Männer sind in der Minderheit. Aber Margot Suckow (links) weiß auch selbst, wie man führt. Foto: Andreas Reiner

Wo die einen Sofas kaufen, ist für andere jeder Schritt ein Walzer. Einmal im Monat wird ein Reutlinger Möbelhaus zum Tanzcafé. Die Fangemeinde verlangt neuen Hüft- und Kniegelenken alles ab.

Am Anfang haben sie sich geniert. Zwei Frauen, die miteinander tanzen, was würden bloß die Leute denken? Doch Elli fand nach dem Tod ihres Ehemanns keinen Tanzpartner mehr. Der Tanzsportclub hat ihr Kandidaten vermittelt, aber die Herren erwarteten mehr, und Elli wollte doch einfach nur tanzen. Also belegte die ehemalige Turniertänzerin im Seniorenalter erneut einen Tanzkurs, um sich den Männerpart anzueignen. Jetzt führt sie ihre Nachbarin Inge über die Tanzfläche, die hatte das gleiche Problem. Die Bedenken waren unbegründet. Im obersten Stock eines Reutlinger Möbelhauses lästert niemand über Frauentanzpaare. Es gibt einige davon, Kleingeist und Männermangel wird hier pragmatisch getrotzt. Was solle man auch machen, wenn so viele wegsterben, heißt es.

 

Jeden letzten Donnerstag im Monat ist im Restaurant des Einrichtungshauses Tanznachmittag. Von der Decke hängen Kunststoffpflanzen, hinter den Fenstern geht der Blick über Reutlingen, in der Tiefe schiebt sich Auto an Auto durch die Stadt. Auf den Etagen unter der Tanzfläche warten Sofas in Senfgelb, Schmortöpfe im Dauertiefpreis und Legionen von Boxspringbetten auf Käufer. Unterm Dach interessiert sich niemand für Möbel. Unterm Dach wollen alle nur abgehen. Der Altersschnitt entspricht in etwa dem des Zielpublikums von Arztromanen.

Die meisten Gäste sind Fans

„Herzlich willkommen“, singt Alleinunterhalter Gery Rapatz ins Mikrofon, so heißt auch das erste Lied, es ist immer dasselbe. In einer Nanosekunde ist die Tanzfläche voll. Nicht wie auf Jugendpartys, wo erst ausführlich die Lage abgecheckt werden muss. Mit Mitte 80 mag niemand mehr seine Zeit mit falscher Coolness verplempern.

Rapatz lebt in Neckartailfingen, ursprünglich stammt er aus dem österreichischen Kärnten. Als Berufsmusiker war er früher auf Schiffen und im Ausland unterwegs, inzwischen bespielt er mehrere regelmäßige Tanznachmittage in der Gegend. Die meisten Gäste sind Fans, sie besuchen jeden seiner Termine. In Reutlingen kommen die ersten schon eine Stunde vor Beginn und tragen Erdbeerkuchen und Fanta an die Tische. Alle wollen Rapatz persönlich begrüßen. „Guten Tag Margot“ und „Grüß dich Gott Toni“, sagt er und schüttelt Hände. Um 14.30 Uhr geht es los, drei Stunden später ist Schluss. „Viele haben Probleme mit den Augen und wollen nicht mehr Auto fahren, wenn es dunkel wird“, sagt Rapatz.

Es herrscht chronischer Männermangel

Irene Schmid ist mit ihrem Mann gekommen. Das Nürtinger Ehepaar ist für Tanzveranstaltungen schon durchs ganze Land gefahren, von Horb bis Bad Waldsee, sie können nicht genug kriegen. Aber Schmid kann auch gönnen. Neulich hat sie eine böse Erkältung erwischt. „Geh du trotzdem“, hat sie zu ihrem Mann gesagt, „die anderen Frauen freuen sich, wenn einer alleine kommt.“ Männermangel halt.

Erwin Schaal ist auch so eine Rarität. Mit seiner Frau und einer Gruppe aus dem Kreis Tübingen zählt er zu den Stammgästen. Seine Kumpels lachen immer, wenn er ihnen erzählt, dass er wieder beim Tanzen gewesen sei. Schaal liebt es. Früher hat der Endsiebziger auch Fußball und Tennis gespielt. Inzwischen hat er eine neue Hüfte und ein neues Knie, egal, tanzen geht. „Ich nehme eine Tablette vorher“, sagt er. Überhaupt sei Tanzen ja so gesund. Es fordere Kopf und Füße.

Die Nachmittage sind ein Jungbrunnen, selbst wenn sich der Körper beim Twisten nicht mehr ganz so spektakulär nach unten eindrehen mag. Wie Gymnastik wirke die Bewegung, schwärmen sie hier, ganz wichtig im Alter! Vielen bieten die Tanznachmittage auch ein soziales Netz. Manche sehen sonst nicht viel mehr als ihre eigenen vier Wände. Gesa Neumann ist seit zehn Jahren dabei. Sie kommt alleine, sie ist ja auch alleinstehend. Aber hier kennt sie jeden. Wieso ausgerechnet Tanzen? „Bei einem Museumsbesuch wäre ich ja auch wieder allein. Man braucht die Gesellschaft“, sagt die 80-Jährige.

Trompetenkklang verträgt sich nicht mit Hörgeräten

Gery spielt Walzer, Tango, Cha-Cha-Cha, Polkas, Stücke von den Zillertaler Schürzenjägern, den Flippers, Andrea Berg. Er bedient Keyboard, Akkordeon und Steirische Harmonika. Nur das mit der Trompete lässt er auf Veranstaltungen diese Art lieber sein. Ihr Klang verträgt sich nicht so gut mit Hörgeräten.

Anna Nistor mag Musik von den Amigos und Maite Kelly. In Reutlingen lebt die 70-Jährige noch nicht so lange. Als sie in Rente ging, ist sie wegen ihres Sohnes in die Stadt gezogen. „Zu Hause ist mir langweilig“, sagt sie. Ursprünglich stammt sie aus Rumänien, das trifft hier auf einige zu. Mit ihnen schnackt sie auf Rumänisch. Auch in einem Möbelhausrestaurant können Heimatgefühle geweckt werden.

Die Bügelfalten sitzen wie eingemeißelt

Anna Nistor trägt ein Armband mit bunten Steinen, Bluse, cremefarbene Hose, in einem Kitzbüheler Wellnessresort sähe sie auch nicht deplatziert aus. Man macht sich schick zum Tanznachmittag. Lackschuhe glänzen, Blumen blühen auf Caprihosen, Lidschatten schimmert hellgrün, Bügelfalten sitzen wie eingemeißelt – alles soll schön sein. Hier verliest niemand Kriegsschlagzeilen oder referiert, wer wann was mit alten Heizungen machen muss. Hier glüht nur die rote Sonne von Barbados.

Sonja Schneider und Reiner Bross lassen es ruhig angehen. Erst noch ein Pils. Bross hat zurzeit Probleme mit dem Fuß und braucht ein wenig Vorlauf. Aber wer will es ihm verdenken, im Alter von 60 Jahren habe er noch einen Kurs belegt und Tanzen gelernt, lobt seine Frau. Zur Hochzeit des jüngsten Kindes kam er nach jahrelanger Renitenz nicht mehr drum herum. Das Ehepaar fährt auch gerne Rad, ohne Elektromotorenunterstützung natürlich, man will ja nicht einrosten. Sonja Schneider mag Action. „Ich bin so dankbar, dass ich in einer Zeit alt geworden bin, in der man so viele Möglichkeiten hat“, sagt sie. Den Sommer über ist allerdings meist Schluss mit Discofox. Da müsse man „ums Haus rum schaffa“ und während der Schulferien die sechs Enkel bespaßen.

Nüchtern macht es am meisten Spaß

Die anderen schwofen im Takt, eins, zwei, Wiegeschritt. Margot Suckow zwirbelt ihre Tanzpartnerin von einer Pirouette in die nächste. Die 91-Jährige ist eine Ikone in der Reutlinger Tanznachmittagsszene. Geschafft hat sie das mit wohlgewählten Outfits. Wenn Alleinunterhalter Rapatz den Schlager „Frau Meier hat gelbe Unterhosen an“ anstimmt, präsentiert auch Suckow einen gelben Schlüpfer. Vor allem bei der Faschingsausgabe geht es wild zu. „Mir platzt manchmal das Augenlid, wenn ich sehe, was die für Tanzfiguren machen“, sagt Rapatz. Likörchen braucht es dafür kaum. Die meisten feiern nüchtern, Alkohol und Medikamente sind keine Freunde.

Nach einigen Tanzrunden fließen die ersten Schweißperlen. Doch derangiert sitzt hier niemand herum. Hier regiert der gute Stil. Damen packen Fächer mit Spitzenborten aus und wahren Gesicht. „Angelina, die Nacht mit dir war wunderschön“, singt Rapatz und „Ich geh für dich durchs Feuer“, er huldigt Marina und der Fischerin vom Bodensee.

Mancher findet die große Liebe

Es gibt auch die legendären Erfolgsgeschichten. Vier Frauen und vier Witwer seien bei so einem Tanznachmittag einst aufeinandergetroffen, erzählt man sich. Drei Paare seien daraus entstanden, drei! Erika Reder ist eine der Glücklichen, seit neun Jahren sind sie und ihr Tanzpartner nun zusammen. Die Sache sei aber ein wenig delikat gewesen, raunt sie. Denn zusammen kamen sie bereits drei Monate, nachdem die Ehefrau ihres heutigen Freundes gestorben war. Seine Kinder waren nicht so happy damit, dass ihr Vater die Sache mit dem Trauerjahr eher flexibel anging.

Monika aus Münsingen hätte auch nichts gegen ein neues Herzblatt. Gelegenheiten gab es. Aber ach, auch entscheidendes Fehlverhalten: „Einen Mann, der beim ersten gemeinsamen Ausgehen nicht zahlt, kann man vergessen!“ Ein anderer hat auf einer gemeinsamen Busreise mit ganz unterirdischen Manieren überrascht, ein dritter hatte ein sehr viel spezielleres Anforderungsprofil, als noch per Zeitungsannonce anmoderiert, es ist schwierig.

Die beste Medizin gegen Demenz

Monika ist seit fünf Jahren verwitwet, zuvor war sie fast ein halbes Jahrhundert verheiratet. Beim Tanznachmittag ist sie zum ersten Mal. Vorgenommen hat sie es sich schon lange. Aber erst kam Corona, dann hat sie sich den Arm gebrochen, dann hatte die Freundin keine Zeit, um mitzukommen, dann gab es einen Darmspiegelungstermin . . . Heute hat sie sich endlich getraut. Mal sehen, was der Nachmittag bringt.

Musiker Rapatz reicht das Mikro weiter, Wilfried Beck übernimmt. Beck ist mit seiner Frau Karola gekommen. Sie hat Demenz. Die Krankheit schreitet fort und fort. Wenn die beiden nichts unternähmen, nicht ausgingen, sich nicht fit hielten, werde es noch schlimmer, sagt er. Beck singt „California Blue“ von Roy Black mit amtlichem Schmelz in der Stimme. „Nur einmal noch San Francisco seh’n, und irgendwann wird’ ich nie mehr geh’n,“ schmachtet er. Seine Frau sitzt in einer lila Seidenbluse auf einer Bank gegenüber. Sie strahlt übers ganze Gesicht.