Eindrücke aus dem erstem „TANGOttesdienst“. Bei der zweiten Auflage ist eine Tangolehrerin aus dem Süden dabei. Foto: www.thomas-rathay.de

Liane Schieferstein, die im Süden Tango lehrt, wagt sich auf glattes Parkett: Sie tanzt aus der Reihe. Zusammen mit Pfarrer Til Bauer macht sie den Tango in der Bad Cannstatter Steig-Kirche salonfähig.

Stuttgart -

Wozu braucht Gott den Tango? Und wozu der Tango Gott? Es muss nichts zusammenpassen, was eigentlich nicht zusammengehört. Til Bauer, Pfarrer der Bad Cannstatter Steigkirche, versucht es dennoch. Schon zum zweiten Mal. Er nennt es, verdeutlicht mit Großbuchstaben, „TANGOttesdienst“ – eine Symbiose zwischen dem argentinischen Paartanz und einer spirituellen Reise. Auch vor der zweiten Auflage an diesem Sonntag, 19 Uhr, sagt er: „Lasst uns den Tanz des Lebens üben.“ Ein Satz, der zum Motto des Gottesdienstes passt: „Ich und Du.“ Es geht um Verbindungen. Um den Dialog. Um Beziehungen. Ich und Du. Gott und der tanzende Mensch. Pfarrer Bauer und Liane Schieferstein, die in ihrer Schule Lalotango an der Böblinger Straße den Tango lehrt.

Zwei Menschen unterschiedlicher Herkunft wollen ein verbindendes Drittes, etwas Neues erschaffen. Eine neue Sicht auf sich selbst und schließlich auf Gott. Beide wissen: Wer zu Neuem aufbrechen will, benötigt die Grenzerfahrung. Vielleicht sogar so einen grenzwertigen Akt, wie den mit Erotik-Klischees besetzten Tango in einen geweihten Raum zu hieven. Um dies überhaupt zuzulassen, braucht man laut Liane Schieferstein ein grenzüberschreitendes Denken. „Zwei sind mehr als die Summe der einzelnen Teile“, sagt sie und glaubt „dass durch so eine Erweiterung, etwas Größeres entsteht.“

Vor dem Gottesdienst gibt es eine Schnupperstunde Tango

Der Tango diene letztlich als Hilfsmittel, um eine neue Erfahrung zu machen. Womöglich eine spirituelle Dimension. So komme vielleicht der Himmel auf die Erde, das Gottesbewusstsein zum Menschen. Aber wie bei so vielen Dingen, gilt auch hier: Es gibt nix Gutes, außer man tut es. Erfahrung benötigt Praxis.

Daher wollen Til Bauer und Liane Schieferstein nicht nur von Gott und dem Tango erzählen, sie laden zur hautnahen Erfahrung ein. „Wir wollen in unserer Dialogpredigt nicht nur den Verstand ansprechen“, sagt Schieferstein, „wir wollen im Gottesdienst auch eine kleine Tango-Sequenz anbieten, in der es um das Thema Führen und Folgen geht.“ Zudem bietet die Tangolehrerin vor dem Gottesdienst (18 Uhr) eine kostenlose Schnupperstunde mit Grundlagen des Tango Argentino an.

Der Tango dient hier als Metapher für den Tanz des Lebens. Im Führen liegt die Verantwortlichkeit des Menschen. Im Folgen seine Bereitschaft, sich Impulsen oder Inspirationen zu öffnen. „Wer immer nur das eine macht, entweder nur führt oder nur folgt, hat kein inneres Gleichgewicht“, sagt Liane Schieferstein, „der Tango lehrt das Gleichgewicht auf beiden Seiten.“

Das Paar tanzt ein verzweifeltes Lied

Was das bedeuten kann, demonstriert Liane Schieferstein am Sonntag mit ihrem Tanzpartner Benedict Krappmann in der Steigkirche. Sie tanzt Worte ohne Musik. Sie interpretiert mit ihrem Partner die rezitierten Zeilen des Liedes „Una cancion desesperada“ – Ein verzweifeltes Lied. Aus Worten wird Bewegung. Und aus Bewegung werden Worte. Til Bauer nimmt sie in seine Predigt auf und erweitert diese Gedanken. Unter anderem auch durch den Psalm 13. „Dabei nehme ich das Verhältnis zwischen Ich und Du wieder auf, den Aspekt des Führens und Folgens“, sagt Bauer und lehnt sich an den Religionsphilosophen Martin Buber sowie dessen Schrift „Ich und Du“ an. Grob ausgedrückt: Der Mensch findet seine Identität zunächst in der Begegnung mit einem menschlichen Gegenüber. In der Ich-Du-Beziehung.

„Für mich entstehen hier zwei Linien“, sagt Bauer, „die Horizontale ist der Mensch, die vertikale das ewige Du. Und dort, wo sich beide Linien treffen, entsteht das Kreuz.“ Buber drückt es so aus: „Die verlängerten Linien der Beziehungen schneiden sich im ewigen Du.“ Am Sonntag bildet der Tango die Schnittstelle zwischen den Linien – zwischen Mensch und Gott.

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