Hier an der Hackstraße beim Stöckach kann heute noch getankt werden. In der Bildergalerie findet sich ein kleiner Stuttgarter Tankstellen-Wegweiser für 1942. Foto: Stadtarchiv Stuttgart

Wer im Sommer 1942 tanken will, braucht einen Berechtigungsschein. Den haben nur wenige. Immerhin: Tankstellen gibt es in der Stadt damals mehr als genug.

Stuttgart - Nie hat es mehr Tankstellen und einzelne Zapfstellen auf deutschem Boden gegeben als Ende der 1930er Jahre – geschätzt zwischen 50 000 und 70 000. Viele der Tankmöglichkeiten existieren auch 1942 noch, etliche sind auf den Fotos unseres Projekts „Stuttgart 1942“ zu sehen. Sie haben freilich wenig mit den kleinen Supermärkten dieser Tage zu tun, an denen man auch zufällig Sprit bekommt. Eine Tankstelle ist damals ein meist kleiner Platz am Straßenrand gewesen. Man bog ab, tankte – und weiter ging die Fahrt.

 

Die nächste Tankstelle nach wenigen Metern

Auch bei der heutigen Schwabengarage am Neckartor konnte man damals schon tanken, ebenso wenige Meter weiter beim Stöckach. Kleinere Tankstellen wie etwa jene bei der Stadtbahnhaltestelle Uff-Kirchhof haben sich bis Anfang der 1970er Jahre gehalten.

Jeder fünfzehnte Einwohner Stuttgarts hat 1938 ein eigenes Kraftfahrzeug besessen. Einen höheren Pro-Kopf-Wert erreichte keine andere Stadt in Deutschland. Vermutlich sieht man auch deshalb auf den Bildern aus 1942 so viele Tankstellen.

Dietmar Bleidick betreut das Unternehmensarchiv von Aral. Darin hat er einen Stuttgarter Stadtplan für Autofahrer aus dem Jahr 1938 entdeckt, der außer vielen Parkmöglichkeiten auch 55 BV-„Zapfstellen“ aufzeigt. BV steht für Benzol-Verband, der Unternehmensvorläufer der 1951 gegründeten Aral und war laut Bleidick neben Esso und Shell einer der drei Marktführer, die in Städten wie Stuttgart damals je rund zwanzig Prozent des Tank- oder Zapfstellennetzes unterhielten.

Die Benzinversorgung wird reglementiert

Schon bald nach der Machtübernahme regulierten die Nazis das Geschäft mit dem Sprit. 1942 hatten die Tankstellen zwar noch ihre Markennamen, doch alles rund um den Verkauf bestimmte die politische Führung. Mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurden alle Erzeuger und Verteiler von Kraftstoffen auf staatliche Direktive in Arbeitsgemeinschaften zusammengefasst, der Vertrieb auf eigene Rechnung verboten und dem Zentralbüro für Mineralöl als übergeordnete Instanz übertragen. Als reine Vertriebsgesellschaft ohne Produktions- und Weiterverarbeitungsanlagen stellte die BV ihre traditionelle Geschäftstätigkeit während des Krieges quasi ein. Der Aral-Vorläufer ist jedoch in die kriegswirtschaftliche Versorgungsstruktur eingebunden gewesen: Statt an die Tankstellen wurde der Sprit an die Front geliefert.

Fahrzeuge für den Krieg

Mit der individuellen Mobilität ging es im Krieg rasant bergab. Zwischen September und November 1939 verschwanden rund 13 000 Autos und fast alle 8000 Krafträder von Stuttgarts Straßen. Alles, was auch nur halbwegs kriegstauglich war, wurde zur Front gebracht. Auch deshalb sieht man auf den Bildern aus 1942 zwar viele Tankstellen, aber nur wenige Autos.

Benzin war Mangelware: Wer tanken wollte, brauchte einen Tankausweis. Den bekam nur, wer ein öffentliches Interesse an seinen Fahrten nachweisen konnte – heute würde man von Systemrelevanz sprechen. Später kam ein sogenannter roter Winkel dazu, der vom Wirtschaftsamt auf das Kennzeichen gestempelt wurde. Ab 1942 gab es flüssige Kraftstoffe nur noch fürs Militär. Die wenigen Privatfahrzeuge wurden auf Gasbetrieb umgestellt.

Benzin und Benzol

Diesel wurde damals selten getankt. Die BV hatte drei Sorten Kraftstoffe im Angebot: BV-Aral, eine Mischung aus 40 Prozent Benzol und 60 Prozent Benzin, reines Benzin mit dem Namen Bevaulin und Motorenbenzol. Die Preise lagen Mitte der 1930er Jahre bei rund 35 Pfennig pro Liter, wobei Benzin etwas günstiger war als Benzolgemische. Seit Oktober 1939 betrug der Literpreis einheitlich 40 Pfennig. Benzol war zunächst ein Nebenprodukt bei der Kohleverarbeitung, das Ende des 19. Jahrhunderts noch an die Farbenproduktion ging. Mit der Motorisierung wurden andere Qualitäten dieses Stoffs interessant, etwa die gegenüber Benzin höhere Klopffestigkeit – der Stoff entzündet sich im Motor seltener selbst. Bis heute kennen Autofahrer den süßlichen Geruch des Benzols. Wegen der krebserregenden Wirkung dürfen Kraftstoffe seit 1998 aber nur noch ein Prozent Benzol enthalten.

Ausstellung in Gablenberg

Wer auf den Geschmack gekommen ist: am 6. September öffnet nach dem Stand der Dinge im Museo in Stuttgart-Gablenberg eine Ausstellung zum Thema „Tankstellen“. Privatsammler haben viele Ausstellungsgegenstände beigetragen, die weit über den Zeitraum des Nationalsozialismus hinausgehen. So werden beispielsweise auch Filme und Interviews aus den 1970er Jahren zu sehen sein, also die Zeit von Benzinpreisschock und autofreien Sonntagen.