Französische Nachwuchsspieler gelten als Exportschlager. Für viele ist es die große Chance zum sozialen Aufstieg. Auch Tanguy Coulibaly vom VfB Stuttgart gehört in diese Reihe – und hat mit Moussa Diaby vom Pokalgegner Bayer Leverkusen einiges gemein.
Stuttgart - Das Geschehen in deutschen Fußballstadien wäre am Wochenende langweiliger gewesen, hätten nicht Kicker aus Frankreich für ein paar Glanzlichter gesorgt. In Leipzig rettete Christopher Nkunku (22) mit einem Gewaltschuss dem Gastgeber immerhin einen Punkt, nachdem zuvor im Gladbacher Sturm Alassane Pléa (26) getroffen und Marcus Thuram (22) gewirbelt hatte. In Hoffenheim konnte zwar auch der Linksaußen Moussa Diaby (20) die Niederlage von Bayer Leverkusen nicht verhindern, doch war sein Führungstreffer aus der Kategorie besonders sehenswert.
Nur aus Österreich kommen noch mehr Bundesliga-Legionäre
Neben Wein, Käse und störanfälligen Mittelklasseautos zählen Nachwuchsfußballer zu den größten Exportschlagern Frankreichs. In der Bundesliga stellen sie mit 26 Profis inzwischen die zweitgrößte Gastarbeiterfraktion nach Österreich (29), in der englischen Premier League sind es sogar 29 – Tendenz steigend. „Die Dichte an Talenten ist sehr hoch, der Wettbewerb um diese Spieler wird immer intensiver“, sagt Sven Mislintat, Sportdirektor des VfB Stuttgart und einer der intimsten Kenner des französischen Fußballmarkts.
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In Diensten von Borussia Dortmund hat Mislintat einst Ousmane Dembélé (22) für 15 Millionen Euro von Stade Rennes verpflichtet – für 125 Millionen wurde der Dribbler ein Jahr später an den FC Barcelona weitergegeben. Auf 28 Millionen ist der Marktwert des Verteidigers Dan-Axel Zagadou (20) gestiegen, den Mislintat 2017 ablösefrei aus der B-Mannschaft von Paris St-Germain geholt hat. Und auch in seiner Zeit beim FC Arsenal landete das „Diamantenauge“ mit dem Transfer von Mattéo Guendouzi (20) einen Volltreffer: Für acht Millionen vom FC Lorient verpflichtet wird der Wert des jungen Mittelfeldspielers inzwischen auf 50 Millionen taxiert.
Also hat es sich Mislintat nicht nehmen lassen, auch den VfB-Kader im Sommer mit einem verheißungsvollen Offensivtalent aus Frankreich zu ergänzen: Tanguy Coulibaly (18), ablösefrei aus dem PSG-Nachwuchs gekommen. Zwar wartet der Tempodribbler noch auf seinen Durchbruch und hat in der zweiten Liga erst einen Kurzeinsatz bestritten – doch sieht Mislintat keinerlei Grund zum zweifeln: „Er ist einer unserer Perspektivspieler.“
Die Flügelstürmer Moussa Diaby von Bayer Leverkusen und Tanguy Coulibaly vom VfB, deren Mannschaften an diesem Mittwoch (18.30 Uhr, Liveticker) im Achtelfinale des DFB-Pokals aufeinandertreffen, sind gewissermaßen Prototypen des französischen Fußballnachwuchses. Beide wuchsen in einfachen Verhältnissen auf und durchliefen die Nachwuchsakademie des Großclubs PSG, in dessen erster Mannschaft sie keine dauerhaften Chancen sahen; für beide bedeutete der Fußball schon sehr früh nicht nur ein schönes Hobby, sondern die große Chance zum sozialen Aufstieg.
Tanguy Coulibaly ist das älteste von sechs Geschwistern
Aus Mali stammen die Eltern von Moussa Diaby, der in einem Pariser Banlieue aufgewachsen ist und von klein auf gelernt hat, sich durchzusetzen. Tanguy Coulibaly, in einem Vorort der Hauptstadt geboren, hat als ältestes von sechs Geschwistern schon früh Verantwortung übernommen und seine alleinerziehende Mutter unterstützt. Auch Silas Wamangituka (20), im Sommer für acht Millionen Euro vom FC Paris nach Stuttgart gewechselt, gehört in diese Kategorie. Er ist zwar gebürtiger Kongolese, einen wichtigen Teil seiner fußballerischen Ausbildung absolvierte aber auch er in Frankreich. „Bei solchen Spielern spürt man großen Hunger auf Erfolg und den unbedingten Willen“, sagt Mislintat, „das macht den Unterschied, ob es jemand nach oben schafft oder nicht.“ VfB-Chef Thomas Hitzlsperger war es, der zuletzt angemahnt hatte, dem deutschen Nachwuchs fehle oft die Eigenmotivation.
Einen weiteren Vorteil der Franzosen gegenüber dem hiesigen Nachwuchs sieht Mislintat in der Ausbildung an den Nachwuchsakademien. Woran sich der DFB und die Nachwuchsleistungszentren erst seit dem WM-Debakel 2018 wieder erinnern, werde in Frankreich schon viel länger praktiziert: Die Förderung der Individualität, die Ausbildung von Persönlichkeiten auf und neben dem Spielfeld.