„Ich könnte mir kaum einen schöneren Job vorstellen“, sagt die Chefin der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit, Tanja Gönner. Foto: dpa

Sie galt als Hoffnungsträgerin der CDU in Baden-Württemberg – dann wechselte sie auf den Chefsessel der deutschen Gesellschaft für Zusammenarbeit: In diesem Amt will Tanja Gönner nicht nur Fluchtursachen bekämpfen.

Stuttgart - Die Kindersterblichkeit halbiert, stark wachsende Volkswirtschaften – der afrikanische Kontinent ist besser als sein Ruf. Doch manch ein Erfolg wird aufgezehrt, sagt Tanja Gönner – und auch in China gibt es viel zu tun.

Frau Gönner, die deutsche Politik beschäftigt sich seit Monaten vorrangig mit dem Flüchtlingsthema. Halten Sie das für gerechtfertigt?

Es ist ein Thema, dass sich auf der Ebene der Lokal-, der Landes- und Bundespolitik niederschlägt – das ist verständlich. Aus unserem Blickwinkel kann ich sagen, dass die Entwicklungszusammenarbeit selten solch eine Aufmerksamkeit erreicht hat wie in dieser Flüchtlingszeit. Für uns als Unternehmen, das hauptsächlich für die Bundesregierung arbeitet, ist ein Hinweis wichtig: Unsere Tätigkeit bedeutet mehr, als Fluchtursachen zu bekämpfen. Die Entwicklungszusammenarbeit ist langfristig angelegt, sie zielt darauf ab, Strukturen in Ländern, mit denen wir zusammenarbeiten, gemeinsam zu ändern. Da kann es um den gesetzlichen Rahmen für Investitionen gehen, einen Plan für eine Elektrifizierung oder Marktzugänge für Kleinbauern, erst auf lokaler und dann auf regionaler Ebene. Da geht es erst mal gar nicht um Exporte, sondern das Schaffen von Märkten. Ich glaube, dass Menschen, die eine Perspektive für sich sehen, sich dafür entscheiden, zu Hause bleiben zu wollen. Aber wir brauchen Zeit, kurzfristige Maßnahmen führen nicht weit.

Wir helfen in Afrika beispielsweise schon lange. Wo sehen Sie denn Erfolge?

Wir reden immer über Afrika, als wäre das ein zusammenhängendes Gebilde. Aber es ist so wie Europa auch ein Kontinent mit unterschiedlichsten Nationalstaaten und deren eigenen Interessen. Trotzdem können wir auf die Zahlen schauen von Afrika, etwa die von den Millennium-Goals der UN und den Zahlen der Weltbank, und da sehen wir deutliche Veränderungen: die Halbierung der Kindersterblichkeit, sechs der zehn am stärksten wachsenden Volkswirtschaften sind in Afrika – Ghana, Äthiopien, Elfenbeinküste, Dschibuti, Senegal und Tansania. Auch haben wir eine wachsende Mittelschicht. Sie hat sich von 1990 bis 2013 mehr als verdoppelt auf 247 Millionen Menschen. All das zeigt, dass sich etwas bewegt. Mancher Erfolg wird aufgezehrt durch das hohe Bevölkerungswachstum. Wir haben mehr als 500 Millionen Afrikaner unter 25 Jahren. Das bedeutet eine große Herausforderung.

Ein Blick auf Mali, dort arbeitet die GIZ Seite an Seite mit der Bundeswehr. Riskieren Sie da nicht, Ihre Neutralität zu verlieren?

Wenn Sie in den Koalitionsvertrag auf Bundesebene schauen, ist da ein wesentlicher Punkt der vernetzte Ansatz von Außen- und Sicherheits- und Entwicklungspolitik. Es gibt keine Entwicklung ohne Sicherheit und keine Sicherheit ohne Entwicklung. Da gibt es Wechselwirkungen. Grundsätzlich wollen wir mit unserer Arbeit vor Ort die Menschen befähigen, ihr Potenzial besser zu nutzen. Wir wollen bei ihnen aber auch Vertrauen schaffen in staatliche Institutionen, wobei in einige Staaten, in denen wir arbeiten, die Menschen dieses Vertrauen erst gewinnen müssen, da sie schlechte Erfahrungen mit staatlichen Institutionen gemacht haben. Die Bundeswehr ist für Deutschland im internationalen Einsatz, wir sind ein Bundesunternehmen in der internationalen Zusammenarbeit, da ist es doch nachvollziehbar, dass nach einer guten Vernetzung gefragt wird. Unsere Zusammenarbeit mit der Bundeswehr in Mali ist nicht sehr intensiv. Wir ergänzen uns und respektieren unsere unterschiedlichen Aufgaben bei der Stabilisierung und Friedenssicherung Malis. Wir sind dankbar für die Informationen in Sicherheitsfragen, aber von uns fließen keine Informationen zurück. Bei jeder unserer Arbeiten in Sicherheitsbereichen prüfen wir vorab: hat sie Auswirkungen auf unsere Sicherheit, auf unsere Glaubwürdigkeit oder den Erfolg unserer Projekte? Gelegentlich kann es sein, dass die Bundeswehr im Rahmen ihres Einsatzes eine Gemeinde unterstützen möchte, zum Beispiel mit Reparaturarbeiten im örtlichen Krankenhaus. Anstatt dass die Soldaten das dann ausführen, kommt dann manchmal an uns die Anfrage, ob wir so etwas mit lokalen Bauunternehmen umsetzen können. Wir prüfen und beziehen die Bevölkerung beim Entscheidungsprozess ein, ob so etwas umgesetzt wird oder nicht.

Früher hieß es Krisenkontinent, jetzt spricht Entwicklungsminister Gerd Müller vom Chancenkontinent – trifft das zu?

Es gibt eine Vielzahl von Chancen auf dem Kontinent. Auf die müssen wir setzen. Wir haben dort einen hohen Anteil junger Bevölkerung. Wir erleben in Afrika das Überspringen von Technologien, die Digitalisierung wird dort ganz anders gesehen als in Europa. Und wir haben an sich auch die notwendige Fläche, um die Bevölkerung zu ernähren – das ist keine Frage. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass es nach oben gehen kann.

Die GIZ macht Flüchtlingsarbeit in Krisenregionen – wie wirkt sich die aus?

Wir sind seit 2014 im Krisenbogen rund um Syrien, stark im Nordirak und in Jordanien, auch in Teilen der Türkei. Man muss sehen, dass viele Flüchtlinge in der Nähe ihrer Heimat bleiben wollen, aber die Aufnahmekapazität der Länder nicht stark ist. Der Irak war selbst Ziel des sogenannten IS. Wir unterstützen beim Übergang von der Soforthilfe zu strukturbildender Hilfe, damit die Menschen eine Perspektive erhalten. Da geht es um Wasserzugang, Bildung sowie berufliche Qualifikation. Wir wollen die Menschen stark machen für eine Rückkehr in die Heimat. So implementierten wir im Auftrag des Bundes allein 2017 gemeinsam mit der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) ein Cash-for-Work-Programm mit 85 000 Teilnehmern, es sind kurzfristige Beschäftigungsmaßnahmen.

Was genau machen Sie da?

Das reicht vom Bau von Abwasserkanälen, über die Reparatur von Schulen bis zur Stadtreinigung. Die Arbeit bringt den Familien ein kleines Einkommen und ist wichtig für das Selbstwertgefühl. Staaten wie das wasserarme Jordanien sind nicht privilegiert, da versuchen wir, dass die Orte mit den Flüchtlingslagern auch einen Mehrwert erhalten. Ein Beispiel sind das Lager Sataari und die Stadt Mafrak, da haben wir mit Flüchtlingen eine Abfallsammlung gestartet samt Recyclingsystem.

Das Interesse deutscher Investoren an Afrika ist noch verhalten. Woran liegt das?

Deutschland ist ein Exportland und ein Land der Hochtechnologie, natürlich fragen sich unsere Unternehmen vor einer Investition, wo ihre Absatzmärkte liegen. Ein Land wie China stellt andere Produkte für einen Massenmarkt her als wir. Unser Maschinenbau ist beispielsweise besonders stark bei den Sondermaschinen, die in Afrika derzeit wohl weniger nachgefragt werden. Aber wir arbeiten beispielsweise gut zusammen mit der Lebensmittelindustrie, mit der nachhaltige Wertschöpfungsketten in Afrika aufgebaut werden, und wir sehen große Möglichkeiten bei den erneuerbaren Energien. Auch das Thema Off-Grids ist wichtig, also die autonome Stromversorgung über kleine Einheiten. Die Gesundheitsbranche zeigt ebenfalls großes Interesse an Afrika.

Klima und Energie sind starke Arbeitsfelder der GIZ: Kann es gelingen, dass Afrika auf fossile Brennstoffe verzichtet, ein sauberer Kontinent bleibt und ganz auf Erneuerbare Energien setzt?

Wir beraten seit Jahren die Regierungen dahingehend, dass erneuerbare Energien die bessere Alternative sind – insbesondere bei der ländlichen Stromversorgung. Im nach hinein war das deutsche Erneuerbare-Energie-Einspeisegesetz übrigens erfolgreich, denn es hat zur Entwicklung eines Massenmarkts für preisgünstige Energieerzeugung mit erneuerbaren Technologien gesorgt. Die Kosten für Solarpaneele sind extrem gesunken. Das hilft auch Afrika an vielen Stellen. Afrika hat viele Möglichkeiten der Nutzung erneuerbarer Energien, die Geothermie in Kenia ist ein Beispiel von vielen. Aber man sollte auch an die Länder denken, die eigene fossile Rohstoffe haben. Ist dort eine wirtschaftliche Entwicklung ohne Ausbeute von Öl, Gas und Kohle möglich? Diese Frage ist eine Herausforderung. Wir versuchen unseren Beitrag zu leisten, dass Afrika der saubere Kontinent wird. Zusammen mit den Niederländern haben wir im Auftrag der Bundesregierung über 18 Millionen Afrikanern Zugang zu erneuerbaren Energie verschafft.

Die GIZ begleitet auch den Green-Climate-Fund. Reichen dessen Mittel eigentlich?

Der Green-Climate-Fund ist die multilaterale Institution, die bei den Weltklimakonferenzen entwickelt worden war und ab 2020 jährlich 100 Milliarden Dollar mobilisieren soll. Bei ihm geht es um Projekte der Vermeidung von Kohlendioxid-Emissionen sowie um Anpassungen an den Klimawandel in Entwicklungsländern. Wir von der GIZ haben in unserem Portfolio ein Drittel von Projekten mit Bezug zum Thema Klima. Da war es für uns wichtig, als „Umsetzer“ beim Green Climate Fund akkreditiert zu werden. Das ist uns gelungen. In einem ersten Projekt in Grenada werden wir für 100.000 Inselbewohner die Wasserversorgung im Inselstaat widerstandsfähiger gegen die Auswirkungen des Klimawandels machen. Im Moment ist der Green Climate Fund gut ausgestattet, aber eines Tages sind die Mittel erschöpft und man wird ihn wieder auffüllen müssen. Aber das wird Thema der Klimakonferenzen sein.

Ganz unmittelbar auf Deutschland wirkt sich ein Rekrutierungsprogramm der GIZ für Pflegekräfte aus. Seit 2013 haben sie 2000 Mitarbeiter aus drei Balkanländern, den Philippinen und Tunesien geholt. Aber können die auch Deutsch?

Wir nennen das Programm Triple-Win, weil es insgesamt drei Gewinner kennt. Es betrifft Länder, in denen mehr Pflegekräfte ausgebildet werden, als tatsächlich beschäftigt werden. Die Fachkräfte profitieren von den relativ guten Löhne und können mit einem Teil davon ihre Familien daheim finanzieren oder unterstützen. Das Entsendeland selbst begrüßt die Rücküberweisungen und der dritte Gewinner ist natürlich Deutschland, das zu wenig Pflegekräfte hat. Eine Grundvoraussetzung des Programms ist, dass es vorher im Ausland schon Deutschkurse gibt. Auch muss die Ausbildung in Deutschland anerkannt sein.

China ist ein wirtschaftsstarker Global Player und Großinvestor – warum muss sich die GIZ in China immer noch engagieren?

Wir heißen nicht umsonst Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit. Es gibt eine Vielzahl von globalen Fragen, bei der der Austausch und das gemeinsame Arbeiten an Lösungen wichtig ist. China ist auch bei vielen internationalen Fragen ein Global Player, wir werden zum Beispiel beim Klimaschutz nicht erfolgreich sein, wenn wir nicht auch mit China sprechen. Wir sind mit China seit Jahren in einem Dialog über den Rechtsstaat, den wir und die Bundesregierung bemüht sind, am Leben zu erhalten. China hat eine wachsende Mittelschicht, die auf Motorisierung setzt. Da drängt sich die Frage der Luftverschmutzung natürlich auf. Die wesentlichen Projekte, die wir in China machen, sind auch für andere Schwellenländer interessant. Die orientieren sich danach, was China macht. Auch deshalb ist es wichtig, künftig im Land zu bleiben.

Wie gefällt Ihnen die Arbeit bei der GIZ, wie hat sich die Organisation seit Ihrem Amtsantritt 2012 entwickelt?

Mir gefällt der Job hier ausgesprochen gut, ich könnte mir kaum einen schöneren vorstellen. Die Arbeit hat eine unglaubliche thematische Breite. Sie ist geprägt vom Nachhaltigkeitsgedanken, man ist international tätig und trotzdem eingebunden in die deutsche Diskussion. Es ist ein Job an der Schnittstelle zwischen Politik und Markt. Zur Entwicklung der GIZ: Wir hatten 2013 einen kleinen Rückgang beim Umsatz, von 2,1 Milliarden Euro im Vorjahr auf 1,9 Milliarden – das war eine Delle, die nicht einfach war. Seitdem ging es stetig bergauf auf derzeit 2,6 Milliarden Umsatz – das ist eine Steigerung um gut 20 Prozent. Bei den Mitarbeiterzahlen lagen wir 2012 bei 16.200, jetzt haben wir 20.000. Die Herausforderung besteht darin, die Organisation so zu entwickeln, dass sie mit dem rasanten Wachstum gut zurecht kommt.

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