Die Tänzer der GOC animieren zum Nachmachen Foto: imago sportfotodienst

Wozu eigentlich einen Tanzkurs machen? Nur für die Hochzeit? Wer seine Leidenschaft für Walzer sonst ausleben will, tut sich in Stuttgart schwer. Selbst im fünftägigen Mekka des Tanzsports, den German Open Championships, muss der taktvolle Bewegungsdrang unterdrückt werden.

Stuttgart - Es zuckt. Mit jedem Taktschlag zucken die Beine. Hier kann keiner ruhig sitzen oder stehen. Der Rhythmus steckt an. Die Tänzer animieren und bringen das Blut in Wallung. 25 000 Menschen lassen sich in diesen Tagen bei den German Open Championships (GOC) in der Liederhalle von diesen Impulsen bewegen.

Zuschauen macht Lust. Walzer- oder Rumba-Klänge animieren. Es sind fast Urinstinkte. Grundbedürfnisse für alle, die sich gerne auf Musik bewegen.

Das Schalke-Trauma

Für Traumtänzer gilt nämlich: Warum gehen, wenn du tanzen kannst. Nur hier in der Liederhalle ist alles anders. Hier kann nur der Turniertänzer seinen Bewegungstrieb ausleben. GOC-Zuschauer erleben das, was im Fußball unter dem Schalke-Trauma bekannt ist. Die Königsblauen und ihre Fans müssen seit 1958 mit diesem Schmerz samt Spott leben. In Bezug auf die Meisterschale heißt es: Nur anschauen, nicht anfassen. Auf die GOC übertragen: Nur zuschauen!

„Okay“, sagen Experten wie Weltmeister-Trainer Rüdiger Knaack aus Braunschweig, „das hier ist halt Hochleistungssport.“ Wer ins Fußball-Stadion geht, kann dort auch nicht kicken. Einspruch: Leidenschaftliche Fußballer, die Messi dribbeln sehen, bekommen selbst Lust. Und wehe, die wird nicht ausgelebt. Die Psychologie nennt so etwas Impulsunterdrückung. Wie gehen Tänzer mit so etwas um?

Eva Pickelmann (21), Amateur-Tänzerin und GOC-Zuschauerin, macht große Augen. Die Frage hat sie sich so noch nie gestellt. Musste sie bisher auch nicht. Die Stuttgarterin hat zuerst tanzen, dann laufen gelernt. Das Parkett ist Lebensraum. „Wer so viel trainiert, muss nicht auch noch in der Freizeit tanzen“, sagt sie.

Sonntags ins Nil zum Salsa-Tanzen

Und doch überkommt es sie manchmal. Dann zuckt es, wie bei den GOC-Zuschauern. Eva Pickelmann, die ambitionierte Tänzerin, begnügt sich dann mit einer Art Ersatzprogramm. Sie tanzt Salsa – sonntags im „Nil – Café am See“ oder donnerstags im „7grad“ auf der Theo. „Aber es stimmt schon“, sagt sie, „wenn man die klassischen Paartänze tanzen will, geht fast nix.“

Ein wenig beneidet sie daher die Tango-Argentino-Tänzer. Denn wer will, kann an jedem Abend in der Woche in Stuttgart auf einer anderen Milonga (so nennen sich die Tanzveranstaltungen) Tango tanzen. Zur Zeit ist es sogar unter freiem Himmel möglich. Jeden Donnerstag wird bei gutem Wetter vor der Staatsgalerie ab 20.30 Uhr getanzt. Und im September nehmen „Sport im Park“ und der Verein „Stuttgart Tanzt!“ die Stuttgarter auf eine Reise in die Welt des Tanzes.

Ketzerisch gesagt: Überall wird aufgetanzt, aber ausgerechnet im fünftägigen Mekka in der Liederhalle können alle nur zuschauen. „Das ist ein Mangel“, stellt Eva Pickelmann fest. Auch Rüdiger Knaack, der deutsche Formations-Guru, stimmt zu und sinniert: „Bei den Deutschen in Nürnberg gibt’s einen Ball. Vielleicht braucht man dazu die Tanzschulen als Kooperationspartner.“ Die GOC will im kommenden Jahr diesem Beispiel folgen, wie Turnier-Direktor Harry Körner sagt: „In der Alten Reithalle könnten wir so einen Ball veranstalten.“

Die goldenen Zeiten sind vorbei

Ein Angestellter der Tanzschule Sascha Wolf ist jedoch skeptisch. „Hier Profis, da Hobbytänzer“, sagt er und glaubt nicht, dass sich zwischen beiden Extremen eine Schnittmenge und damit eine Kooperation bilden lässt. Die Tanzschule Wolf in Bad Cannstatt hat übrigens den regelmäßigen Gesellschaftstanzabend abgeschafft. Zu wenig Resonanz.

Ganz anders in der Tanzschule Burger-Schäfer am Hauptbahnhof. Dort wird jeden Samstagabend geschwoft. Oder sonntags im „Schicki“ in Bad Cannstatt. Auch dort lebt jene Tradition weiter, die früher beispielsweise im Café Marquardt Ecke Bolz-/Königstraße gepflegt wurde: tanzen, reden, leben.

„Ja, das waren noch Zeiten“, schwärmt Ursula Schicki von der gleichnamigen Tanzschule, „aber das geht heute nicht mehr.“ Und zwar nicht, weil alle Stuttgarter Tanzmuffel seien. „Für so etwas braucht man eine große Tanzfläche und einen großen Raum. Das kostet heute zu viel Miete. Außerdem trinken die Leute kaum noch was.“

Was bleibt ist ein Geheimtipp: Wer etwa mit Könnern der GOC tanzen will, sollte am späten Freitag- oder Samstagabend in die Bar des Hotels Maritim pilgern. „Da bricht es mit allen durch“, sagt Eva Pickelmann, „hier tanzt jeder mit jedem, das ist fast ekstatisches Tanzen.“

Also doch: Selbst Profis kennen dieses Zucken.

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