"Was man körperlich erlebt, ist intensiver“, sagt Andreas Simon. Der Choreograf betreut Schulverweigerer. Bei einem Kongress im Rahmen des Festivals „Theater der Welt“ berichtet er in Mannheim von seiner Arbeit.
"Was man körperlich erlebt, ist intensiver“, sagt Andreas Simon. Der Choreograf betreut Schulverweigerer. Bei einem Kongress im Rahmen des Festivals „Theater der Welt“ berichtet er in Mannheim von seiner Arbeit.
Stuttgart - „Moves Like Jagger“ – tanzen wie Mick Jagger? Ist tanzen cool, wie es der Hit der Band Maroon 5 besingt, oder doch nichts für harte Jungs? Eine Frage, die sich jugendlichen Schulabbrechern in Krefeld unter Umständen ganz anders stellt. Als letzte Chance für einen Weg zurück in einen geregelten Alltag bietet ihnen dort das Jugendamt zwei Strohhalme: kochen im Bistro – oder eben tanzen.
Der Choreograf Andreas Simon betreut die Schulverweigerer und ist sich sicher, dass Tanz auch etwas für harte Jungs ist. „Ich würde erst mal sagen, dass man mit Tanz an jeden herankommt. Bei solchen Projekten geht es darum, die für den Tanz wichtigen Sekundärtugenden zu vermitteln wie Durchhaltevermögen und Disziplin“, sagt er.
Der ausgebildete Tänzer ist einer der Fachreferenten, die an diesem Wochenende in Mannheim beim Festival „Theater der Welt“ zusammenkommen. Ein kleines Festival im Festival gibt es da unter dem Titel „StepX“, das vorbildliche Tanzproduktionen für ein junges Publikum zeigt. Parallel dazu diskutieren Tänzer, Choreografen und Pädagogen darüber, welche Anforderungen Tanzproduktionen für und mit Kindern erfüllen müssen.
Fragen, die inzwischen Theaterpädagogen an vielen Häusern beschäftigen. Wie die meisten Kompanien engagiert sich zum Beispiel auch das Stuttgarter Ballett mit einem Angebot für ein junges Publikum, das vom Mitmachen bis zum Blick hinter die Kulissen reicht. Seit Royston Maldoom und 250 Kinder aus 25 Nationen in „Rhythm Is it!“ im Jahr 2004 über die Kinoleinwand tanzten, wissen viele, dass ein Tanzworkshop ein Leben verändern kann.
Dass sich über den Tanz soziale Fähigkeiten vermitteln lassen, dass Schüler durch Bewegung und im Zusammenspiel mit anderen lernen können, zu kooperieren, zu teilen, gemeinsam Probleme zu lösen, weiß auch Andreas Simon. „Was man körperlich erlebt, ist intensiver, wie wenn man es kognitiv erfasst.“ Und wer sich und seinen Körper respektiere, der werde auch andere leichter respektieren.
„In meinen Workshops für Schulverweigerer, in denen zum Beispiel ein autoaggressives Mädchen ist, geht es auch um das Selbstbewusstsein“, sagt Andreas Simon. „Mit Präsenzübungen will ich den jungen Menschen zeigen: Der Mensch an sich ist genug wert, da muss man nichts dazutun. Die meisten denken heute ja, dass man nur etwas wert ist, wenn man Leistung bringt. Doch davon muss man wegkommen.“ Eine Präsentation am Ende solcher Workshops ist deshalb gar nicht das Ziel.
Ist Tanz inzwischen so etwas wie die Kunst am Bau einer Gesellschaft, die viele ausgrenzt und dann die Symptome tanzend wegschminkt, statt Ursachen anzugehen? „Gesellschaft ist mir ein zu großer Begriff“, sagt Andreas Simon, der bereits dankbar ist für die Einsicht, dass Bildung helfen kann, viele Probleme zu beheben. „Ich bin froh, dass Tanz mit als Bildung aufgefasst wird.“ Aber die Vorstellung, dass sich die Disziplin des Tanzes ganz automatisch auf junge Menschen übertrage, hält er für naiv. „Das ist natürlich möglich, aber Tanz kann schwer das Elternhaus oder die Lebenseinstellung ändern.“ Tanz als Schulfach? Damit hat Andreas Simon im tanzfreundlichen Nordrhein-Westfalen nicht die besten Erfahrungen gemacht. „Vieles geht über den Lustfaktor!“ Notendruck ist da kontraproduktiv.
An vielen Theatern, hat Simon beobachtet, werde heute auf hohem Niveau mit Kindern gearbeitet. „Zeitgenössischer Ansatz“ nennt er die gängige Methode, bei der junge Menschen zu einem bestimmten Thema mit Choreografen eigene Ideen entwickeln dürfen und nicht vorgegebene Muster ausfüllen müssen. „Der Ansatz: Ich bringe euch etwas bei!, bringt keinen weiter“, sagt Andreas Simon. Sein Tipp an die Lehrer: Den Kindern vorher unbedingt erklären, was zeitgenössischer Tanz ist. „Die Schüler erwarten sonst Hip-Hop oder Videoclip-Dance und sind enttäuscht.“ Moves like Jagger? Ist die Lust am Tanzen erst mal geweckt, gibt es keine Grenzen.
Das Fachforum „Was ist Tanz für Kinder?“ tagt von diesem Donnerstag bis Samstag im Jugendtheater Schnawwl des Mannheimer Nationaltheaters. Begleitet wird es von internationalen Gastspielen: An diesem Donnerstag zeigt die französische Companie Par terre um 17 Uhr „Autarcie“, um 21 Uhr tanzen die Holländer Arch8/Erik Kaiel „No Man Is An Island“ und sind am Freitag um 11 und 16 Uhr nochmals mit „Murikamification“ auf der Bühne.
Ebenfalls am Freitag zu sehen ist die niederländische Kompanie de Stilte mit dem Stück „Goys and Birls“ (11 und 18.30 Uhr). Am Samstag zeigt das Ensemble von Sabine Seume um 11 Uhr „Die Goldbergs“.