ ran ans Publikum. Von Heavy Metal bis Pop-Opera, von Reggae bis Easy Listening: allein der Soundtrack ist Gute-Laune-Garant.

Ein Wunder, dass Gauthier Dance und dieses Stück nicht früher zusammengefunden haben. „Für Kinder von 6 bis 90 Jahren“ – so wirbt das Batsheva-Ensemble für „Kamuyot“. Der israelische Choreograf Ohad Naharin hat für die Nachwuchskompanie des Batsheva-Dance-Ensembles 2003 Material aus zwei älteren Stücken so upgecycelt, dass die Energie der jungen Darsteller sich ohne Reibungsverlust aufs Publikum überträgt.

Jung ist auch das Ensemble von Eric Gauthier, so jung, dass die karierten Röcke und Hosen, die Sharon Eyal für „Kamuyot“ entworfen hat, an den 14 Tänzern wirken wie Schuluniformen. Jung geblieben ist das Publikum von Gauthier Dance. An vier Seiten wird es in den nächsten Tagen in der Sporthalle des Theaterhauses seine Stars umringen, sich von ihnen bereitwillig an der Hand mitten hinein ins Tanzgeschehen führen lassen – und am Ende eine tolle Tanzstunde beklatschen, die ihm die Akteure so nah bringt wie nie.

Am Freitag wurde „Kamuyot“ im Theaterhaus zum ersten Mal umjubelt, und das wird so bleiben, wenn Gauthier Dance dieses Stück quasi als „Colours“-Vorgruppe vor den Gastproduktionen des Festivals zeigt. Denn Gauthiers junge Mannschaft füllt elektrisierend den Raum, macht ihn im Trab zur Zirkusarena, durch die seltsames Getier geistert, verwandelt ihn in einen Ballettsaal, in dem Posen in eleganter Linie gehalten werden, um dann in zeitgenössischem Fluss zu zergehen. Solo oder in der Gruppe: Jeder zeigt, dass Freiheit sich in der Individualität von Bewegung und nicht in ihrer Normierung spiegelt. Verbinden statt ausgrenzen will dieses Tanzstück, das aus einem Land kommt, in dem Grenzen, Checkpoints und Kontrollen Alltag sind.

Von Heavy Metal bis Pop-Opera, von Reggae bis Easy Listening: allein der Soundtrack ist Gute-Laune-Garant. Dass die Tänzer immer wieder zwischen dem Publikum in der ersten Reihe Platz nehmen und so die Dynamik von der Tanzfläche auf alle übertragen, gibt „Kamuyot“ enorme Frische. Balance, Dehnen, Pantomime: auch das Publikum sieht super aus, bis ein Sprung die Quereinsteiger ausbremst.

„Kamuyot“ hat das Zeug zum Gauthier-Dance-Kultstück. Wer sehen will, wohin Ohad Naharins Gaga-Technik führt, bei der die Tänzer in sich hinein- statt in den Spiegel blicken, sollte am 7. und 8. Juli „OCD-Love“ nicht verpassen, den „Colours“-Beitrag der einstigen Batsheva-Tänzerin Sharon Eyal.

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